Frisch gepresst: Ben Howard

Nimm Dir Zeit, wenn Du sie brauchst

Mit „Noonday Dream“ veröffentlicht Ben Howard sein drittes Album. Damit erntet der Engländer wie gewohnt Lob und Jubel - und das verdient. Er klinkt sich ganz bewusst aus und ist mutig genug, Unsicherheiten auszuhalten. Egal, was die anderen sagen.
Ben Howard
Ben Howard zeigt mit seinem dritten Album, was ungekünstelte Coolness ausmacht.

Ihr nervt. Diesen Eindruck muss Ben Howard in den vergangenen vier Jahren immer wieder gehabt haben. Nach der Veröffentlichung seines zweiten Albums „I Forget Where We Were“ (2014) und dem damit einhergehenden Tourstress war der britische Singer-Songwriter erschöpft. Vom Medienrummel in der Musikbranche und den ganzen Zirkus um seine Person. Von ständigen Interviews und dem Druck seine Kunst allen erklären zu müssen. Ben Howard  – von Kopf bis Fuß Musiker, aber eben kein Entertainer – hatte irgendwann gar keine Lust mehr, überhaupt noch Songs zu schreiben und zu veröffentlichen.

Der Engländer hatte der Musik also fast abgeschworen und suchte nach Orten, um seiner Festgefahrenheit zu entkommen. Deshalb reiste er mehrere Male nach Nicaragua, wo er sich intensiv mit dem Schaffen heimischer Dichter auseinandersetzte. Den Gedanken, selbst Gedichte zu schreiben verwarf er zügig – aufgrund mangelnden Talents, wie er selbst begründet. Und wie das so ist mit einer Leidenschaft, ganz losgelassen hat die Musik ihn dann doch nicht. 

Ganz frisch steht jetzt „Noonday Dream“ in den Plattenläden. Ben Howard hat sich Zeit genommen und Druck (egal ob von Fans oder Label) standgehalten, um sein drittes Album in aller Ruhe fertigzustellen. Um die Produktion hat er sich allein gekümmert und war dafür ständig in Studios zwischen Südfrankreich und Cornwall zu Hause. 

Braucht Platz, nimmt Platz 

Das Ergebnis: ein Howard'sches Meisterwerk. Jeder einzelne Song wirkt wie ein behutsam aufgebautes Projekt. Der 31-Jährige verschwendet wie gewohnt keinen Gedanken an Mainstreamtauglichkeit – die meisten Songs sind schwermütig und nehmen viel Raum und Platz ein. Fast alle Tracks sind mindestens fünf Minuten lang und wenige davon werden sich in die Radiolandschaft verirren. Eine weitere Sache, die Ben Howard einfach nicht zu interessieren scheint. „A Boat To An Island On The Sea“ steht recht stellvertretend für das ganze Album: Markantes Gitarrenspiel, Howards murmelnder Gesang und die Liebe zum Minimalismus. Andere Songs sind treibender („The Defeat“) und wabern und flirren („Nica Libre At Dusk“), fallen aber nie komplett aus der Form. Dadurch ist es „Noonday Dream“ möglich, als beseelte, ausgeglichene Einheit Ohren und Geist gleichermaßen einzunehmen.

Textlich arbeitet Howard, wie wir es von ihm gewohnt sind. Seine Lyrics ähneln in den meisten Fällen bildlichen und feinsinnigen Gedichtzeilen mehr als einer klassischen Erzählstruktur. Ein Indiz dafür, dass er seine Fähigkeiten als Dichter eventuell unterschätzt. 

Die Kraft, Dinge sein zu lassen

Dank seinem mehrfach ausgezeichneten Debütalbum „Every Kingdom“ (2011) versuchte die Öffentlichkeit schnell, Ben Howard als „sonnigen Surferboy“ zu labeln. Über die Jahre wurde er immer wieder mit Kollegen wie Ed Sheeran oder James Bay verglichen. Aha, dachte die Fachpresse, ein britischer Singer-Songwriter Anfang 20. Ja, da haben wir doch direkt eine Schublade für! Spätestens mit Nachfolger „I Forget Where We Were“ machte er klar, dass er da weder reinwill noch reinpasst. Howards Songs sind mehr bitter als süß, melancholisch und seidig, handeln von Schmerz und Verlusten, aber auch dem Heilen.

„Noonday Dream“ profitiert besonders von Howards Gelassenheit, Dinge ihren eigenen Weg gehen lassen. Das Album ist eine Suche, ein Stromern ohne genau definiertes Ziel. Am Ende kommt er trotzdem an. Die losen Enden verbinden sich – ganz natürlich und ganz ohne großes Tamtam.

 

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Ariane Seidl
06.06.2018 - 09:51
  Kultur

Ben Howard: Noonday Dream

Tracklist:

*Anspieltipps 

1) Nica Libres At Dusk* 
2) The Towing Of The Line 
3) A Boat To An Island On The Wall* 
4) What The Moon Does 
5) Someone In The Doorway 
6) All Down The Mines (interlude) 
7) The Defeat* 
8) A Boat To An Island, Part II / Agatha’s Song
9) There’s Your Man 
10) Murmurations

Erscheinungsdatum: 01.06.2018
UMI / Island Records

Nur zu Besuch:

Auch, wenn Ben Howard momentan nicht mehr zwischen Nicaragua, Cornwall und Südfrankreich pendelt, richtig sesshaft geworden ist er nach wie vor nicht. Momentan lebt er in einem AirBnB in Paris, außerdem ist er wieder auf Tour durch Europa. Im September wird Ben Howard auf dem Lollapalooza in Berlin zu sehen sein.