Literaturrezension

Nicht perfekt und dennoch glücklich

Mit den persönlichen Vorsätzen für ein neues Jahr ist das so eine Sache. Die Hauptfigur in Anneliese Mackintoshs neuem Roman hat sich nicht nur vorgenommen, sich vom Alkoholkonsum zu entwöhnen. Überdies will sie vor allem glücklich werden.
Romancover Anneliese Mackintosh

Nach dem Aufstehen erstmal das Leergut der Nacht entsorgen, dann (noch reichlich verkatert) zur Arbeit. Zum Feierabend das lang ersehnte Bier als Auftakt zu einer Reihe weiterer und härterer Spirituosen. Schließlich zum Einschlafen noch einen gepflegten Longdrink.
So oder so ähnlich verlief der Alltag von Ottila McGregor in ihren Mitzwanzigern.
Doch das soll sich jetzt ändern. Nicht nur dem Alkohol will sie bis auf weiteres entsagen. Auch die zahlreichen Affären mit Frauen und Männern, aus denen nie eine längere Beziehung geworden ist, reichen ihr nicht mehr. Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres hat sich Ottila vorgenommen, schlicht glücklich zu werden. Unterstützende Wegbegleitung ist ihr dabei unter anderem das sogenannte Kleine Buch vom Glück mit Zitaten rund um dieses Thema. Kurzerhand macht sie es sich als eine Art persönliches Tagebuch zu eigen.

Liebes KBVG.

Ab heute pimpe ich dich mal ein bisschen. Kleb dir neue Seiten ein, lass dich eine Weile von meinem Scheißleben erzählen. Wenn ich fertig bin, bist du das DICKE FETTE BUCH VOM VERDAMMT PERFEKTEN GLÜCK, und ich werde dann seit einem ganzen Jahr keinen Alkohol mehr getrunken haben. Wirst schon sehen, Freundchen, wirst schon sehen.

Deine Ottila McGregor, die ab jetzt alles anders macht

Verdammt perfekt & furchtbar glücklich, S. 13 

Blut ist dicker als Alkohol

Handlungsort der Geschichte ist das britische Manchester. Ihrer ambitionierten Hauptfigur stellt Autorin Anneliese Mackintosh weitere Charaktere zur Seite. Eine wichtige Rolle spielt der engste Kreis ihrer Familie. Seit etwa drei Jahren Halbwaise, pflegt Ottila engen Kontakt mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Mina. Letztere lebt die meiste Zeit der Erzählung in der geschlossenen Psychiatrie, von wo aus sie per Sms- und Snapchat-Nachrichten mit Ottila kommuniziert.

Snapchat von Mina Teenymeeny Heute Mein Kopf fühlt sich so komisch an, so als wäre mein Gehirn nass geworden. Kannst du Mum bitten, den Arzt zu fragen, ob irgendwie Wasser reingekommen sein könnte? Und wie war noch mal dein zweiter Vorname? Ich vergesse alles Mögliche, es ist nicht schön. :<

Verdammt perfekt & furchtbar glücklich, S. 147

Zwischenmenschliche Beziehungen sind ein zentrales Thema in Anneliese Mackintoshs Roman. Sowohl familiäre Angelegenheiten als auch Freundschaften und Liebesbeziehungen beschäftigen die Protagonistin. Zum einen prägen die sozialen Verbindungen Ottila persönlich. Zum anderen steuern sie aktiv die Handlung des Romans: Ihr vertraute Personen erzählen die Geschichte sozusagen mit.

Ein Leben in Dokumenten

Neben Tagebucheinträgen und digitalen Nachrichten verwendet die Autorin zahlreiche weitere Formate. Passagen, die Ottila aus der Ich-Perspektive erzählt, ergänzen diverse Schriftstücke aus fremder Feder. Geheime Botschaften auf Notizzetteln vom Liebhaber, Gesprächsprotokolle von Therapiesitzungen, Ausschnitte aus Blogs und Selbsthilfebüchern. Offizielle und inoffizielle Dokumente –jedes Fragment scheint zunächst für sich zu stehen. Nicht immer knüpft es offensichtlich an das vorhergehende an oder leitet das folgende ein. Dennoch wird früher oder später ein Zusammenhang erkennbar.
So führt Ottila etwa in einem Gedankenprotokoll ihre Phantasien über einen gemeinsamen Abend mit dem Mann aus, für den sie schwärmt. Anschließend steht da:

Kassenbon

 

Kartoffeln lose 2,25

Steckrüben lose 1,21

Kartoffelchips mit Haggis Würze 1,29

Ginger Beer 1l 0,64

Durex Kondome Wundertüte (20 Stck) 14,99

...

25/01/14, 18:02

Verdammt perfekt & furchtbar glücklich, S.  26

Britisches Flair

Überflüssig, Ottila erzählen zu lassen, wie sie vor dem Besuch die Zutaten für das gemeinsame Abendessen einkaufen geht. Wie nebenbei illustriert die Autorin hier außerdem die Kultur, in der sie ihre Geschichte ansiedelt. Das sogenannte Burns Supper, zu dem traditionell Haggis zubereitet und gegessen wird, ist eine schottisches Ritual zu Ehren des Dichters Robert Burns.

Hier zeigt sich wohl mitunter die Ausbildung  der Schriftstellerin im Kreativen Schreiben. Die Kreativität scheint sie ganz besonders bei der Wahl der Erzählweise auszuleben. Immer wieder setzt Anneliese Mackintosh die einzelnen Dokumente oder Ausschnitte der Konversationen so geschickt hintereinander, dass sich die Handlungsstränge sozusagen gegenseitig erzählen.

Er-nüchtert

Zugegeben, revolutionär sind sie nicht. Im Gegenteil. Doch das macht Ottila nahbar. Jede Leserin könnte gewissermaßen sie sein; oder eine der anderen Charaktere. Unterdessen führt die Lektüre sicherlich zu einer Erkenntnis: Allein der verbale Austausch mit anderen, sagt erstaunlich viel über das Leben einzelner (Personen) aus. Und wem das vor dem passenderen Originaltitel „So happy it hurts“ zu nüchtern ist, sei das folgende Zitat aus den Gedanken der Protagonistin nahegelegt.

Nüchternheit und Glück funktionieren nach demselben Prinzip: immer schön einen Tag nach dem anderen.

Verdammt perfekt & furchtbar glücklich, S. 247 

Die gesamte Rezension zum Nachhören:

Eine Literaturrezension von Frauke Siebels
Anneliese Mackintosh Rezi
 

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