Filmrezension

Mit Vollgas durch das Maisfeld

Mit "Tschick" kommt diese Woche Fatih Akins erste Romanadaption in die Kinos. Darin machen sich zwei Außenseiter auf eine Reise, weg aus der ernüchternden Realität ihrer Jugend. Ein Film über Freiheit, Familie und Freundschaft.
On the road mit der geklauten Blechbüchse
On the road mit der geklauten Blechbüchse

"Leise, ihr habt einen neuen Mitschüler!", so beginnt der Film. Ein klassischer Einstieg für Teeniegeschichten eigentlich. Der Neue in Maiks Klasse gibt dem Film auch direkt seinen Namen: Tschick. Also, eigentlich Andrej Tschichatschow. Aber das kann keiner in der Klasse so wirklich aussprechen. Tschick kommt aus Russland und hat mongolische Gesichtszüge. Seine Wurzeln liegen weit über Europa verstreut, sogar jüdische Zigeuner seien dabei, wie er erzählt. In Maiks Klasse ist er schnell als Assi verschrien. Er zieht sich schäbig an und ist regelmäßig betrunken. Dabei sind sie alle doch erst 14 Jahre alt und gehen in die achte Klasse. Dafür ist der Neue sehr intelligent, das merkt Maik schnell. Aber irgendwie findet er ihn trotzdem komisch.

Ab in die Walachei

Die Ferien beginnen und Maik wurde nicht zum Geburtstag seines Schwarms Tatjana eingeladen. Er ist am Boden zerstört, hatte er ihr doch ein Portrait gezeichnet. Doch da kreuzt Tschick mit einem geklauten Lada bei ihm zuhause auf. Er animiert den Jungen aus gutem Hause, die süße Tatjana endlich anzusprechen und ihr das Geschenk zu überreichen. Gesagt, getan. Sie fahren auf die Party und hinterlassen bleibenden Eindruck. Aber da hört die Spritztour noch lange nicht auf. Sie fängt gerade erst an und der Liebeskummer rückt in den Hintergrund. Denn Maik und Tschick beginnen im geklauten Russenwagen einen Roadtrip. Ziel: Tschicks Opa in der Walachei. Auf dem Weg gibt es interessante Begegnungen und es gilt, Hindernisse zu bewältigen. Mehr als einmal machen sie dabei auch Bekanntschaft mit der Polizei.

Ciao Pool, hallo Landstraße

Wie grausam die Jugend doch sein kann. Und wie schön. Das zeigt Regisseur Fatih Akin in seiner ersten Romanverfilmung. Nach Erfolgen wie Gegen Die Wand oder The Cut gibt es von ihm nun leichtere Kost. Auch Tschick setzt sich mit emotionalem Chaos auseinander. Dabei hat der Film als Roadtrip jedoch mehr Feel-Good-Charakter als man es von Akin sonst gewohnt ist. Damit wirbt er auch selbst auf dem Filmplakat: „Der beste Sommer von allen“. Und tatsächlich kommen die Bilder sommerlich gesättigt daher. Aber das Auto darf trotzdem nicht überleben. Gleich in der ersten Szene sieht man wie auch zu Beginn der Romanvorlage, dass die Jungs einen Viehtransport mit Schweinen gerammt haben. Nicht ungebremst und alkoholisiert "gegen die Wand", aber um den Unfall kommt der Zuschauer bei Akin trotzdem nicht herum.

Dramaturgisch reduziert... funktioniert!

Zugegeben, nach dem Kinobesuch werden wohl auch viele erwägen, sich einen Lada zuzulegen. Die Offroadszenen machen einfach Laune. Es sei denn, man wurde als Fan der Romanvorlage enttäuscht. Viele der menschlichen Begegnungen aus Herrndorfs Feder wurden weggekürzt. Begegnungen, die einem den Glauben an das Gute im Menschen wiedergeben. Aber der Film erreicht einen auch ohne diese Passagen emotional. Er schafft es, für sich als eigenes Kunstwerk zu stehen. Maiks familiäres Chaos, vor allem die Beziehung zu seiner alkolabhängigen Mutter, wird ebenso feinfühlig wie wertungsfrei gezeigt. Den Geist der Jugend hat Fatih Akin wundervoll eingefangen. Und auch viele Dialoge des Romans hat er unangetastet übernommen. Dabei holt er das Beste aus seinen Nachwuchsschauspielern heraus. Maik, gespielt von Tristan Göbel, und Anand Batbileg in der Rolle des Tschick entwickeln eine herausragende Chemie. In ihrem Spiel werden sich viele junge Außenseiter wiedererkennen. Und auch der ein oder andere ältere wird sich gut an das komplizierte Erwachsenwerden erinnern können.

Verdientes Hitpotential

Auch wenn Tschick kein Meisterwerk sein mag: Schwächen leistet sich der Film kaum. Kurzweilig erzählt und ästhetisch umgesetzt kommt er daher. Auf eine entspannte Art und Weise setzt er sich mit Anmut und Schmerz des Lebens auseinander. Man spürt, dass Fatih Akin sich dem Welterfolg durchaus mit Respekt angenähert hat. Der Materialwert zur Visualisierung ist offensichlich, Tschick war meistaufgeführtestes Stück an deutschen Bühnen in der Saison 2012/2012. An den Kinokassen wird sich dieser Erfolg nicht zu Unrecht mit großer Wahrscheinlichkeit fortsetzen. Bleibt zu hoffen, dass in den nächsten Monaten nicht wirklich ein Anstieg der Autodiebstähle verzeichnet wird!

Die Renzension zum Nachhören:

mephisto 97.6 Redakteur Maximilian Enderling über den neuen Fatih Akin Film Tschick
1509 Tschick
 

Kommentieren

Maximilian Enderling
16.09.2016 - 13:17
  Kultur

Wolfgang Herrndorf gelang mit seinem Roman Tschick 2010 der literarische Durchbruch. Bis dahin war er vor allem durch seine Illustrationen für das Satiremagazin Titanic bekannt. Über ein Jahr stand Tschick auf der deutschen Bestsellerliste und auch für den Preis der Leipziger Buchmesse war es nominiert. Im selben Jahr wurde bei Herrndorf jedoch ein tödlicher Hirntumor diagnostiziert. Seine letzten drei Lebensjahre dokumentierte er im Blog "Arbeit und Struktur". Im Sommer 2013 entschied er, sich selbst das Leben zu nehmen. Er starb im Alter von nur 48 Jahren. Posthum veröffentlichte sein Verlag eine unvollendete Fortsetzung zu Tschick, erzählt aus Sicht der Figur Isa.

Fatih Akin feierte seinen ersten Achtungserfolg mit seinem Drama Gegen die Wand, für welches er 2004 den Deutschen Filmpreis und den Goldenen Bären erhielt. Seither ist er einer der gefragtesten deutschen Filmregisseure. Mit der Komödie Soul Kitchen gewann er den Sonderpreis der Jury bei den 66. Filmfestspielen von Venedig. Beim Film Tschick musste er die Regie nachträglich übernehmen, weil der ursprünglich vorgesehene David Wnendt abgesetzt wurde. Laut eigener Aussage hat Akin in der vorangegangene Planung dafür "alles umgeschmissen" und die Protagonisten neu besetzt.