Filmkritik "Leatherface"

Nagelneue Kettensäge

Im Jahr 1974 erschien mit Tobe Hoopers "Texas Chainsaw Massacre" ein Meilenstein des Horrorkinos. Mittlerweile umfasst die Reihe ganze acht Filme. In "Leatherface" wird nun bereits zum zweiten Mal die Vorgeschichte zum blutigen Treiben erzählt.
Szene aus "Leatherface"
Wer wird hier zum Serienmörder?

Bevor man über Leatherface spricht, lohnt es sich, einen Blick auf die Geschichte der Horrorreihe zu werfen. Das Original (deutscher Titel: Blutgericht in Texas) von 1974 gilt als absoluter Klassiker und war seinerzeit ein Schocker sondergleichen, der nicht zuletzt durch seine Zensurgeschichte Kultstatus erreichte. Viele Jahre stand der Film wegen vermeintlicher Gewaltverherrlichung auf dem Index, in Deutschland existierten unzählige geschnittene Fassungen. Erst 2011 gelang Turbine Medien im Rahmen eines Gerichtsverfahrens die Freigabe des Horrorstreifens, der seitdem endlich ungekürzt verkauft werden darf. Eine Tatsache, die verwundert, wenn man bedenkt, dass der Film aus heutiger Sicht für viele eher angestaubt wirken und wenige schocken dürfte.

Das Blutgericht in Texas erhielt neben drei Fortsetzungen eine Neuverfilmung von Transformers - Regisseur Michael Bay im Jahr 2003. Der Kettensägen-Hype nahm kein Ende: Es folgten das Prequel Texas Chainsaw Massacre: The Beginning (2006) und eine weitere Fortsetzung in 3D namens Texas Chainsaw 3D. Da die letzten Einträge der Filmreihe bei Publikum und Kritik eher durchfielen, wagte man 2017 mit Leatherface erneut einen überraschenden Neustart der Reihe. Dieses Mal wird zum zweiten Mal die Vorgeschichte des Kettensägen-Killers erzählt.

Blutiger Kindergeburtstag

Die Bauernfamilie Sawyer sitzt abends am Küchentisch. Es ist der Geburtstag des jüngsten Sohnes der Familie, der fröhlich die Kerzen auf der Torte ausbläst. Plötzlich packt Mama (gespielt von Conjuring-Star Lili Taylor) die Kettensäge aus. Zum Nachtisch soll ihr Sohn einen Mann damit zerteilen. Weil auf der Sawyer-Farm öfter mal Menschen verschwinden, sollen die Kinder in die Psychiatrie gesteckt werden.

Einige Jahre später tritt eben in dieser psychiatrischen Klinik die junge Krankenschwester Lizzy (Vanessa Grazze) ihren ersten Arbeitstag an und an dem geht es ordentlich rund. Vier Jugendliche nehmen Lizzy gefangen und brechen aus der Anstalt aus. Während sie von einem rachsüchtigen Gesetzeshüter (Stephen Dorff) verfolgt werden, befindet sich unter den Jugendlichen eine Person, die zu dem Mann namens "Leatherface" werden wird, der mit Kettensäge und einer Maske aus menschlicher Gesichtshaut Jagd auf Menschen macht.

Szene aus "Leatherface"
Die Insassen fliehen durch Texas

Stets bemüht...

...ist das Regieduo hinter Leatherface. Alexandre Bustillo und Julien Maury geben sich tatsächlich viel Mühe, der Reihe frisches Blut einzupumpen. Ihr Film ist als Roadmovie durch Texas inszeniert, bei dem es unterwegs natürlich einige Leichen gibt. Damit hebt sich Leatherface von den sieben vorherigen Filmen erzählerisch deutlich ab. Außerdem hat die Geschichte einen ganz netten Twist zu bieten, denn das Publikum wird an der Nase herumgeführt, wenn es um die Frage geht, wer hier eigentlich der Böse ist. Erst am Ende erfährt man, wer später Leatherface werden wird. Man hat zwar immer wieder eine Vermutung, aber letztendlich ist es dann doch jemand anderes. Zumindest für dieses Konzept

Szene aus "Leatherface"
The Revenant lässt grüßen...

kann Leatherface Pluspunkte sammeln. Ansonsten ist dieser achte Eintrag in der Texas Chainsaw - Reihe nämlich eine ziemliche Enttäuschung.

Wer psychologischen Grusel erwartet, ist hier an der falschen Adresse. In Leatherface werden Gliedmaßen abgeschnitten und abgeschossen, Köpfe zertreten und das Blut fließt literweise. Wenig erstaunlich also, dass die ungeschnittene Fassung des Films in Deutschland mal wieder nicht durch die FSK-Prüfung gekommen ist. Bei den Gewaltspitzen hat man zum Glück auf Computereffekte verzichtet, sondern setzt ganz auf Prothesen und aufwendiges Make-up, was die Gewalt um einiges erschütternder wirken lässt als in so manch anderem modernen Horrorfilm. Die beiden Regisseure sind in diesem Metier bekanntlich ja auch schon reichlich erfahren, immerhin haben sie in dem französischen Splatterinferno Inside gezeigt, wie einer Schwangeren das Kind aus dem Bauch geschnitten wird. Nichtsdestotrotz wirken die Mordszenen nach kurzer Zeit ermüdend, weil sich die Regisseure in der Gewalt regelrecht suhlen und mit ihr über das schwache Drehbuch hinwegtäuschen wollen, aber mit einem Kanister Kunstblut kann man eben auch keinen ganzen Film füllen. Neben effekthascherischen Todesszenen hat Leatherface nämlich in der Umsetzung nicht viel zu bieten. Von dem psychologischen Terror, den das Original aus den 70ern zu bieten hatte, ist hier gar nichts mehr zu spüren. Die Reihe ist zu billigstem Splatterkino verkommen.

Langweiliger Aufguss

Leatherface kann sich damit rühmen, so ziemlich der blutigste der acht Filme zu sein. Nur ein Film war auf visueller Ebene noch sadistischer und grausamer, nämlich Texas Chainsaw: The Beginning, der ebenfalls die Vorgeschichte des Killers erzählte. Auch The Beginning war ein sehr durchwachsener Film, aber definitiv das überzeugendere Prequel.

Szene aus "Leatherface"
Die Geburt eines Serienkillers

Im Gegensatz zu The Beginning gelingt es Leatherface überhaupt nicht, die Atmosphäre des Originals einzufangen. Nimmt man dieses oder selbst die Neuverfilmung her, konnte man den Schmutz und den Gestank in der texanischen Hitze regelrecht im Wohnzimmer fühlen. Leatherface hingegen ist optisch trotz literweise Blut sehr steril ausgefallen, eine bedrohliche Stimmung kommt nie auf. Das liegt auch daran, dass sämtliche Figuren kaum Profil erhalten und einem herzlich egal sind. Die Geschichte hat neben der Frage "Wer wird Leatherface?" ebenfalls nichts zu bieten und schleppt sich nur von einer Gewaltszene zur nächsten. Erst ganz am Ende kommt so etwas wie gruselige Atmosphäre auf, wenn die wenigen Überlebenden am Schlachthof der Sawyers ankommen und die Kettensäge endlich ausgepackt wird, auf die das Publikum 70 zähe Minuten warten musste.

Fazit

Leatherface ist ein einigermaßen unterhaltsamer Splatterfilm geworden, der bemüht ist, einen frischen Ansatz zu wählen. Leider scheitert das Konzept an dem schwachen Drehbuch und dem ständigen Bestreben, sich immer wieder an Grausamkeit überbieten zu müssen. Fans der Reihe werden erst im Finale wieder auf ihre Kosten kommen, ansonsten gelingt es Leatherface - leider wie erwartet - keinesfalls, den Schrecken des Originals heraufzubeschwören.

 

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Leatherface - The Source of Evil:

Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury

Laufzeit: 82 Minuten (gekürzte Fassung), 87 Minuten (ungekürzte Fassung)

Cast: Lily Taylor, Finn Jones, Stephen Dorff, Vanessa Grasse, Sam Coleman und viele mehr

FSK: 18 (gekürzte Fassung)

Spio/JK geprüft: keine schwere Jugendgefährdung (ungekürzte Fassung)

beide Fassungen sind seit dem 19.12.2017 auf Blu Ray und DVD im Vertrieb von Turbine Medien in verschiedenen Editionen erhältlich.