Feature über Antisemitismus

Noch immer Alltag

Im Jahr 2017 ereignen sich in Deutschland immer noch antisemitisch-motivierte Straftaten. Davon sind auch Juden in Leipzig betroffen. Damit umzugehen ist für sie nicht immer leicht.
Rabbiner Zsolt Balla in seiner Synagoge
Rabbiner Zsolt Balla in der Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde Leipzig

Im April 2017 veröffentlichte der "unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" seinen zweiten Bericht über Antisemitismus in Deutschland. Dabei kam man zu zwei grundlegenden Ergebnissen: Zum einen spielen antisemitische Einstellungen auch in der Mitte der Gesellschaft immer noch eine Rolle. Gleichzeitig nimmt die nicht-jüdische Bevölkerung dies aber gar nicht so wahr. 77 Prozent der Einwohner schätzen die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland als viel geringer ein. Anders sieht das die Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden, wie Umfrageergebnisse zeigen. Für sie ist Antisemitismus eine Alltagserfahrung.

Svetlana Tarassova ist Leiterin der Jugendgruppe in der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Sie ist der Meinung unter Antisemitismus verstehe man häufig in erster Linie die Ereignisse zur Zeit des Dritten Reiches. Dabei seien Juden heutzutage ebenso davon betroffen - von einem Antisemitismus, der sich anders und vielfältiger äußert. Heute werde niemand mehr getötet, aber man gönne den Juden dennoch nicht das Recht jüdisch zu sein. Man müsse sich immer wieder dafür rechtfertigen Jude zu sein und habe unangenehme Gefühle dabei.

Erfahrungen im Alltag

Svetlana Tarassova erzählt, dass sie konkrete Straftaten in der Öffentlichkeit eher selten beobachtet. Es seien viel mehr die typischen Alltagssituationen, in denen antisemitische Einstellungen deutlich zum Ausdruck kommen. Einmal zum Beispiel hat sie Kinder auf der Straße beobachtet:

Ich habe gesehen, wie sie gespielt haben. Und einer hat den Nazisoldaten gespielt und zum anderen „Stirb du Jude“ gerufen. Und dann verprügelte der eine Junge den anderen. Die beiden waren so sechs Jahre alt. Natürlich zeigen nicht die Kinder selbst ihre antisemitischen Züge, aber das kommt von irgendwo. Das bedeutet, dass dieses Thema trotzdem noch da ist.

Svetlana Tarassova

Auch wenn die antisemitischen Einstellungen immer noch allgegenwärtig sind, betont Tarassova, dass man deswegen nicht als Jude in ständiger Gefahr schwebe. Man könne sich nicht beschweren, dass alles schlecht sei - trotz der konkreten Probleme. Beseitigen könne man solche Vorfälle zwar nicht, aber auf ein Minimum reduzieren. Aufklärung muss im Alltag anfangen. Das sieht auch der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus. Er empfiehlt deswegen mit der Aufklärung auch im Alltag anzufangen: Beim Fußballspielen, in der Theatergruppe, beim gemeinsamen Abendessen.

Das Feature "Wir wollen uns nicht beschweren, aber..." liefert einem Einblick in die jüdische Kultur und das Selbstverständnis der Juden in Leipzig. Sie können es hier nachhören:

"Wir wollen uns nicht beschweren, aber..." – Ein Feature von Lars-Hendrik Setz und Julien Reimer
0606 Feature Antisemitismus

Mit Musik von Steven Doman.

 

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Hendrik Zimny
06.06.2017 - 18:38

Mehr zum Thema:

Den kompletten Bericht des Expertenkreis Antisemitismus finden sie hier.

Die Webpräsenz des Vereins Synagoge und Begegnungszentrum Leipzig. Er fördert das jüdische Kulturzentrum Ariowitsch Haus.

Das Dokumentationsprojekt chronik.LE sammelt und dokumentiert antisemitische Straftaten in Leipzig mit dem Ziel die Menschen aufzuklären und ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen.