Filmkritik: Visages, Villages

Mit Rollstuhl auf Rekordjagd im Louvre

In ihrem unendlich liebenswürdigen Roadmovie zitieren sie Jean-Luc Godards "Außenseiterbande", werden von dem Regie-Meister jedoch versetzt. Agnès Varda und JR lassen sich davon nicht den Tag vermiesen: Ihre gemeinsame Zeit ist zu kostbar.
Visages Villages
Eine der Portraitierten von "Faces Places": Jeannine - die letzte Anwohnerin einer Straße im damaligen Bergbaugebiet.

Die letzte, rüstige Anwohnerin einer zum Abriss freigegebenen Bergbausiedlung. Ein künstlerisch begabter Briefträger, der selbstgemalte Bilder verschenkt. Eine Hut und Sonnenschirm tragende Kellnerin, die zu einer Dorfberühmtheit wird. Was genau teilen diese Menschen miteinander? Sie alle werden fotografiert und die überlebensgroßen Schwarzweiß-Abzüge auf lokalen Plätzen ausgestellt. Plakatiert an verfallenden Häuserfassaden, Scheunen und Fabrikmauern. Das Ergebnis wertet nicht nur die oftmals triste Umgebung auf, sondern löst bei den Portraitierten emotionale Reaktionen aus.

Mir fehlen die Worte. Ich bin sprachlos. - Ich hätte nicht gedacht, dass das Bild so groß wird.

 Die Akteure von "Visages, Villages"

Ins Leben gerufen wurde das Filmprojekt von zwei Stars der französischen Kreativszene. Die weise, zärtliche Hälfte des Duos bildet Agnès Varda, gefeierte Dokumentarfilmerin und Nouvelle Vague-Mitbegründerin. Mehr als 30 Filme hat die mittlerweile kurzsichtige Regisseurin zu verantworten. Ihr sonnenbebrillter Kompagnon, der 33-jährige Foto-Künstler JR zieht seine Landsmännin liebend gerne auf. 

Ich begrüße nur die Kinder. - Klar, weil ihr gleich groß seid.

Agnès Varda

Zusammen bricht das ungleiche Gespann zu einer abenteuerlichen Fahrt ins Blaue auf. In JRs Transporter, einem Fotoautomat auf Rädern, besuchen sie die entlegenen Ecken Frankreichs. Kontaktfreudig gehen die Reisegefährten auf die ansässige Bevölkerung zu, lauschen deren Geschichten und lernen dabei einander kennen.

Der Radiobeitrag von Karen Müller
3005 BmE Augenblicke
visages
 

Eine Collage aus Bildern und Erinnerungen

Die Fotografien ergeben mit der Umgebung ein völlig neues Bild. Drei Familienernährerinnen, die Frauen von streikenden Hafenarbeitern, werden auf gestapelten Containern zu feministischen Totemfiguren. Ein deutscher Weltkriegsbunker am Strand verwandelt sich in eine Wiege für einen jungen Mann. Durch Vardas Zehen und Augen wird ein Güterzug mit einer neuen Bedeutung aufgeladen. Nichts und niemand ist vor den unternehmungslustigen Reisepartnern sicher. Auf beeindruckende Weise demonstrieren die beiden, dass man seine skurrilen Ideen realisieren kann - trotz materiell bescheidener Mittel. Man muss nur erfinderisch und aufgeschlossen gegenüber dem Zufall sein. Der hinreißende Film zelebriert den Einfallsreichtum und die gemeinschaftsstiftende Kraft von Kunstwerken. 

Steckt dahinter ein tieferer Sinn?

Bahnhofsangestellter

Der Sinn ist die Macht der Vorstellungskraft. JR und ich denken uns Dinge aus und fragen andere Leute, ob wir sie bei ihnen umsetzen dürfen. Dahinter steht immer die Idee, Menschen bei ihrer Arbeit zu treffen. Daher die Gruppenfotos. Wir wollen uns also einerseits mit ihnen austauschen, andererseits unsere verrückten Ideen umsetzen. Das macht uns Spaß und den anderen hoffentlich auch.

Agnès Varda

Kunstschaffende und Arbeiterklasse vereint

Zwei Repräsentanten unterschiedlicher Künstlergenerationen kombinieren ihr Talent für Bilderwelten, um andere Personen zu würdigen: Leute vom Land. Unscheinbare, aber redliche Menschen, die man normalerweise nicht sieht. Schon gar nicht auf der Kinoleinwand. Varda und JR rücken Ziegenbauern und Landwirte ins Rampenlicht, mobilisieren Jung und Alt für ihre Plakataktion, inszenieren Vardas Postboten als Dorfhelden. Dabei gelingt ihnen ganz beiläufig etwas Bemerkenswertes: Großes im Kleinen, Tiefgründiges im Einfachen, Hoffnungsfrohes im Ernsten und Poetisches im Alltäglichen zu finden. 

Deine Füsse und deine Augen erzählen eine Geschichte. Der Zug bringt sie an Orte, die du nie besuchen wirst.

JR

Jean-Luc, der Spielverderber

Gegen Ende hält die Melancholie in das bisher so luftig-leichte Roadmovie Einzug. Die bald 90-jährige Dame wandelt auf den Spuren ihrer Vergangenheit. Alte Fotografien und Filmausschnitte fließen in den essayistischen Dokumentarfilm mit ein. Varda wirft einen wehmütigen Blick zurück: Auf ein langes Leben, reich an interessanten Erfahrungen und Begegnungen. Der Film endet schließlich auf einer nachdenklichen Note. Als Betrachter*in ist man weder niedergeschlagen noch glücklich wie die Krebskranke in der Schlussszene von Vardas "Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7". Der Gemütszustand liegt irgendwo dazwischen. Am Besten trifft es wohl die Kinovisionärin: 

Ich habe gemischte Gefühle

Agnès Varda

bemerkt sie - angesichts einer Taktlosigkeit von JRs älterem Doppelgänger und der aufmunternden Geste des echten JRs. Es heißt, dass wahre Freunde Momente der geteilten Stille ertragen. Demnach dokumentiert die letzte Filmeinstellung den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.   

 

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Augenblicke: Gesichter einer Reise 

Kinostart: 31.05.2018

Laufzeit: 93 Minuten

FSK: 0

Regie: Agnès Varda und JR

Cast: Agnès Varda, JR, Jean-Luc Godard