RAZZ - Nocturnal

Musikalische Schlaflosigkeit

Deutsche Indiebands sind momentan auf der Überholspur unterwegs. Giant Rooks, Kytes, Leoniden - die Liste ist lang. Auf der steht seit 2012 auch RAZZ. Die junge Band aus dem Emsland hat jetzt ihre zweite Platte "Nocturnal" veröffentlicht.
RAZZ haben mit "Nocturnal" ihr zweites Album am Start.
RAZZ haben mit "Nocturnal" ihr zweites Album am Start.

Seit 2012 sind Niklas, Christian, Stephen und Lukas als RAZZ unterwegs. Das erste Album der Band stand nach zwei veröffentlichten Singles im Oktober 2015 in den Musikgeschäften. Der Sound auf "With Your Hands We'll Conquer" wurde damals oft mit dem der Kings Of Leon verglichen - nicht zuletzt wegen der auffällig tiefen und starken Stimme von Sänger Niklas.

Nach zwei Jahren ist nun das zweite Album da. "Nocturnal" heißt die Platte und soll, so die vierköpfige Band, experimenteller, elektronischer und lyrischer als das Debüt sein. Der Opener lässt an dieser Aussage allerdings ein wenig zweifeln. "Paralysed" klingt so, wie man die Emsländer vor ein paar Jahren kennengelernt hat. Schlagzeug, Gitarren, kräftige Stimme. Nicht umsonst war dieser Song der erste Vorgeschmack auf „Nocturnal“.

Also „Paralysed“ war unsere erste Single und wir hatten uns so gedacht, dass es eine Brücke schlägt vom ersten zum zweiten Album. Und „Let It In, Let It Out“ geht jetzt schon mehr in diese neuere Richtung vom zweiten Album; hat so ein paar, ganz leichte elektronischere Einflüsse. Und ja, die dritte Single wird dann nochmal ein Schritt weiter in dieses zweite Album rein. Man hört glaube ich schon, dass wir uns auch musikalisch weiterentwickelt haben und einfach ein bisschen reifer geworden sind.

Nach ihrem Debüt kommen RAZZ jetzt aus sich heraus. Auf dem ersten Album ähnelten sich die Songs oft im musikalischen Aufbau. Das ist jetzt anders. Die Jungs trauen sich an Synthies und bauen längere Instrumentalteile ein; weichen aber nicht von eingängigen Refrains ab. Wie schon auf der ersten Platte beweisen RAZZihr Gespür für Melodien, die im Ohr bleiben. Dass sie dabei an große Indie-Bands wie etwa Two Door Cinema Club erinnern ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Im Fall von RAZZ endet das aber nicht in Belanglosigkeit, sondern in einem Sound, der auch international durchstarten könnte.

RAZZ unternehmen aber auch Ausflüge in für sie bisher unbekannte Klanggewässer. Für „Another Heart, Another Mind“ haben sie sich Unterstützung von Giant Rooks geholt. Über zwei Jahre haben sie mit der noch jüngeren Band aus Hamm an dem Song gearbeitet. Herausgekommen ist eine tanzbare Elektronummer – die experimentellste auf dem ganzen Album. Auch weil RAZZ und Giant Rooks mit Stimmverzerrungen gearbeitet haben. Hier kann man sich allerdings darüber streiten, ob es die wirklich gebraucht hätte. Dass sich RAZZ weiterentwickelt haben und sich auch musikalisch mehr trauen, liegt zu einem großen Teil auch daran, dass sie endgültig zu Berufsmusikern geworden sind. Ist das erste Album noch zwischen Fußball und Ausbildung entstanden, konnten sich RAZZ jetzt genug Zeit für die Produktion lassen.

Ich glaube vor allem, als wir letztes Jahr im Juni angefangen haben, die Songs selbst in unserem Proberaum aufzunehmen, also die Demos, hatten wir einfach wahnsinnig viel Zeit, auch nebenher daran zu arbeiten. Und dadurch sind die ebenso reif und vielleicht ein bisschen tiefer.

RAZZ

Auf mehr Tiefe setzen RAZZ auch bei ihren Texten. Der Titel des Albums macht dabei schon deutlich, worum es auf "Nocturnal" geht.

„Ich hab relativ viele Lyrics auch nachts geschrieben, weil ich total viel Druck hatte, mir viel Druck gemacht hab. Jeder kennt das irgendwie - dieses Zerdenken nachts; dass man wach liegt und denkt: „Shit, ist das grad alles gut genug, erfüllt das die Ansprüche aller Fans und kommt das auch gut an bei denen." Und dieses Zerdenken zieht sich ein bisschen durch das ganze Album und ist so ein bisschen das Konzept des Albums.“

Insgesamt liefern RAZZ ein gutes Album ab. Dass sie sich nach der Schule ganz der Musik verschrieben haben, ist auf „Nocturnal“ spürbar. Mit Experimenten wachsen die Jungs über ihren gewohnten Gitarrenrock hinaus. An manchen Stellen sind Einflüsse von großen Indie-Bands nicht zu überhören. Trotzdem liefern sie keine billigen Kopien. Stattdessen überzeugen sie mit elf Songs, von denen mindestens die Hälfte Ohrwurmpotenzial besitzen.

 

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Lucie Herrmann
18.09.2017 - 11:39
  Kultur

RAZZ: Nocturnal

Tracklist:

1   Paralysed *
2   Trapdoor
3   Could Sleep
4   Another Heart/Another Mind *
5   Silver Lining
6   Step, Step, Step
7   By & By
8   Lecter *
9   Let It In, Let It Out *
10 If There Was A Light
11 Breathe In

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 08.09.2017
Four Artists

Mitte September starten RAZZ ihre Nocturnal Tour durch Deutschland. Am 9. Dezember machen sie auch Halt im Täubchenthal Leipzig.

Beim Rocken am Brocken Festival haben wir ein langes Interview mit RAZZ geführt. Hier könnt ihr es hören.