Filmrezension "Beach Rats"

Nackte Seele

In "Beach Rats" lässt Regisseurin Eliza Hittman einen Jugendlichen seine Homosexualität entdecken. 2017 gab es dafür den Regiepreis beim Sundance-Festival.
Szene aus "Beach Rats"
Frankie sucht nach Akzeptanz

Es ist Sommer auf Coney Island. Frankie (Harris Dickinson) ist ein Teenager, der es nicht leicht hat im Leben. Sein Vater liegt im Sterben und seine Mutter wünscht sich krampfhaft endlich eine Schwiegertochter. Tatsächlich bahnt sich eine Liebesgeschichte an, als Frankie Simone (Madeline Weinsteion) kennenlernt. Doch die Beziehung der beiden bleibt kühl und distanziert. Frankie entflieht immer wieder seinem trostlosen Alltag, indem er im Internet mit älteren Männern flirtet und sich nachts mit ihnen trifft. Frankie hat Angst davor, dass seine machohaften Freunde von seinem Geheimnis erfahren, und der Druck von allen Seiten macht ihm zunehmend zu schaffen.

Schmerzhaftes Erwachsenwerden

Bereits in ihrem ersten Film namens "It Felt Like Love" erforschte Regisseurin Eliza Hittman die Abgründe der Jugend und des Erwachsenwerdens. "Beach Rats" wirkt auf den ersten Blick wie eine typische Coming Out - Geschichte, am Ende steht die Homosexualität der Hauptfigur aber gar nicht unbedingt im Mittelpunkt. Zumindest nicht so, wie man es von ähnlichen Genrefilmen gewohnt ist. Vielmehr ist Beach Rats eine unangenehme Milieustudie, ein spannendes Portrait einer zerrissenen Hauptfigur, die eigentlich noch das ganze Leben vor sich hat, aber dennoch einer bedrückend trostlosen Zukunft entgegenblickt.

Harris Dickinson glänzt in der Hauptrolle. Viele Worte verliert er nicht, aber mit seinen Blicken und dem offenherzigen Spiel legt Dickinson einen regelrechten Seelenstriptease hin und scheut sich in den Sexszenen nicht vor Nacktheit. Besagte Sexszenen wirken sehr natürlich und intim, auch wenn Eliza Hittman mithilfe oftmals dunkler Ausleuchtung auf eine allzu explizite Darstellung verzichtet. Fast dokumentarisch wird hier der Weg der Hauptfigur verfolgt. Mit seiner provokativen Offenheit und der gleichzeitigen Zärtlichkeit erinnert "Beach Rats" beinahe an die Werke von Larry Clark, der in Filmen wie "Kids", "Ken Park" oder jüngst "The Smell Of Us" ebenfalls in die Abgründe des Erwachsenwerdens eintaucht.

Drohendes Unheil

"Beach Rats" ist beklemmend und sorgt mit fortschreitender Laufzeit für eine immer stärker werdende Anspannung. So sinnlich und zärtlich Eliza Hittman ihren Protagonisten in Szene setzt, so konsequent zieht sie die Schlinge um ihn und das Publikum immer enger zusammen. Besonders Frankies Freunde wirken extrem unsympathisch und beinahe gefährlich. Frankie passt sich mit machohafter Fassade seinem Umfeld an und lässt sich immer wieder zu Taten überreden, die er später noch bereuen wird. "Beach Rats" steuert dabei unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Zumindest glaubt man das, wenn man den Film sieht. Hittman beschwört nämlich eine bedrohliche Atmosphäre in der Gruppe der Jugendlichen herauf, die es 2017 zuletzt vielleicht so in dem polnischen Skandalschocker "Playground" von Bartosz Kowalski zu erleben gab.

Die ganze Zeit über glaubt man, dass etwas Furchtbares am Ende passieren wird. Tatsächlich geschehen schlimme Dinge, aber der große Knall bleibt irgendwie aus. Daher mag die ein oder andere Person im Publikum vielleicht am Ende erleichtert aufatmen, dass der Extremfall nicht eingetreten ist, aber gleichzeitig wirkt "Beach Rats" dabei zu antiklimatisch, um tiefere Spuren zu hinterlassen. Letztendlich verläuft sich die Geschichte in gewisser Weise im Nichts, es gibt keine Erlösung für niemanden. Stattdessen geht alles so weiter wie bisher. Ein ernüchterndes Bild, mit dem die Regisseurin ihr Publikum entlässt.

Fazit

"Beach Rats" ist eine sehr eindringliche, geschickt inszenierte Milieustudie und eine bedrückende Geschichte über Liebe und Leid eines Jugendlichen. Leider bleibt die Zuspitzung der Geschichte zu ereignisarm und nüchtern, um lange im Gedächtnis zu bleiben. Der große Knall bleibt aus, ein spannendes, stark gespieltes Charakterportrait ist "Beach Rats" dennoch.

 

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Beach Rats

Regie: Eliza Hittman

Laufzeit: 98 Minuten

FSK 16

Kinostart: 25. Januar 2018

Cast: Harris Dickinson, Madeline Weinstein, Kate Hodge, Neal Huff und andere