Filmrezension

Mit Blumen in den Uschankas.

Über die Hippiebewegung in der westlichen Hemisphäre ist vieles bekannt. Aber wie sah das eigentlich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs aus? Von der Geschichte einiger Hippies aus der Sowjetunion erzählt nun eine Dokumentation bei ARTE.
Soviet Hippies
Das Cover des Filmes "Soviet Hippies"

Love, Sex and Rock n Roll

Die Hippiebewegeung in der Sowjetunion hatte vieles mit der Bewegung im Westen gemeinsam. Viele Blumen, viel Sex, viele Drogen und nackte Haut. Barfuß liefen sie mit langen Haaren und Schlaghosen umher. Sie trafen sich auf eigens organisierten Festivals, Sommercamps und beteten ihre Hippie-Gurus an. Eindrücklich und mit vielen privaten Aufnahmen, dokumentiert „Soviet Hippies“ von der estnischen Dokumentarfilmmacherin Terje Toomistu, wie die rebellierenden jungen Menschen im Ostblock gelebt haben. Junge Menschen in Ost wie in West wollten ihr eigenes Universum innerhalb ihres Systems schaffen.

Trailer Soviet Hippies

Hippie sein, das Spiel mit dem Feuer

Der große Unterschied ein Hippie im Sozialismus zu sein, bestand jedoch darin, sich gegebenenfalls vielen Strapazen auszusetzen. Man erkannte sie, die Andersdenkenden. Lange Haare, bunte Kleider und einen Hang zur Rebellion. Die Protagonisten berichten von Kündigungen, Gefängnisstrafen, Einlieferungen in die Psychiatrie und Verpflichtung zum Armeedienst. Aber das war noch nicht alles. Weitere Folgen waren Misshandlungen auf offener Straße, Beleidigungen und sogar sexueller Missbrauch. Man musste also seine Tätigkeiten geheim halten. Telefonieren oder Briefe zu schreiben war gefährlich. Der KGB lauerte schließlich hinter jeder Ecke und war nicht scheu, brachial durchzugreifen. Deshalb musste man Kreativ bleiben. Man verabredete sich unter vier Augen und führte Adressbücher, um andere Mitglieder der Bewegung in anderen Städten besuchen zu können.

Russendisko mal anders

Auch die Musik ähnelt dem Psychedelic Rock und Folk des Westens. Nur eben auf Russisch. Sie tanzten dazu in Clubs und Discotheken in Moskau, Leningrad, Riga und Kiew. Die Musik war zu jener Zeit verpönt und wurde in den sozialistischen Ländern nicht populär. Sehr schade, denn viele der Lieder wären sicher auch im Westen erfolgreich gewesen. Man hat während des Filmes Lust bekommenm, mehr über die Musik zu erfahren und zu hören.

Was passierte nach dem kalten Krieg?

Mit der Auflösung der Sowjetstaaten änderte sich auch das Leben der Hippies. Plötzlich waren ihre Aktivitäten mehr oder weniger legal und ihre Entfaltungsmöglichkeiten einfacher zu gestalten. Es zerstörte aber gleichzeitig auch die Grundlage des Zusammenhalts gegen das Establishment. Die Bewegung zerfaserte. Bis heute treffen sich ehemalige sowie junge Hippies am 01.06. jeden Jahres in Moskau um miteinander ins Gespräch zu kommen, Gedanken auszutauschen und zusammen Zeit zu verbringen. Auch zum Unwesen der heutigen Machthaber. Im Film wird gezeigt, wie die Versammlung von der Moskauer Polizei aufgelöst wird. Die Dokumentation Soviet Hippies porträtiert, wie der Name schon andeutet, die Schicksale von ehemaligen Hippies in der Sowjetunion. Dabei setzt der Film auf schrille Farben und bewegende private Bildaufnahmen. Es ist die Geschichte von normalen Leuten die, wie sich schnell heraus stellt, damals nicht so recht ins System gepasst haben. Der Film stellt auf sympathische Art und Weise das Leben der Leute dar, die friedlich und glücklich ihr Leben gestalten wollten. Das aber in diesem System nicht durften.

Moderator Nico Van Capelle im Gespräch mit Redakteur Markus Mertens
Soviet Hippies
 

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