Buchrezension

Monster am Mikrofon

UFOs, Monster, Gestaltwandler – In „Willkommen in Night Vale“ haben die Autoren Joseph Fink und Jeffrey Cranor so ziemlich alles Unheimliche, Mysteriöse und Verrückte in knapp 400 Seiten gepackt.
"Willkommen in Night Vale" von Joseph Fink & Jeffrey Cranor
"Willkommen in Night Vale" von Joseph Fink & Jeffrey Cranor

Night Vale, eine Wüstenstadt im Südwesten Amerikas. Hier gibt es eine Lokalzeitung, eine Bürgermeisterin, einen Sheriff, ein Diner, eine Bibliothek und einen Radiosender. Soweit so normal. Und doch komplett anders. Die Bürgermeisterin von Night Vale öffnet nämlich schon mal Tore zu anderen Welten. Der Sherriff regiert mit einer Geheimpolizei. Selbst über den Kühlschränken der Bewohner von Night Vale sind Mikrofone und Kameras installiert. Im Diner kann man unsichtbare Pastete essen und einen Besuch in der Bibliothek überlebt kaum jemand. Ach ja, wurden schon die glühende Wolke und die Engel erwähnt? Nein? Nicht schlimm, an Engel glauben ist in Night Vale sowieso verboten.

Natürlich gibt es keine Engel. Es ist illegal, ihre Existenz zu erwähnen oder ihnen einen Dollar zu geben, wenn sie das Geld für den Bus vergessen haben und durch die Gänge von Ralphs Supermarkt schweben und nach Wechselgeld fragen. Die große Ordnung der Engel ist ein törichter Traum und für Einwohner Night Vales ohnehin verbotenes Wissen.

In Night Vale ist jede Verschwörungstheorie wahr. Der Alltag der Bewohner wird bestimmt von seltsamen Kreaturen und unerklärlichen Vorfällen. Die Einwohner reagieren auf all das aber nur mit Achselzucken und Weitermachen. Vermutlich bittet kein Buch mehr darum gehört anstatt gelesen zu werden, als Willkommen in Night Vale.

Vom Podcast zum Roman

Der Roman basiert auf dem gleichnamigen Internetpodcast. Im Podcast lauschen die Hörer Cecil, der Stimme von Night Vale – Moderator des Lokalradios der Stadt. Zwischen Wetter und Verkehrsmeldungen verkündet Cecil hier zum Beispiel den Veranstaltungskalender:

Am Montag ist Gratisproben-Tag im Sheraton-Bestattungsinstitut. (...) Mittwoch ist Stink-wie-ein-Seeräuber-Tag. Jeder ist gehalten, wochenlang nicht zu baden und sich mit Asche und Blut einzureiben. Ein irrer Spaß! Den Freitag überspringen wir diese Woche, aber das machen wir mit einem Doppel-Freitag nächste Woche wieder gut. Tragen Sie es in ihren Terminkalender ein.

Im Roman taucht die Radiosendung nur noch von Zeit zu Zeit auf. Das Buch konzentriert sich auf Jackie Fierro und Diane Crayton. Die 19-jährige Jackie Fierro führt das örtliche Pfandhaus. Eines Tages erhält sie einen Streifen Papier mit der Aufschrift King City. Das Papier wird Jackie einfach nicht mehr los. Egal was sie versucht – zerschneiden, verbrennen, essen – immer wieder landet der Zettel in ihrer Hand. Diane Craytons Leben gerät aus dem Ruder, als ihr Arbeitskollege Evan verschwindet. Plötzlich erinnert sich niemand außer Diane an diesen Evan.

Es dauert, bis der Leser in die Geschichte hineingezogen wird. Die skurrilen Einfälle überfordern am Anfang etwas.  Letztlich geht es aber auch nicht um eine packende Geschichte. Das grandiose an diesem Buch ist immer der nächste Satz, die nächste absurde Situation. Wenn die bizarrsten Ideen in alltägliche Situationen übertragen werden, dann entsteht großartige Komik. Zum Beispiel, wenn die Polizei beim Strafzettel-Ausstellen erst einmal dichten muss:  

Es dauerte ein paar Minuten, weil es Polizisten gesetzlich vorgeschrieben ist, die Beschaffenheit des Sonnenlichts zur Zeit des Verstoßes in freien Versen zu beschreiben. Reim und Metrum sind optional. Sengend, gelb, mit einem violett schimmernden Hof, bevor es sich in der Weltlichkeit des Himmels verliert, schrieb der Polizist auf Dianes Strafzettel.

In Night Vale werden die Konflikte zwar oft unkonventionell gelöst, eigentlich sind es aber dieselben Probleme wie unsere. Da ist etwa die Chefredakteurin der schwächelnden Lokalzeitung. Die Auflage geht seit Jahren zurück. Ihre Lösung für das Zeitungssterben: Mit einem Beil macht die Journalistin Jagd auf Internetblogger. Zwischen den lustigen, oder blutrünstigen, oder den lustig blutrünstigen Passagen gibt es in Night Vale tatsächlich aber auch aufrichtige Emotionen.

Immer hat er für die Zukunft gelebt. Aber jetzt weiß er, dass die Zukunft ein Witz ohne Pointe ist und dass das, was er an der Gegenwart hatte, alles war, was er je gehabt haben wird. Es ist nicht viel gewesen.

Wenn einen eigentlich völlig unwichtigen Protagonisten diese Erkenntnis trifft, schmerzt es schon fast beim Lesen. Aber keine Sorge: Spätestens, wenn wieder von orangefarbenen Wolken und denkenden Häusern die Rede ist, verfliegt die Melancholie auch wieder ganz schnell. Und damit zurück in die normale Welt

mephisto 97.6 Redakteurin Julia Regis mit ihren Eindrücken aus Night Vale, gelesen von Markus Lücker:

"Willkommen in Night Vale" - eine Rezension von Julia Regis
"Willkommen in Night Vale" - eine Rezension von Julia Regis
 

Kommentieren

Willkommen in Night Vale ist in der Hobbit Presse beim Klett-Cotta Verlag erschienen. Im Handel kostet das Buch 19,95 Euro. 

Aus dem Englischen übersetzt von Wieland Freund und Andrea Wandel