Konzertbericht

Ms Rock'n'Roll ist wieder da

Seit einem Zusammenbruch vor fünf Jahren war nichts mehr von ihr zu hören: Amy Macdonald. Nun tourt die Songwriterin mit einer neuen Platte. Am Montag war sie zu Gast im Haus Auensee.
Bewaffnet mit einer Akustikgitarre traf die Schottin in die Herzen ihrer Leipziger Fangemeinde
Bewaffnet mit einer Akustikgitarre traf die Schottin in die Herzen ihrer Leipziger Fangemeinde

Erwartungen

„And you're singing the Sooongs, thinking this is the liiiiife....“ hach ja, das waren noch Zeiten. Höre ich dieses Lied, dann bin ich wieder 13 Jahre alt und über beide Ohren verknallt. In ein Mädchen aus meiner Klasse wohlgemerkt, nicht in Amy Macdonald. Nennen wir sie Clara! Als wir im Musikunterricht die Aufgabe bekamen, Songtexte zu präsentieren, suchte sich Clara etwas vom Album This is the Life aus: „I will love until my heart it aches, I will love until my heart it breaks“ ...und tja, das war das erste Mal, dass ich mit der schottischen Musikerin in Berührung kam. Dann kaufte ich mir natürlich gleich die CD und hörte sie rauf und runter, bis ich jeden Track auch Wort für Wort mitsingen konnte. Wundervoll kitschig, oder?

Die erste Liebe verging unerwidert, das Album blieb. Es fuhr mit in die Familienurlaube, begleitete mich viele hundert Kilometer im klapprigen Focus und blieb für Jahre ein wichtiger Bestandteil meiner allwöchentlichen Dosis Musik. Als 2010 dann das zweite Album A Curious Thing erschien, war ich irgendwie enttäuscht. Das klang doch gar nicht mehr nach der Amy, die ich kannte... diese ehrlichen Worte, fast wie von Angesicht zu Angesicht gesprochen – jetzt wirkten sie aalglatt und die Instrumentals zum Teil auch überproduziert. Zu viel Drumherum, zu wenig Essenz des Songwriting. Mit dem dritten Album Life in a Beautiful Light versuchte sie, dahin zurückzukehren. Wirklich hängen geblieben ist aber auch davon nicht viel.

So war ich eher verhalten euphorisch, als ich las, dass Amy Macdonald mit Platte Numero 4 auf Tour ist und auch in Leipzig Halt macht. Das Release von Under Stars war vollkommen an mir vorbeigegangen. Könnte das Konzert eine Enttäuschung werden? Gerade die dürftige Akustik im Haus Auensee vermag schließlich einiges an Schwung aus so manchem Gig zu nehmen. Aber es hilft ja nichts: ich muss hin... Das würde mir ja ewig nachhängen, wenn ich Amy Macdonald verpasse. Also, auf auf in den Auwald!

Erster Eindruck

Hui, ich senke eindeutig den Altersschnitt. Aber seit ich bei einem Konzert der silberbärtigen Seemänner von Santiano der gefühlt einzige Twen unter den Besuchern war, bin ich dahin gehend abgehärtet. Und mit meiner Glatze füge ich mich eigentlich ganz gut ins Bild ein. Die Demografie im Saal mag auch an der Größe der anwesenden Portemonnaies liegen, dafür sorgte 5-fach-Platin. This is the Life verkaufte sich mehr als 6 Millionen mal, das zieht natürlich bis heute die Ticketpreise an. Aber das kann doch nicht der Hauptgrund für das ältere Klientel um mich herum sein? Nein, denn eine Sache kommt erschwerend hinzu: In den vergangenen Jahren war Amy Macdonald musikalisch einfach kein Thema mehr, also wieso sollte sie bei den jetzigen Teenies noch besonders präsent sein? Ihr letzter Charterfolg war die Single „Don't Tell Me That It's Over“ und die liegt nun etwa sieben Jahre zurück. Ist die kreative Luft raus bei der erst 29-jährigen Schottin? Das Limit für den legendären Club 27 hat sie auf jeden Fall überschritten!

Wie auch immer, das Haus Auensee ist auf jeden Fall bis in den letzten Winkel gefüllt, hier passt absolut niemand mehr rein. Als Vorband trumpft Amy Macdonald mit dem Kollegen Newton Faulkner auf, ebenfalls Singer-Songwriter und ebenfalls mit seinem Debütalbum 2007 zu einigem Ruhm gelangt. Hand Built by Robots erreichte Doppelplatin und Platz 1 der britischen Charts, wirklich in Deutschland angekommen ist seine Musik dahingegen nie. Heute Nacht allerdings schon, der Brite spielt sich die Seele aus dem Leib und holt alles aus seiner Gitarre, was nur irgend möglich ist. Da kommt doch Vorfreude auf den Hauptact auf...

Die Show

Eben noch erwähnt: Mit „Don't Tell Me That It's Over“ geht's los und zwar mit einem Knall! Der Song gehört zu ihren wenigen wirklich multi-instrumentalischen und fast schon epischen Titeln. Eigentlich nicht ihre Kernkompetenz, aber zum Einstieg einer Show annähernd perfekt! Natürlich wird eifrig der Refrain mitgesungen. Und dann kommt er: der gesamte Mittelteil des Konzertes. Wie soll ich das beschreiben? Amy Macdonald drückt auf's Gas, gibt alles und das kann man ihr ansehen, sie spielt und singt fehlerfrei... und doch mag kein Hochgefühl aufkommen.

Vielleicht liegt es am anwesenden Publikum, das zwar artig jubelt, aber sicher nie bis zur Heiserkeit. Vielleicht am dumpfen Hall der Location. Vielleicht versteht einfach niemand die Künstlerin, wenn sie zwischen den Songs mit der Menge redet und auf Reaktionen wartet, die dann nur vereinzelt oder gar nicht kommen. Man kann es den Konzertbesuchern auch nicht verübeln, als waschechte Schottin hat Ms Rock'n'Roll einen ziemlich intensiven Akzent. Sind die Englischkenntnisse da gerade genug für den einen oder anderen Liedtext, hilft einem das jetzt nicht unbedingt weiter. Wenn Amy Macdonald singt und wenn sie spricht, das sind zwei ganz unterschiedliche paar Schuhe. Verstanden haben es dann aber scheinbar die meisten, als die Sängerin zu einem Verzicht auf Handykameras aufruft. Das tut sie nicht vorwurfsvoll, sondern ganz im Interesse von „eurem Konzerterlebnis“, wie sie sagt. Dafür wird ausgiebig geklatscht. Wahrscheinlich sogar von denjenigen, welche zuvor ausgiebig mitgefilmt haben.

In der Menge kommen natürlich auch ihre großen Hits gut an, allen voran „This is the Life“. Doch zwischen einigen anderen, leicht ersetzbaren Stücken und ihrer ausführlichen Erklärung zu deren Entstehung entstehen schnell Längen und Müdigkeit kommt auf. Gegen Ende der Show verfliegt diese aber wieder schnell und zu „Let's Start A Band“wird dann noch einmal ordentlich abgetanzt.

Fazit

Und dieser Abschlusssong ist wohl auch hängen geblieben: In der Nacht darauf träume ich nämlich davon, mit Freunden eine Band zu gründen. Wenn auch nicht in Glasgow, sondern irgendwo in den amerikanischen Südstaaten. Verstehe einer mein Gehirn... naja, Hauptsache, es war kein Albtraum! Auch das Konzert hinterlässt insgesamt ein positives, wenn auch nicht unbedingt traumhaftes Gefühl. Ich bin einerseits froh, Amy Macdonald einmal live erlebt zu haben. Musikalisch versteht sie einfach hier Handwerk. Andererseits habe ich das Gefühl bekommen, dass sie mit ihrer Akustikgitarre eher in kleine Clubs gehört und ihre Musik dort viel eher zur Geltung kommt als in großen Konzertsälen wie dem Haus Auensee oder dem heimischen Barrowland Ballroom. Von ihren neuen Songs ist vor allem „Down By The Water“ hängengeblieben, die Melodie lässt sich gerade so noch mitsummen. Der Rest macht dort weiter, wo die dritte Platte Life In A Beautiful Light zuletzt so unspektakulär aufgehört hatte. So bleibt bei mir die Hoffnung, dass Amy Macdonald kreativ noch so einiges zu bieten hat. Sollte dies nämlich nicht der Fall sein, wird schon in einigen Jahren auch der Nährboden für Konzerte unfruchtbar werden. Und das wäre wirklich schade!

 

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Maximilian Enderling
23.03.2017 - 15:03
  Kultur

Amy Macdonald: Under Stars

Tracklist:

1. Dream On *

2. Under Stars

3. Automatic

4. Down By The Water

5. Leap Of Faith *

6. Never Too Late

7. The Rise & Fall

8. Feed My Fire

9. The Contender

10. Prepare To Fall

11. From The Ashes

 

* Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 17.02.2017
EMI (Universal Music)