Nachbericht: Appletree Garden Festival

Musik an, Land unter!

Beinahe hätte ein Unwetter der feierwütigen Menge einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch Diepholz hielt zusammen und so konnte das Appletree Garden Festival munter weitergehen. Unsere Redakteurinnen waren dabei.
Appletree Garden Festival
Appletree Garden Festival 2019

Donnerstag

Ab in den Norden! Getreu dieses Mottos bahnen wir uns am Donnerstag unseren Weg Richtung Diepholz. Da am selben Wochenende das Wacken Festival nördlich von Hamburg stattfinden soll, sind wir besorgt, dass wir es mit einer vollen Autobahn und ebenso vollen Rastplätzen zu tun haben werden. Diese Sorge bleibt unbegründet und wir kommen zur geplanten Zeit in dem niedersächsischen Dorf an. Was man über das Appletree Garden Festival wissen muss: Es ist ein kleines Festival. Wir würden uns „nur“ mit 5.000 anderen Besuchenden das Camping- und Festivalgelände und den Parkplatz teilen müssen, was die Anfahrt entspannt gestaltet und auch wenn wir erst mehrere Stunden nach Öffnung des Zeltplatzes ankommen, ist es dann trotzdem nicht so schwer, einen Platz auf dem überschaubaren Gelände zu finden.  

Den Startschuss für die nächsten zweieinhalb Tage schießt für uns die Deutschpop Band Neufundland aus Köln.  Die haben richtig Bock, denn zumindest der Sänger war früher selbst Besucher auf dem Appletree und scheint sehr davon angetan, jetzt selbst dort spielen zu können.

Das Kontrastprogramm zu den poppig-rockigen Neufundländern bietet dann Joan as Police Woman. Wir hatten uns sehr auf die poppigen Soulklänge der New Yorkerin gefreut und das bekommen wir dann auch. Zwischen Klavier und Gitarre wechselnd liefert Joan solide solo ab, was vor allem an ihrer tiefgängigen Stimme liegt. Viel Performance gibt’s nämlich nicht und der Hit „Tell Me“ hätte mit Band wahrscheinlich ein wenig besser funktioniert.

Joan As Policewoman
Joan As Policewoman

Der Rest des Tages wird dann richtig funky: Erst versammeln das Dance- und Electronic Trio Kerala Dust aus London gefühlt das ganze Appletree Publikum im gemütlichen Spiegelzelt und machen ordentlich Party. Danach heizen ihre Genrekollegen Franc Moody, ebenfalls aus der britischen Hauptstadt, ordentlich ein. An den Trainingsanzug im Keyboard-Style von einem der Frontmänner und die pure Freude, die die gesamte Band ausstrahlt, werden wir uns wohl noch länger erinnern. 

 

Franc Moddy
Franc Moody

Freitag

Tag Zwei! Eigentlich hatten wir fest eine Yoga Stunde auf dem Plan, aber die lassen wir dann doch sein, denn wer ist um 9 Uhr schon bereit für Sport? Deswegen ist der erste Programmpunkt Faces on TV aka Jasper Maekelberg aus Belgien. Der performt verdammt gut und hat mit seinem cleveren Art-Pop wahrscheinlich nicht nur uns den Kopf verdreht (zum Beweis gern den Hit „Love / Dead“ anhören!).

Faces on TV
Faces on TV

Danach wird es aber erst richtig spannend, denn die Booker des Festivals hatten einen Konzert-Slot freigelassen. „Secret Act“ steht statt einem Bandnamen auf dem Timetable. Irgendwas scheint sich herumgesprochen zu haben, denn der Platz vor der Waldbühne ist brechend voll.  Es wird noch voller als die ersten Töne von AnnenMayKantereits „Marie“ ertönen und viele Menschen mit sehr euphorischen Gesichtern angerannt kommen. Man mag von den Kantereits denken was man will, aber sie machen Leute verdammt happy, vor allem, wenn man sie nicht erwartet.

Für uns geht’s aber nach einigen Minuten zum Interview mit Tamino. Danach lauschen wir den ehemaligen Sänger von Sizarr Fabian Altstötter. Der nennt sich Jungstötter und dessen jazziger Lounge-Pop ist definitiv eines der Highlights. Definitiv merken und live sehen!
 

Was dann kommt, hatte der Wetterbericht zwar angesagt, aber so richtig hatte wohl keiner damit gerechnet: Kurz vor dem ersehnten Auftritt von Tamino fängt es an vom Himmel zu schütten und wir suchen Unterschlupf im Merch-Zelt. Die Hoffnung, dass das Unwetter vorbeizieht, stirbt bald und jemand von der Security weist alle an, das Gelände zu verlassen und in den Autos Obhut zu suchen. Das Gelände wird evakuiert, das Programm auf Weiteres unterbrochen und wir verweilen nach einer dramatisch-nassen Flucht im Catering-Gebäude. Nach zwei Stunden Regen und Gewitter stehen die meisten Zelte auch noch, die Bewohner der Gemeinde Diepholz nimmt trotzdem viele Festivalbesuchende auf und sogar die Grundschule öffnet ihre Tore für alle Gestrandeten. Bei uns ist aber alles gut, leider erfahren wir nicht davon, dass die Headliner Bonaparte und Käptn Peng zu später Stunde doch noch auf der Bühne stehen.

Samstag

Alle sind nochmal mit einem Schrecken davongekommen und deshalb geht das Festival am nächsten Tag auch wie geplant weiter. Nach einem Abstecher ins Dorf geht’s zu den Screenshots. Die machen deutschen Punkrock und sind nur unter ihren Pseudonymen Susi Bumms, Kurt Prödel und Dax Werner bekannt. Wer auf Twitter-Satire und schrammige Gitarren steht, der hat bei dem Trio aus Krefeld definitiv Spaß.

Appletree Garden Festival
Appletree Garden Festival

Und Spaß gibt’s danach auch bei Blond, die zwar zu wenige Songs für ein volles Set haben, die Zeit aber mit Aerobic Übungen, Rap-Einlagen und Zaubertricks überbrücken.
Ernsthafter wird es dann bei Say Yes Dog, die auch die Sonne wieder zurückbringen und richtig voll machen dann die Giant Rooks aus Hamm das Gelände.

Giant Rooks
Giant Rooks

Nach unserem Interview mit Balthazar platzieren wir uns vor der Hauptbühne und warten auf Kate Tempest. Die Spoken-Word und Grime Künstlerin hatte für ziemliche Kontroversen gesorgt, als sie sich für die Anti-Israel Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) ausgesprochen hatte. Schon zuvor hatten einige Leute, die Tempest ihr Engagement als Anti-Semitismus auslegen, sich gegen ihren Auftritt auf Facebook stark gemacht. Eine kleine Demo gibt es auch im Publikum. Die Gruppe bleibt zwar ruhig, die Engländerin zeigt trotzdem irgendwann den Stinkefinger. Nach einigen Songs stellt sie aber fest: „We have different opinions, but I still love you“. Seltsam. Die Show ist trotz allem sehr beeindruckend und die Bässe zerfetzen uns fast die Gehörgänge.

Kate Tempest
Kate Tempest

Den Abschluss bilden Balthazar und Cari Cari. Erstere sind mit ihrem abwechslungsreichen Indie-Rock und ihren neuen Songs sowieso immer eine Empfehlung wert und letztere klingen nach Tarantino-esquer Westernmusik. Auch wenn der Sound der Österreicher recht monoton ist, macht es Spaß, dem Duo und vor allem Stephanie Widmer dabei zuzusehen, wie sie scheinbar mühelos zwischen Didgeridoo, Schlagzeug und Gitarre hin und her wechselt.

Balthazar

Fazit

Für uns bleibt am Tag der Abreise eigentlich nur noch eines zu tun: Müllpfand holen und Zelte abbauen. Spaß hatten wir trotz Unwetter definitiv und das liebevoll gestaltete Gelände samt Glitzerstation und sehr leckeren Essensmöglichkeiten ist allemal eine Reise wert. Wer zusätzlich noch gute Musik und Aktivitäten wie Yoga und einen Sprung ins nicht weit entfernte Freibad sucht, der sollte sich das Appletree Garden ganz fett auf dem Festivalkalender markieren.

 

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Marie Jainta
09.08.2019 - 15:01
  Kultur

Wann? 1. bis 3. August

Wo? Diepholz

Wer war dabei? Fil Bo Riva, Blond, Alli Neumann, Balthazar, Giant Rooks, Bonaparte und viele mehr