Medizin

Mit Stromstößen Depressionen heilen

Depressionen gelten seit Jahren als "Volkskrankheit", die sich nicht immer erfolgreich behandeln lässt. Einen innovativen Heilungsansatz untersucht die Uniklinik Leipzig. Wir haben mit Teilnehmerinnen und der Leiterin der Studie gesprochen.
Depression Grafik
Depressionen abstrakt dargestellt

 

wirst gerade von einem Bus überfahren und es kommt einer auf dich zu und fragt dich - wie geht`s dir?

Frank Hartung, Leiter der Selbsthilfegruppe "Gespräche und Malen"

So fühlen sich Depressionen für Frank Hartung an. Man könne sich nicht rühren, sei zu Vielem nicht in der Lage, weil die Psyche deinem Körper sagt, er könne jetzt nicht aufstehen.

Er empfängt mich in einem Mehrfamilienhaus in Gohlis. Hier leitet Frank Hartung die Selbsthilfegruppe "Gespräche und Malen", eine Gruppe die Betroffenen hilft, mit ihrer Depression umzugehen. An einem langen Tisch sitzen Anna und Maria, zwischen Pinseln Farbtuben und Frühlingsblumen erzählen sie von ihren Erfahrungen mit der Erkrankung. Beide nehmen an dem Selbsthilfeprogramm teil, Maria hat darüber hinaus weitere Therapieformen ausprobiert. Nach einem Rehabilitationsaufenthalt folgten Tagesklinik und Psychotherapie. Anna findet bei der Selbsthilfegruppe zum ersten Mal einen Weg, ihre Depressionen zu behandeln.

Ich habe gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt und habe mich dann letztes Jahr dazu entschieden, mir Hilfe zu suchen.

Anna, Mitglied der Selbsthilfegruppe "Gespräche und Malen"

Die Psychotherapie + Studie der Uniklinik Leipzig, an der Anna und Maria teilnehmen, testet eine alternative "Hilfe" zu den gängigen Therapieformen bei Depressionen. Diese liege laut Dr. Maria Strauß in einer Kombination aus Verhaltens- und Gleichstromtherapie. Sie leitet die Studie und ist Oberärztin für Neurobiologie affektiver Störungen und adultes ADHS an der Poliklinik für Psychologie und Psychiatrie Leipzig.

... es wird ein schwacher Strom durch den Schädel angesetzt ... und die Hoffnung ... ist, dass bei Patienten die Psychotherapie noch besser wirkt.

Dr. Maria Strauß, Leiterin der Psychotherapie + Studie

Elektroimpulse statt Medikamente

Mehrere Studien legen nahe, dass schwache Stromimpulse eine innovative Behandlungsmöglichkeit für Depressionen und andere Krankheiten bieten. Wie sich eine solche Therapie auf den Erfolg einer Verhaltenstherapie auswirkt, untersucht die Psychotherapie + Studie. Bildgebende Verfahren zeigen, dass bei Depressionen Nervenzellen in der linken Gehirnhälfte deutlich weniger Signale weiterleiten. Solche Signale werden über elektrische Ströme weitergegeben. Strauß zufolge greift hier die Gleichstrombehandlung, da die Nervenzellen durch die schwachen Stromimpulse Signale besser leiten und die linke Gehirnhälfte aktiver wird.

Denkt man an Strombehandlungen in der Psychologie, springen den meisten Szenen, wie die des Filmklassikers "Einer flog übers Kuckucksnest", in den Kopf. Zwar sind heutige Elektrokrampftherapien nicht mit Mc Murphys unnarkotisierten Krämpfen vergleichbar, dennoch verursachen die heftigen Stromstöße Nebenwirkungen. Die sanftere Methode der Gleichstromtherapie wird daher als schonende Alternative gesehen. Eine Alternative, die gerade bei Patienten wichtig sei, die trotz Psychopharmaka keine Besserung erfahren.

Maria nahm über einen längeren Zeitraum Medikamente gegen ihre Depression, heute lehnt sie solche Behandlungen ab.

Ich finde, Medikamente drücken die Gefühle weg.

Maria, Teilnehmerin der Psychologie + Studie

Sie würden sie abstumpfen, ihr auch in guten Zeiten den Zugang zu ihren Emotionen versperren.

Fakten, Ernüchterung und Hoffen

Trotz des Potenzials von Gleichstromtherapien werden Krankenkassen die neue Therapieform vorübergehend nicht in ihren Leistungskatalog aufnehmen. Andere Behandlungsmethoden, wie medikamentöse, Psycho- oder Elektrokrampftherapien seien für schwere Depressionen besser erforscht, so die DAK. Außerdem wäre eine Depression keine lebensbedrohliche oder regelmäßig tödlich verlaufende Erkrankung.

Es sei wahr, dass die anderen Therapieformen deutlich besser erforscht sind, sagt Strauß, aber, Depressionen als keine lebensgefährdende Erkrankung zu beschreiben, hält die Expertin für einen Fehler.

In Deutschland sterben ca. 10.000 Menschen jährlich an einem Suizid und ... über 60% davon hatten eine Depression"

Dr. Strauß, Leiterin der Psychologie + Studie

Zudem stellen Depressionen eine der häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Jeder fünfte Bundesbürger durchlebe eine depressive Episode. Zahlen, die das Gesundheitssystem überfordern.

Laut der Ostdeutschen Therapeutenkammer müssen Betroffene in der Stadt mit mehr als vier Monaten Wartezeit auf einen Therapeutenplatz rechnen, in ländlichen Gebieten dauert die Suche noch länger. Wie überlastet Psychotherapeuten in Leipzig sind, hat auch Anna erfahren. Zwar könne sie sich keine Therapie ohne professionellen Gesprächspartner vorstellen, hat aber, auch nach mehreren Anrufen, keinen freien Therapieplatz gefunden.

Die begleitende Verhaltenstherapie ist Anna bei der Studie daher besonders wichtig. Zudem hoffe sie, dass die Behandlung nicht nur ihre erträglichen Phasen verlängere, sondern auch der Wissenschaft nötige Erfolge im Kampf gegen Depressionen bringe. Auch Maria erwartet keine Wunder von der Studie, wünscht sich aber:

... dass vielleicht ein kleiner Schub in Richtung Lösung kommt.

Maria, Teilnehmerin der Psychologie + Studie

Sechs Wochen werden die beiden Frauen mit schwachen Stromimpulsen und einer Verhaltenstherapie behandelt, anschließend folgen Nachgespräche. Wenn die Studie abgeschlossen ist, treffen wir Anna und Maria wieder und erfahren, ob sich ihre Wünsche und Hoffnungen erfüllt haben.

Ein Beitrag von Max Brose über 'Psychotherapie + Studie'
Psychotherapie + Studie
 

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