Interview: Tristan Brusch

Nicht unterhalten, sondern berühr'n

Im Juni veröffentlichte Tristan Brusch sein Debüt „Das Paradies“, erst vor kurzem war er damit auf Tour. Das bietet jede Menge Gesprächsstoff. Tristan Brusch über Heimat, Schnelllebigkeit und sein Dasein als aufstrebende Schlagergöttin.
Tristan Brusch
Das Paradies in deutschen Clubs: Tristan Brusch in Leipzig.

Musik ist der schlimmste Schulhof der Welt, schlimmer noch als in jeder Teenieschnulze. Es geht um Coolness, Ansehen und Szenenzugehörigkeit. Dumm, findet Tristan Brusch. Musik soll Menschen berühren, nicht definieren. Deshalb hat er ein Album gemacht, das fast platzt vor Vielseitigkeit. „Das Paradies“ besteht aus Songs, die Brusch geschrieben und auf ein Album gepackt hat - einfach, weil er Lust drauf hatte. Dabei gibt's donnernde, wütende Parolen („Trümmer“) zwischem melancholischen Chanson („Tier“) und funkelndem Trashpop („Hier kommt euer bester Freund“). Wer auf geschmeidige, geschliffene Alben wert legt, wird enttäuscht: „Das Paradies“ ist kratzig und aufgewühlt, kommt nie so ganz zur Ruhe. Darauf ist Tristan Brusch, selbst gelangweilt von der Homogenität moderner Popalben aber auch stolz: 

Ich liebe Musik, die sich so anhört; ich liebe aber auch Musik, die sich anders anhört. [...] Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, dass auch Songs, die automatisch aus mir rauskommen, die dann auf'n Album zu packen, nur um es irgendwie homogener zu machen. Ich finde es auch eigentlich meistens total langweilig, wenn ein ganzes Album sich so gleich anhört und dann hör' ich's eigentlich auch nicht so gern. Meine Lieblingsalben sind auf jeden Fall Alben, die total divers sind.

- Tristan Brusch

Viel auf einmal, aber auch viel Potential

Tristan Brusch beweist: Pop, besonders deutscher Pop, kann auch 2018 noch ganz schön spannend sein. Auch, wenn „Das Paradies“ beim ersten Hören ziemlich viele Eindrücke bietet, die es zu Verarbeiten gibt, lohnt sich das Dranbleiben. Denn es ist eins von den Alben, bei denen es auch beim zehnten Hören noch etwas Neues zu entdecken gibt. Die Chance muss man ihm aber erst mal geben. In Zeiten von Spotify & Co. fehlt vielen von uns die Geduld, sich noch ausgiebig mit ganzen Alben, Künstlerinnen und Künstlern zu beschäftigen. Wenn es sie beim ersten Klick nicht vom Hocker wirft, landet die Platte in der Vergessenheit. Was schade ist, weil einiges an Potential übersehen wird. Das findet auch Tristan Brusch:

Das kann man ganz zweifelsfrei sagen, dass diese Zeit vorbei ist, in der dieses Format Album so eine Selbstverständlichkeit hat. [...] Ich find' das natürlich schade, weil das dadurch abflachen muss. Wenn man sich selbst nur noch einen Song Zeit gibt um 'nen Künstler zu verstehen, da muss man gar nicht weiter drüber reden, dass man da nicht so tief eintauchen kann.

- Tristan Brusch

 

Eine Reise ins Paradies

Und da hat er recht. Die Menschen, die auf seine Konzerte kommen, sind kommen vielleicht nicht in Legionen, aber mit einer Attitüde. Sie haben Bock. Bock auf das Album, Bock auf Tristan und Bock auf die Show. Seine Songs sind mittlerweile auch ihre Songs. Und so sind ihre Augen auf die Bühne gepinnt, als Tristan das erste Mal die Bühne betritt - noch bevor sein Set beginnt. Er bittet um Ruhe für seine Vorband Smatka. Auch hier die Bitte, einfach mal zuzuhören. Auch, wenn es einem vielleicht nicht gefällt. Das Publikum kommt Bruschs Aufruf nach und lauscht Smatka. Die Sängerin führt zwischen Nebel und Bässen durch ihr selbsterbautes Eden. 

 

Schnauze voll vom Szenequark

Später, als Tristan und Band die Bühne betreten, ist das Naumanns am Rand der Ekstase. Er singt von Hässlichkeit, Liebe, Verlust, Wut, Trauer und Glück - und alle singen mit. Zur absoluten Freude Bruschs, der ganz im Zeichen von Schlagergöttin Helene Fischer Musik machen will, die irgendwem irgendwas bedeutet. Egal, ob sie jetzt cool ist oder nicht:

Dass ist das, was ich [am Schlager] geil finde: Es geht da nicht um Coolheit oder irgendnen Szenequark oder 'ne Mode oder so, sondern es geht einfach nur ums Herz. [...] Wenn ich auf der Bühne bin, dann merke ich, dass ich anscheinend wirklich Lieder geschrieben hab', die den Leuten wirklich was bedeuten. Und auch, wenn das natürlich nicht so viele sind wie die, die zum Helene-Fischer-Konzert [gehen], fühle ich mich doch genau so, dass sich dieses Zitat* bestätigt hat. Das finde ich einfach total geil, da bin ich total stolz drauf.

- Tristan Brusch

Das Interview in voller Länge findet ihr hier zum Nachhören:

Tristan Brusch im Gespräch mit Musikredakteurin Ariane Seidl.
 
 

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*„Dieses Zitat“ entstand im Gespräch mit dem Diffus-Magazin. Tristan verkündetete damals:

Ich will auf jeden Fall auf den großen Schlagerbühnen landen. Und ich will, dass Helene Fischer nicht mehr Schlagergöttin ist, sondern ich die neue Schlagergöttin bin.