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Miserable - and shows it

Am 30. August veröffentlicht Ilgen-Nur mit „Power Nap“ ihr lang erwartetes Debütalbum. Sie begeistert mit einer gereiften Variante ihrer Songs übers Erwachsen werden.
Ilgen-Nur
Ilgen-Nur

Gut zwei Jahre ist es her, dass Ilgen-Nur mit ihrer EP „No Emotions“ in der deutschen Musiklandschaft aufgetaucht ist. Mit den fünf Songs, in denen sie über Orientierungslosigkeit, Beziehungsängste und ihr Resting-Bitch-Face singt, hat sie den Nerv einer Generation getroffen. Dass aus der Anfang 20-Jährigen etwas ganz großes werden könnte, hatten auch Tocotronic schnell im Gefühl. Die Band, die man wohl als die große Institution des deutschen Indies bezeichnen würde, nahm die junge Künstlerin 2018 mit auf Tour. Spätestens ein Jahr später musste man Ilgen-Nur dann endgültig den Status als Geheimtipp absprechen: Die Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ nutzte ihren Song „17“ - natürlich um die Verwirrung um die Frage „wer bin ich und wer will ich sein?“ perfekt zu untermalen. Wer Ilgen-Nur künftig als Künstlerin sein will, zeigt sie nun auf ihrem Debütalbum „Power Nap“.

Gewohnte Ungezwungenheit

Auf „Power Nap“ zu hören ist eine Art aufpolierter LoFi-Sound, der dabei aber nichts von seiner charakteristischen Ungezwungenheit einbüßt. Auch die Instrumentierung ist ausgereifter, Gitarre, Bass und Schlagzeug haben eine neue Dynamik entwickelt. Schon im gewohnt gelassenen Opener „In My Head“ wird diese Soundästhetik deutlich. Besungen wird das Einzelgängerdasein mit all seinen Streifzügen durch die eigenen Gedanken:

Spent my days in my head
reliving moments I tend to forget
spent my days in in my zone
I might be the happiest when I’m on my own

„In My Head“ ist wohl der Song des Albums, dessen Attitüde am meisten an die Ilgen-Nur von „No Emotions“ erinnert. Denn obwohl der grungige Indie-Rock der Platte unverkennbar nach der Künstlerin klingt, findet man lapidar dahingesungene Textzeilen á la „Cool“ auf der aktuellen Veröffentlichung kaum.

Neue Emotionalität

Emotionen sind seit jeher wiederkehrendes Thema in Ilgen-Nurs Musik. Statt sie aber wie bisher lässig und teils gleichgültig zu besingen, lässt sie die Gefühle auf der neuen Veröffentlichung zu und entwickelt so eine neue Emotionalität. So kann der Hörer an ihrer Wut, Zufriedenheit und Verzweiflung mitfühlen. In „Soft Chair“ zeigt sie sich mit verletzlicher Stimme und vertont das Gefühl zerbrechlichen Glücks.

I want to cherish this moment forever
I’ve never felt so alive
I wouldn’t even be bothered
if this was my last night

In den zwei Jahren seit der letzten Veröffentlichung ist bei Ilgen-Nur viel passiert - und das merkt man ihren Songs auch an. Inhaltlich entfernt sie sich von der Coming-Of-Age-Thematik, musikalisch zeigt sie ein neues Selbstbewusstsein. In Songs wie „Easy Way Out“ oder „You‘re A Mess“ traut sich die Künstlerin nun ihren vollen Stimmumfang zu zeigen. Und in Anbetracht des Ergebnisses kann man nur sagen: endlich.

Nach neun Gitarren-Tracks schließt das Album etwas überraschend mit einem reduzierten Pianostück: „Deep Thoughts“ bildet den ruhigen Abschluss der Platte. Wie schon im Opener verliert sich Ilgen-Nur in ihren Gedanken. Doch während „In My Head“ eine Lobrede auf das Alleine-sein ist, vermittelt „Deep Thoughts“ eher ein Gefühl der Einsamkeit.

Lässige Authentizität

Man kann nicht leugnen, dass Ilgen-Nur das mitbringt, was in der deutschen Musikszene so lange gemisst wurde: eine weibliche Stimme, die lässig über Dinge wie LGBTQ-Kneipen („Silver Future“) oder Ghosting („New Song 2“) singt und ihren türkischen Namen als Künstlernamen beibehält. Doch daran will – und muss – Ilgen-Nur nicht gemessen werden. Ihre Rolle als begehrte Newcomerin legitimiert sie einfach mit zeitgemäßen Indie-Rock, den eine unangestrengte Emotionalität ausmacht. Das mit Spannung erwartete Debüt trägt eindeutig ihre künstlerische Handschrift und zeigt doch, wie sehr sie sich entwickelt hat. Die bisher gängige Umschreibung ihrer Musik „sad songs about growing up“ trifft es wohl nicht mehr ganz, aber „traurige Songs übers irgendwie-erwachsen-sein“ können genauso interessant sein. Das beweist „Power Nap“ eindrucksvoll. Texte im gewohnten Stil, ausgefeilte musikalische Begleitung und Ilgen-Nurs unaufdringliche Stimme ergeben ein Erstlingswerk, dass den Startschuss für eine große Karriere geben dürfte.

 

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Theresa Graf
27.08.2019 - 17:05
  Kultur

Ilgen-Nur: Power Nap

Tracklist:
  1. In My Head
  2. Nothing Surprises Me
  3. Soft Chair *
  4. TV *
  5. Silver Future
  6. Easy Way Out
  7. New Song 2 *
  8. You're A Mess
  9. Clean Sheets
  10. Deep Thoughts *
Erscheinungsdatum: 30.08.2019
Power Nap Records