DOK 2018

Unsichtbare Kriegsverletzungen

In der Ostukraine tobt ein Krieg zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten. Wie ergeht es jedoch den traumatisierten Kriegsheimkehrenden? Welche Hilfe bietet ihnen der Staat? Der Film "No Obvious Signs" bietet Antworten darauf.
Szene aus "No Obvious Signs"
Äußerlich unversehrt, innerlich tobt noch immer ein Krieg

Den Beitrag zum Nachhören findet Ihr hier:

Eine Filmkritik zu "No Obvious Signs" von Karen Müller
3010 No obvious signs Mitschnitt

In einer Sitzung bei ihrer Psychotherapeutin erklärt Oksana, warum sie im Vorfeld zugestimmt habe, sich filmen zu lassen:

Damit diejenigen, die [an die Frontlinie] gehen werden, hierfür den Preis kennen.

Bitter fügt sie hinzu:

Das Glück, das gewahrt bliebe.

Oksana, hochdekorierte Soldatin der ukrainischen Armee, kennt den hohen Preis ihres dreijährigen Kampfeinsatzes in der Ostukraine.

Nach dem Krieg zu überleben ist viel schwieriger als im Einsatz zu sterben.

Nach ihrer Heimkehr leidet die 46-Jährige an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die äußert sich bei ihr in unangekündigten Weinkrämpfen, Schlafstörungen und Enochlophobie, der beständigen Angst vor Menschenansammlungen. Trotzdem kann man von „Glück im Unglück“ sprechen. Anders als viele ihrer Kameradinnen und Kameraden befindet sich Oksana in einer privilegierten Position: Sie erhält umfassende, ärztliche Betreuung in einer Klinik. Meditation-, Sport- und Wellnessprogramm inklusive. In einer beklemmenden Szene sitzt Oksana im Halbdunkel, schreibt auf Anweisung der Psychologin alle negativ konnotierten Gedanken nieder. Mit belegter Stimme und gesenktem Kopf berichtet sie von ihren Kriegserlebnissen, während sie unbewusst an einem Haargummi herumspielt.  

Es war der 6. Februar. Zum ersten Mal im Verlauf des Krieges wurden ein Mädchen vor meinen Augen getötet. Sanitätspersonal, so winzig, so zerbrechlich. Sie wurde in Hälften gerissen. Der Sarg wurde direkt vor Ort angefertigt. Er musste zur Hälfte luftdicht sein. Gott bewahre jeden davor das zu sehen. Bis heute diese Schuld: Warum musste sie umkommen und ich nicht?

"Es genügt ein Blick in ihre Augen"

„No Obvious Signs“ ist eine psychologische Beobachtungsstudie. Der Film zeichnet das intime und erschütternde Porträt einer Kriegsveteranin, der es große Probleme bereitet, sich wieder in ihrem normalen Alltag zurechtzufinden. Unaufdringlich begleitet die Kamera Oksanas Weg zur Rehabilitation, ausgehend von ihrem Klinikaufenthalt bis zum Wiedereintritt ins alte Berufsleben. Keinen Hehl macht der Dokumentarfilm aus seiner (berechtigten) Kritik an der Regierung Kiews, auf die auch der Filmtitel „No Obvious Signs“ verweist. Keine sichtbaren Anzeichen. Diese Phrase dient dem Krankenhauspersonal als fragwürdige Rechtfertigung, um traumatisierten Kriegsheimkehrenden die dringend benötigte, psychologische Hilfe zu verweigern – weil sie, äußerlich gesehen, keinen Schaden davongetragen haben. Eine fatale Entwicklung, deren negative Konsequenzen bereits spürbar sind: Einem diesjährigen MDR-Bericht zufolge gab es seit Kriegsausbruch schätzungsweise über 1000 Suizide von Soldaten.  

 

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Yavnykh proyaviv nemaye ("No Obvious Signs")

Internationaler Wettbewerb, DOK 2018

Regie: Alina Gorlova

Protagonistin: Oksana Yakubova

Laufzeit: 62 Minuten

 

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