Literaturrezension

Moralische Reizüberflutung

Philip Hübl ist vielen noch von seinem ersten Buch "Folge dem weißen Kaninchen" ein Begriff. Sein neustes Buch "Die aufgeregte Gesellschaft" beschäftigt sich mit der Bedeutung von Emotionen für die Moral einer Gesellschaft.
Mob
Mob

Die Bilder die seit 2015 durch die Nachrichten gehen, berühren, emotionalisieren und polarisieren. Tausende ehrenamtliche Helferinnen und Helfer stehen auf der einen, ein grölender Mob auf der anderen Seite. Und irgendwo dazwischen steht die Frage: Woher kommt diese Lücke in der Gesellschaft?

Es sind düstere Umstände, in denen sich der Philosoph und Autor Philip Hübl entscheidet, sein neues Buch zu schreiben. Ein erster Impuls ist die Finanzkrise 2008. Tausende Menschen suchen 2015 Zuflucht in Deutschland. Und mit ihnen viele moralische Fragen. Und die Suche nach Antworten.

Ekel statt Wut

Die Antworten versucht Hübl mithilfe von Emotionen zu finden. Angst und Wut ... diese beiden Gefühle würde man wohl am ehesten mit der aktuellen Diskussion verbinden. Wir reden über Wutbürger und über die Angst vor Globalisierung… und Hübl spricht über Ekel. Was erstmal paradox klingen mag, denn bei Ekel hat man vielleicht sofort die gammlige Stulle aus der Schultasche im Sinn – aber wie soll man daran bitte entscheiden ob etwas richtig oder falsch ist? Ein Beispiel:

Julie und Mark sind erwachsene Geschwister. Im Urlaub kommen sie auf die Idee, dass es toll wäre, miteinander zu schlafen. Julie nimmt die Pille. Um sicherzugehen, verwendet Mark zusätzlich ein Kondom. Beide erleben eine schöne Nacht. Niemand bekommt etwas mit. Julie und Mark schlafen danach nie wieder miteinander und die Nacht bleibt ihr Geheimnis. Sie leiden später nicht unter dem, was sie getan haben. Im Gegenteil: Es bringt Sie noch näher zusammen.“

Auszug aus "Die aufgeregte Gesellschaft"

Und jetzt ist es die Entscheidung des Lesenden. War das falsch? Ja, sagt man jetzt wahrscheinlich aus dem ersten Impuls heraus. Vielleicht rümpft man sogar die Nase, was ein sehr deutliches Zeichen für Ekel ist. Aber wieso? Es wurde kein Kind gezeugt, niemand erfährt davon und beide leiden nicht darunter. Trotzdem hat die Abscheu vor Inzest ein Urteil gebildet.

Starker Auftakt

Im ersten großen Block, der den Titel „Moral“ trägt, bleibt sich Philip Hübl absolut treu. Er verbindet philosophische Theorien mit empirischen Studien aus der Moralpsychologie. Aber auch sehr aktuelle Bezüge finden sich in dem Buch wieder. So schreibt Hübl auch über den ARD-Film „Terror“, der 2016 lief. Darin ging es um die Frage, ob man ein entführtes Passagierflugzeug zum Schutz von einer großen Menschenmenge abschießen sollte. Die Zuschauer sollten dabei selbst ein Urteil bilden:

Kant oder Mill? Darauf läuft der Film "Terror" hinaus. Ist der Abschuss der entführten Maschine verboten, weil es unsere Pflicht ist, niemanden zu töten? Oder ist der Abschuss gefordert, weil wir in der Konsequenz die größte Zahl an Menschenleben retten?

Die Leichtigkeit aus Hübls ersten Buch hat etwas gelitten, was vermutlich auf die Thematik zurückzuführen ist. Die sorgt dafür, dass man beim Lesen eher über die humoristischen Einschübe stolpert, als über sie zu schmunzeln.

Starke Indikatoren für extrovertierte Personen sind den Untersuchungen zufolge, dass sie ins Solarium gehen, sich die Haare färben, schmutzige Witze erzählen und immer mal wieder nachts in einer schummrigen Bar versacken. Manchmal sogar in dieser Reihenfolge.

Man sollte zwischendurch in jedem Fall einige Pausen machen, da die Studien und Theorien nur so auf die Lesenden einprasseln. Kleinere, direkt formulierte Denkanstöße hätten das vielleicht auflockern können. Die ersten knapp 130 Seiten verfliegen trotzdem sehr schnell, gerade durch die vielen bekannten Bezüge, die Hübl verwendet.

Vollgestopft bis oben hin

Die Krux liegt ein wenig in den folgenden Blöcken „Politik“ und „Gesellschaft“. Beide passen zwar sehr gut zum Grundthema Moral und Emotion, allerdings wird es mehr und mehr unübersichtlich für den Lesenden – der Rahmen ist zu weit gespannt. Die Argumentation, nach der sich Konservative eher ekeln und aus unterschwelliger Angst vor Infektion strengere Urteile über Einwanderung fällen, fügt sich noch gut ein. Auch die Verknüpfung der Emotionen mit populistischer Rhetorik deckt sich mit den Erkenntnissen aus dem ersten Kapitel:

Das rechte Lager verfolgt die politische Taktik, Ekel in den Wählern hervorzurufen. Weltweit verunglimpfen Menschen Außengruppen, Menschen und Minderheiten, indem sie Aussehen, Speisen und Sitten der Fremden als widerlich erscheinen lassen. Wer eine menschenfeindliche Gesinnung hat, neigt besonders dazu, andere Gruppen durch abfällige Sprache auszugrenzen.

Wenn es dann aber um Gruppengefüge geht oder um rechten, linken und muslimischen Antisemitismus, und ganz am Ende plötzlich um die Bedeutung der Moral für die Identität muss man sich schon erstmal wieder orientieren. Hübl springt von Thema zu Thema, als versuche er, wirklich alle überhaupt möglichen Themen abzudecken. Inwiefern die Themen etwas mit Emotionen, geschweige denn mit Moral zu tun haben, wird leider nur angeschnitten. Oftmals wirkt es sehr redundant, wenn wieder einmal erklärt wird, dass progressive Menschen einen Hang zu neuem haben und Quinoa und Chia-Samen zu sich nehmen, während Konservative eher auf Altbekanntes und Hausmannskost zurückgreifen. Das Buch wirkt dabei teilweise sehr dogmatisch, relativiert aber auf der anderen Seite wieder.

Progressive mögen Katzen. In allen Bundesstaaten der USA, in denen die Demokraten traditionell gewinnen, sind Katzen die bevorzugten Haustiere, wie die Untersuchung zeigt. Im mittleren Westen und im Bible Belt, wo die Republikaner dominieren, sind Hunde stärker verbreitet. Das mag zum Teil mit der Wohnsituation zu tun haben […] Ein entscheidender Faktor ist aber auch hier die politische Gesinnung. Katzen sind freiheitsliebend und demonstrativ antiautoritär. Freiheit ist ein zentrales Ziel der Progressiven. Hunde hingegen gehorchen und sind loyale Begleiter. 

Das Buch hinterlässt einen am Ende ein wenig überfordert – nicht, weil es nichts zu vermitteln hat, sondern eher, weil es am Ende eine Vielzahl an Information enthält. Während im ersten Kapitel noch große Aha-Momente stehen, wie zum Beispiel bei dem Inzestbeispiel, nutzt sich die Argumentation um Emotionen und Persönlichkeitsmerkmale doch immer mehr ab.

Bekannte Diskussion, neuer Ansatz

Das Buch ist trotzdem empfehlenswert. Gerade der Beginn ist leicht verständlich und überrascht mit dem Ansatz, Moral in Verbindung mit Emotionen zu betrachten. Hier fällt der Lesende eigene intuitive, moralische Urteile und wird gleichzeitig dazu angeregt, sie zu hinterfragen. Das ist auch das zentrale Element, welches nach dem Lesen des Buches im Gedächtnis bleibt. Die Texte über Gesellschaft und Politik sind dagegen eher eine Zusammenfassungen des momentanen Geschehens und versuchen, aktuelle Debatten und Thematiken aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Daher kann das Buch auf jeden Fall als Ergänzung zu aktuellen Diskussionen gesehen werden.

Der Beitrag zum Nachhören:

Eine Rezension von Anneke Elsner.
Rezi von Anneke

 

 

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Über den Autor:

Philipp Hübl ist deutscher Publizist und Philosoph. Von 2012 bis 2018 lehrte er als Junior-Professor Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart. Seit 2017 schreibt er die Kolumne „Hübls Aufklärung“ im Philosophie Magazin. Darüber hinaus ist er für den Deutschlandfunk, die ZEIT, die FAZ, taz, NZZ, Spiegel online und das Handelsblatt tätig.