Im Gespräch: Tijan Sila

Mit dem Rennrad auf der Flucht

In seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ erzählt Tijan Sila vom Aufwachsen eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und dem Heranwachsen in der rheinland-pfälzischen Provinz.
Moderator Yannick Jürgens und Autor Tijan Sila kurz vor dem Gespräch
Moderator Yannick Jürgens und Autor Tijan Sila kurz vor dem Gespräch

Ein nackter junger Mann rast in der Nacht auf einem Rennrad durch pfälzische Dörfer. Er befindet sich auf der Flucht vor dem Neonazibruder seiner deutschen Freundin, der ihn soeben krankenhausreif geschlagen hat. Nach dreißig Kilometern, der Radfahrer hat längst die Orientierung verloren, halten ihn drei Rentner in einem Auto an und bringen ihn in ein Krankenhaus. Eine Schande sei das, meint einer von ihnen, derart von einem Nazi verdroschen zu werden. Da hätte der junge Mann ja auch in Bosnien bleiben können.

Mit dieser Einstiegsszene sind Ton und Tempo für Silas Debütroman „Tierchen unlimited” gesetzt. In rasanten Episoden, die teilweise ins Slapstickhafte kippen, schildert Sila das Heranwachsen eines Jungen im Spannungsfeld von bosnischer Bürgerkriegskulisse und deutscher Recht- und Ordnungsliebe.

Kindheit im Bürgerkrieg

Der namenlose Ich-Erzähler wächst in einem Vorort von Sarajevo im zerfallenden Jugoslawien auf. Zerstörte Häuserbocks bilden die Kulisse für die Kämpfe mit den Jungs aus den Nachbarvierteln. Das Leben wird durch Bombardierungen rhythmisiert. Für den Erzähler ist das längst Normalität. Er hat mehr Angst vor den Schlägen der Mutter, als davor von Kugeln getroffen zu werden. Keinen Strom für Computerspiele zu haben, ärgert ihn mehr als der Beschuss seines Viertels.

Mitte der 1990er Jahre flieht er mit seiner Familie nach Deutschland. Doch die Suche nach einem Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft gestaltet sich schwierig „Wenn man einen Krieg hinter sich hat und in Frieden und Wohlstand leben kann, ist erst mal alles ein Skandalon“, lässt Sila seinen Protagonisten sagen. Die neue Wirklichkeit tritt ihm als Farce entgegen. Er begegnet vor allem Leuten, die entweder Neonazis, Polizisten oder Verfassungsschützer sind.

Kriminelle Energie in der Provinz

Die Parallelen zwischen der Biografie des Autors und der seiner Hauptfigur sind auffallend: Beide werden Anfang der 1980er Jahre in Sarajewo geboren und erleben als Kinder die Belagerung der Stadt im Jugoslawienkrieg. Beide fliehen 1994 nach Deutschland, beide wachsen in der Pfalz auf und studieren in Heidelberg Germanistik.

Das Label „Migrantenliteratur“ versucht Sila, aber unter allen Umständen zu vermeiden. Hier der mit Identitätsfragen geplagte „gute“ Flüchtling, da die „bösen“ Nazis – so einfach macht es der Autor seinen Lesern nicht. Um an Geld zu kommen und während des Studiums keinen Nebenjob annehmen zu müssen, paktiert sein Protagonist mit einem bosnischen Neonazi und arbeitet als Einbrecher. Ein gerechter Ausgleich für sein kriegsgebeuteltes Dasein, findet dieser: "Ich erwartete vom Leben für jede Anstrengung, auch für die geringste, einen Lohn."

Dissonanz der Sprachebenen

Tijan Sila hat ein schnelles, manchmal hartes, streckenweise komisches Buch geschrieben. Langweilig wird einem beim Lesen nie. Dazu trägt auch die Erzählweise bei: Sila erzählt nicht chronologisch. Sein Buch ist eine wilde Aneinanderreihung von Exkursen in die Kindheitsjahre und Anekdoten aus dem Erwachsenwerden in Deutschland.

Es war für mich sehr schwer den Charakter zu entwickeln. Ich wollte einen netten, anschmiegsamen Kerl, der wie eine Katze liebevoll wirkt und dennoch heimtückisch auf den Teppich kackt. - Tijan Sila über sein Debütwerk

Gute Passagen entstehen dann, wenn sich die Brutalität des Erlebten in einer Sprache spiegelt, die dem mündlichen Erzählen ähnelt – derb, provokant, frei von Zurückhaltung. Irritierend wirkt es dagegen, wenn derselbe Erzähler kurze Zeit später einen Mann als „effeminiert“ beschreibt, von „beeindruckend vaskulären Armen“ spricht oder Räume für „klandestine Zwecke“ genutzt werden.

Sinnbildlich für die Realität des Erzählers ist das Auseinanderlaffen der Sprachebenen aber allemal. In Deutschland anzukommen, das erfordert nichts weniger als „die Fähigkeit gleichzeitig irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt“ zu sein. Manchmal braucht es dazu ein Rennrad.

 

Im Gespräch mit Moderator Yannick Jürgens hat Tijan Sila außerdem geklärt, was sein Buch mit Tierchen verbindet.

Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Tijan Sila
Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Tijan Sila
 

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Tijan Sila kam 1981 in Sarajevo zur Welt und emigrierte 1994 mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg. Heute lebt er in Kaiserslautern, wo er als Lehrer an einer Berufsschule arbeitet. „Tierchen unlimited“ ist sein erster Roman.