Theaterrezension: "Oratorium."

Mit Humor gegen Eigentum

Wer Lust auf ein interaktives Theaterstück hat, wird sich im Saal des Schauspiel Leipzig mit She She Pop wohl fühlen. Hier wird gesungen, getanzt, vorgespielt und miteingestimmt. Dabei verbinden sich gespielte Szenen mit der Realität des Publikums.
She She Pop und Schauspieler auf der Bühne

Stille, Husten, sitzen. Dann schleicht sich Musik auf die Bühne. An die Wand, die den Besuchern des Theaters gegenüberliegt, wird etwas projiziert. Doch erscheint Niemand auf der Bühne.
Einige räuspern sich, es raschelt.  Dann hebt sich zögerlich die Stimme eines noch unstimmigen, noch nicht miteinander bekannt gewordenen Chors.
Was auf der Wand steht: "(alle) Was hier steht, soll laut vorgelesen werden."
So beginnt das Stück „Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“.

Das wohlbehütete Geheimnis?

Jeder kennt es, und jeder darf und soll darüber sprechen, über das, was uns voneinander unterscheidet.
Verschiedene Gruppen erheben auf Anweisung ihre Stimme, lesen den Text, der ihnen vorgegeben ist. Zum Beispiel alle jungen Männer ohne festes Einkommen, alle Erbenden, alle Mütter ohne feste Anstellung.

Das, was man hat oder nicht hat. Was ist, oder nicht ist. Was man besitzt, oder eben nicht. Was Grenzen zu schaffen scheint. Eigentum.Im Stück wird versucht, gegen die Trennung in der Gesellschaft anzukämpfen – durch Sprechen, vorwurfslose Transparenz.

Das schlechte Gewissen tanzt

Tanz auf der Bühne

Wie wird im Alltag mit Eigentum umgegangen? She She Pop arbeitet neben dem gemeinsamen Chor auch mit Liedern und Szenen, um die verschiedenen Facetten des Eigentums aufzuzeigen – den Verlust, die Gier, die Dankbarkeit.
Das schlechte Gewissen tanzt auf der Bühne herum, je mehr es gebeten wird zu gehen, desto wilder tanzt es. Eine Schriftstellerin klagt über die Versteigerung ihrer Wohnung und über die Übergabe des Besitzes.
Visuell ästhetisch die Kostüme. Sie werden als Fahnen in den Raum getragen und auf der Bühne angezogen, wenn die Darstellenden in verschiedene Rollen rutschen – die der Schriftstellerin, des natürlichen Erbens.

Eine gemeinsame Melodie schwillt an

She She Pop halten dabei insgesamt eine gute Balance zwischen humorvoller Unterhaltung und tiefsinnigem Gespräch, dabei könnte der Konflikt der Gesellschaft im Chor auf der Bühne noch deutlicher ausgebaut werden.
Stärke und Schwäche zugleich ist, dass das Stück vor Allem von der Interaktion mit dem Publikum lebt, denn es ist von der Partizipation der Besucher abhängig. Dafür kann je nach Publikum ein großes Gemeinschaftsgefühl aufkommen
Als am Ende alle in ein Summen einstimmen, die Unzufriedenen dunkel, die Fröhlichen hell, die unsicheren in einem anderen Ton klingt im Raum eine Vielstimmigkeit an, die doch eine eigene Melodie bildet. Man verlässt das Theater mit dem Gefühl, einen Moment der Verbundenheit erlebt zu haben, egal wie verschieden die Umstände der Besucher des Theaters sind, das Alter, egal, wie viel man hat und wie viel die anderen haben.

„Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ empfiehlt sich jedem Menschen, der sich mal mit Witz und dann wieder ernst mit Eigentum beschäftigen möchte.

Den Beitrag hören Sie hier:

Oratorium - eine Rezension von Nicole Collignon
She She Pop - Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis

 

 

 

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Nicole Collignon
12.04.2018 - 14:57
  Kultur