Buchrezension

Mit dem Kopf in den Wolken

Eine junge Frau in Berlin: Tatiana, Ende zwanzig, auf der Suche nach... nun ja, sich selbst. Was zunächst nach einer klischeehaft-typischen Neu-Berliner Biografie klingt, ist in Chloe Aridjis "Buch der Wolken" am Ende aber doch gar nicht so einfach.
Der Himmel
Wolken "zur Wurzellosigkeit und Fragmentierung verdammt" - auch auf die Personen in Chloe Aridjis "Buch der Wolken" triff das zu

Tatiana kommt das erste Mal als Vierzehnjährige nach Berlin. Angereist ist sie aus Mexiko, gemeinsam mit ihrer Familie macht sie eine Rundreise durch Westeuropa. Der letzte Stopp der Reise ist Berlin, genauer: das Berlin des Jahres 1986. Die Stadt ist immer noch geteilt aber auf der Westseite der Mauer wird demonstriert. Die Menschenmengen, die Gesänge und Protestrufe, die Kerzen und all die anderen Eindrücke stürmen auf Tatiana ein und am Ende des Abends hat sie eine seltsame Begegnung. Die alte Dame, die ihr in der U-Bahn gegenübersitzt, mit Hängebacken, ausladender Stirn, schwarzen Augen, die wie Kohle glühen und ein schattiges Rechteck über der Oberlippe - Tatiana ist sich sicher: Das ist Hitler. Hitler getarnt als alte Frau in Westberlin.

Niemand aus meiner Familie glaubte mir, nicht einmal mein Bruder Gabriel, der noch am ehesten Sinn für Abenteurer hatte. Sie sagten mir, es sei absurd: Hitler sei 1945 in seinem Bunker erschossen worden.

 Chloe Aridjis, Buch der Wolken

Zurück in Berlin

Eher zufällig landet Tatiana als junge Erwachsene wieder in Berlin. Obwohl ihr Aufenthalt im Rahmen eines Sprach-Stipendiums auf ein Jahr begrenzt war, bleibt sie in der Stadt hängen. So richtig weiß sie nicht, was sie eigentlich will. Weder von ihrem Leben, noch von sich selber oder anderen. Sie zieht andauernd um und hält sich mit wechselnden Jobs über Wasser.

Und so kam es, dass ich mich einer der vielen Wanderbewegungen nach Berlin anschloss und mit den Höhen und Tiefen meiner mittleren bis späten Zwanziger in einer Stadt beschäftigt war, die ihre eigenen verschiedenartigen Moden aufspürte, eine Stadt, die jede Möglichkeit durchkämmte, um die richtige Passform zu finden.

Chloe Aridjis, Buch der Wolken

An dieser Stelle könnte man innerlich kurz aufstöhnen: Eine weitere Ende-Zwanzigjährige also, die nicht so recht weiß wohin und was und wieso, auch bekannt als "erwachsen werden" und das alles dann auch noch in Berlin. Doch das ist nur eine Seite des Romans "Buch der Wolken" von Chloe Aridjis. Tatiana verbringt viel Zeit damit, durch die Stadt zu spazieren und schnell zeichnet ihr leicht träumerischer Blick auf ihr Umfeld ein ganz eigenes Bild der Großstadt Berlin. Surreale Erlebnisse in leeren Dachgeschosswohnungen, alten Kegelbahnen und zwischen grauen Platten zeichnen das Bild einer Stadt, die von ihrer Geschichte geprägt ist und in der sich Räume immer auch durch ihre Vergangenheit zu definieren scheinen.

Alles hier verändert sich fortwährend, aber man darf nicht vergessen, dass alles Teil eines langen, zusammenhängenden Ganzen ist.

Chloe Aridjis, Buch der Wolken

Schrullige Doktoren und einsame Meteorologen

Doch nicht nur an Räumen und Gebäuden scheint die Vergangenheit zu kleben wie ein zäher, alter Kaugummi. Auch die Menschen in "Buch der Wolken" kommen nicht so recht von ihr los. Nicht nur Tatiana ist auf einer vergeblichen Suche nach ihrem eigenen Leben, fernab ihrer Familie in Mexiko. Auch ihr Arbeitgeber Doktor Weiss beschäftigt sich als Historiker nur mit Vergangenem. Und die kurze Affäre mit dem Meteorologen Jonas scheitert an der Bereitschaft beider, sich auf etwas Neues einzulassen.

Mein Arbeitgeber, der mit einem Bein in der Vergangenheit und mit dem anderen im Jetzt stand, der alles betrauerte, was gewesen sein könnte, anstatt nach draußen zu gehen und sich alles anzusehen, was geworden war.

Chloe Aridjis, Buch der Wolken

Porträt einer Stadt

Was übrig bleibt, ist das Porträt einer Stadt. Eine träumerische Reise durch Berlin, während der sich der Leser nie ganz sicher ist, was Wirklichkeit ist und was vielleicht nur in Tatianas Kopf passiert. Man könnte sich nun entscheiden, ob man die Seite von Tatianas Eltern und Geschwistern einnimmt und ihre Erlebnisse schulterzuckend abschüttelt. Man könnte sich auch Doktor Weiss anschließen und alles auf die dicke Schicht Vergangenheit zurückführen, unter der Berlin zuweilen fast begraben scheint. Oder aber, man lässt sich auf den träumerischen Stadtrundgang ein und verliert seinen Kopf für ein paar Stunden in den Wolken.

Johanna Bastian hat "Buch der Wolken" gelesen und dabei einen neuen Blick auf Berlin bekommen:

Eine Rezension von Johanna Bastian
1007 Literatur Buch der Wolken
 

Kommentieren

Johanna Bastian
12.07.2017 - 14:25
  Kultur

Mehr zum Thema:

"Buch der Wolken" ist der erste Roman von Chloe Aridjis. Sie wurde 1971 in New York geboren und hat selber mexikanische Wurzeln. Mittlerweile wurde "Book of Clouds" in mehrere Sprachen übersetzt und ist in acht Ländern erschienen. Auf Deutsch ist es seit März im Edition Nautilus Verlag erhältlich und kostet 19,90€.