Frisch Gepresst: Jaime

Ms. Howard stellt sich vor

Bisher war Brittany Howard bekannt als die Sängerin und Gitarristin von der Bluesrock-Band Alabama Shakes. Jetzt hat sie ihr Solo-Debüt veröffentlicht - und das ist ziemlich beeindruckend.
Brittany Howard
Brittany Howard

Brittany Howard hat eine spannende Geschichte. Sie ist das Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, aufgewachsen ist sie im US-Bundesstaat Alabama. Das allein sorgte schon dafür, dass sie ihre Identität hinterfragt. Ist sie schwarz, ist sie weiß? Hinzukommt, dass sie lesbisch ist, was ihr Leben im tief religiösen und konservativen Alabama vermutlich nicht einfacher gemacht hat.
Als Howard neun Jahre alt war, starb ihre drei Jahre ältere Schwester Jaime an einem Tumor im Auge. Howard litt an derselben Krankheit und ist seither auf einem Auge teilweise blind. Bald nach dem Tod ihrer Schwester verließ ihr Vater die Familie. 

Ein Album als Therapie

All diese Dinge hat Brittany Howard auf ihrem Solo-Debüt "Jaime" verarbeitet. Wer genau mitgelesen hat, wird sofort bemerkt haben, dass Howard ihr Album nach ihrer Schwester benannt hat. Das hat Howard nach eigener Aussage getan, um diesen Namen von den traurigen Erinnerungen zu befreien, die sie damit verbindet. Sie will damit die Dinge verbinden, die sie von ihrer Schwester gelernt hat: Musik, Kunst, Kreativität.
Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Howard verarbeitet auch ihre Kindheitserfahrungen mit Rassismus gegenüber ihrer Familie:

Who slashed my dad's tires and put a goat head in the back?
I guess I wasn't suposed to know that, too bad
I guess I'm not supposed to mind 'cause I'm brown, I'm not black
But who said that?
See, I'm black, I'm not white

"Goat Head" - Brittany Howard

Howard verarbeitet vieles auf "Jaime", auch ab von familiären Dingen. Diese Emotionalität steht im Gegensatz zu ihren anderen Musikprojekten. Die Band Alabama Shakes und die Projekte Bermuda Triangle und Thunderbitch, in denen sie tätig ist, waren für Howard nicht die richtige Plattform, um ihre Wunden zu heilen. Auf "Jaime" hat sie das jetzt getan. Rassismus, Religiosität, Homosexualität, Politik, Liebe - es ist ein Rundumschlag. Insbesondere der Song "13th Century Metal" sticht hervor. Textlich ist der Song eine Art alternativer Amtseid für den US-Präsidenten. Howard schrieb ihn nach der letzten Präsidentschaftswahl in den USA.

I am dedicated to oppose those whose will is to divide us
And who are determined to keep us in the dark ages of fear
I hear the voices of the unheard
Speak for those who cannot speak
And shelter the minds that carry a message
Of peace, love, and prosperity

"13th Century Metal" - Brittany Howard

Bemerkenswert an dem Album ist, dass Howard ihrer Wut und Frustration zwar Luft macht, dabei aber nie aggressiv klingt. Sie nutzt die Kraft dieser Gefühle, um sie in Kreativität umzuwandeln.
Die positiveren Tracks des Albums verlieren dadurch aber nicht an Wert. Das sind vor allem die Songs, in denen es um Howards Liebesleben geht. Sie politisiert ihre Sexualität nicht, sondern beschäftigt sich mit ihren Emotionen. Da Howard meistens über ihre aktuelle Partnerin singt, sind diese Emotionen von positiver Natur.

Ein musikalisches Puzzle

Brittany Howards Sexualität und ihre Hautfarbe sind für sie indentitätsgebend, das wird auf "Jaime" klar - auch musikalisch. Das Album ist ein Genremix, der fast ausschließlich aus ursprünglich schwarzen Musikrichtungen besteht. Jazz, Funk, R'n'B, Soul - sie alle sind vertreten. Auffällig sind auch die Drums, die sehr präsent sind und sich fast wie ein Herzschlag durch das Album ziehen.

Diese Vielfältigkeit wird aber nicht überwältigend. Howards Umgang mit Musik und Genres ist meisterhaft. Ihre Vocals sind unverkennbar und bilden gemeinsame mit den Drums den roten Faden des Albums, an dem man sich festhalten kann. Genau wie jeder Song eine andere Geschichte erzählt, braucht auch jeder Song seine eigene Musikalität, um diese Geschichte zu untermalen. Deswegen ist überraschen die einzelnen Lieder zwar. Am Ende des Albums fügen sich die einzelnen Teile aber zusammen und ergeben ein großes Ganzes.

Das überrascht, denn die Songs auf dem Album sind zum Teil schon einige Jahre alt. Howard hat sie nicht gezielt für das Album eingespielt, sondern hatte einige davon auf ihrem Laptop gespeichert. Viele der Tracks sind durch Zufall entstanden. Den Song "Run to Me" hat Howard geschrieben, während sie ihre Dusche putzte. Selbst die Vocals hat sie währenddessen über ihr Headset aufgenommen. Andere Lieder sind zufällig entstanden, indem Howard an der Musik-Produktions-Software auf ihrem Laptop rumgespielt hat. Aber es gibt auch Songs wie die Single "Stay High", die Howard ganz klassisch für das Album geschrieben hat. Trotzdem passen alle Tracks zueinander und machen das Album zu einem großen, bunten, beeindruckenden Puzzle.

Fazit

Im Grunde hat Brittany Howard mit "Jaime" eine Platte geschaffen, die ganz und gar sie selbst ist. Ihre Persönlichkeit und ihre Identität durchdringen das Album. Ihre Songs sind kleine Fenster, die einen in ihre Vergangenheit und ihre Gefühle darüber blicken lassen. Man sieht nicht alles. Aber man sieht genug, um zu wissen, wer Brittany Howard ist. Und das sollte man auch nicht so schnell wieder vergessen.

"Stay High" - Brittany Howard

 

 

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Charlotte Peters
25.09.2019 - 22:23
  Kultur

Brittany Howard: Jaime

Tracklist:

1. History Repeats

2. He Loves Me

3. Georgia

4. Stay High

5. Tomorrow

6. Short and Sweet

7. 13th Century Metal

8. Baby

9. Goat Head

10. Presence

11. Run to Me

Erscheinungsdatum: 20.09.2019
Columbia