Philologenverband Sachsen-Anhalt

Metaphern, die zu Gewalt anstacheln?

In der Verbandszeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt schlägt der Vorsitzende Jürgen Mannke fremdenfeindliche Töne an – und erntet harsche Kritik. Sein Kollege beim Sächsischen Philologenverband, Frank Haubitz, fordert Mannkes Rücktritt.
In der Zeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt schreibt der Vorsitzende Jürgen Mannke über eine "Immigranteninvasion".
In der Zeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt schreibt der Vorsitzende Jürgen Mannke über eine "Immigranteninvasion".

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler über die Reaktionen auf Jürgen Mannkes Leitartikel in der Verbandszeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt: 

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler über die Reaktionen auf Jürgen Mannkes Leitartikel.
 

Mannke sieht "wirtschaftliche oder gar kriminelle Motive"

Den Leitartikel in der Verbandszeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt hat der Vorsitzende Jürgen Mannke überschrieben mit "Anpassung an unsere Grundwerte erforderlich". Inwieweit diese Grundwerte vermeintlich in Konflikt stehen mit den Absichten von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, erklärt Mannke gleich zu Beginn des Textes:

Ohne Zweifel ist es unsere humane Pflicht, Menschen, die in existenzielle Not durch Krieg und politische Verfolgung geraten sind, zu helfen. Aber es ist ungemein schwer, diese von den Leuten zu unterscheiden, die aus rein wirtschaftlichen oder gar kriminellen Motiven in unser Land kommen.

Dr. Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt

Weiter schreibt Mannke darüber, dass viele Geflüchtete "sicher nicht mit den ehrlichsten Absichten" nach Deutschland kämen. Durch diese Äußerungen hat der Philologenverbandsvorsitzende Kritik auf sich gezogen. Am Montag teilte das Kultusministerium Sachsen-Anhalt mit, dass Mannke zum Gespräch einbestellt wird. Zuvor hatte Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg einen offenen Brief an Jürgen Mannke und seine Mitautorin Iris Seltmann-Kuke gerichtet. Im Interview erläutert Voß:

Als ich den Artikel gesehen habe, war ich ehrlich gesagt einfach entsetzt, weil er mit Stereotypen und Vorurteilen gespickt ist, wie ich sie aus einem Lehrerinnen- und Lehrerverband nicht erwartet hatte.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Forschungsprofessur für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg

Mannkes Formulierungen könnten zu körperlicher Gewalt gegen Migranten anstacheln, sagt Heinz-Jürgen Voß: 

Es wird von ungehemmten Einwanderungsströmen schwadroniert. Es werden also gerade Begriffe genutzt, bei denen sich schon gezeigt hat, dass genau sie es waren, die auch Anfang der neunziger Jahre vielfach gebraucht wurden. Und bei denen mittlerweile auch wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass genau solche Metaphern dazu geführt haben, dass überhaupt eine solche gewaltvolle Eskalation stattfinden konnte.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Forschungsprofessur für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg

Eine der Reaktionen: "Da wird eine rechtsextreme Klientel bedient"

Nicht nur wirtschaftliche Interessen unterstellt Jürgen Mannke den Flüchtlingen. Er warnt auch vor dem "Bedürfnis nach Sexualität", das die "oft auch ungebildeten Männer" mitbrächten: 

Auch als verantwortungsbewusste Pädagogen stellen wir uns die Frage: Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?

Dr. Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt

Dass Mannke hier pauschal vor Menschen islamischen Glaubens warne, wirft ihm Jörg Kirbs vor, der Rektor der Hochschule Merseburg: 

Das ist mir zu sehr auf Muslime abgehoben. Also es geht doch nicht nur um muslimische Männer. Das ist ein generelles Problem, das können auch deutsche Männer oder andere sein. Hier wird wirklich sehr einseitig geschildert. Da bin ich auch ein bisschen enttäuscht von Herrn Mannke, weil ich ihn da eigentlich anders eingeschätzt habe. Damit wird eine rechtsextreme Klientel bedient – ob er das so wollte oder nicht.

Prof. Dr. Jörg Kirbs, Rektor der Hochschule Merseburg

Auch aus Sachsen weht dem Philologenverband Sachsen-Anhalt Kritik entgegen. Frank Haubitz ist Vorsitzender des sächsischen Philologenverbands. Er zeigt sich schockiert von seinem Kollegen Jürgen Mannke:

Wenn man so einen Leitartikel liest – ich hab ihn am Sonnabend gelesen – dann fragt man sich schon, was im Kopf von so einem Kollegen vor sich geht, und wie man zu solchen Meinungsäußerungen kommen kann. Für mich war es eigentlich erschreckend, dass hier eine Personengruppe pauschal verurteilt wird, dass hier Stammtischparolen in einer Verbandszeitschrift zum Tragen kommen.

Frank Haubitz, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen

Frank Haubitz fordert Mannke zum Rücktritt auf

Der Landesvorstand des sächsischen Philologenverbands hat sich von Mannkes Äußerungen distanziert. Frank Haubitz sagt, dass Mannke sich und den Gymnasiallehrern in Sachsen-Anhalt, für die er spricht, keinen Gefallen getan hat. Schließlich brächten die Flüchtlinge auch zukünftige Schüler mit. Und bei denen sei es vorrangig, sie zu integrieren und ihnen Bildungschancen zu eröffnen. Frank Haubitz fordert nun Konsequenzen beim Philologenverband Sachsen-Anhalt: 

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das bei Herrn Mannke aus Unwissenheit geschehen ist. Er ist ein schlauer Mann eigentlich. Und er hätte wissen müssen, dass das Unsinn und absoluter Blödsinn ist, was er da von sich gibt. Für ihn wäre eigentlich die richtige Reaktion, von seinem Amt des Landesvorsitzenden zurückzutreten.

Frank Haubitz, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen

Jürgen Mannke selbst hat gestern eine Stellungnahme auf der Homepage des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt veröffentlicht. Darin entschuldigt er sich, weil die Wortwahl einiger Passagen seines Textes "unglücklich und missverständlich" gewesen sein. Diese Entschuldigung lässt sein sächsischer Kollege Frank Haubitz nicht gelten. 

Für mich ist das ein Fauxpas, der nicht verzeihbar ist. Es ist das geschriebene Wort, das hätte man vorher überdenken müssen. Und sich dann hinzustellen und zu sagen: Ach tut mir leid, ist mal passiert ... – das zeugt nicht von Charakter.

Frank Haubitz, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen

Jürgen Mannke stand für ein Interview mit mephisto97.6 nicht zur Verfügung. Auch seine Mitautorin Iris Seltmann-Kuke will sich vorerst nicht im Interview äußern. Am Telefon sagte sie allerdings, dass ihr wegen des Artikels "dienstrechtliche Konsequenzen" drohen. Die Dienststelle werde bald "ein Gespräch mit ihr führen". 

 

Update: Nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung werden die Äußerungen von Jürgen Mannke und Iris Seltmann-Kuke von Seiten des Kultusministeriums in Sachsen-Anhalt keine Konsequenzen haben. Nachdem Mannke und Seltmann-Kuke in einem Gespräch mit dem sachsen-anhaltinischen Kultusstaatssekretär Jan Hofmann "Scham" wegen der Äußerungen im Leitartikel geäußert hätten, werde man "von weiteren Schritten absehen". Dem Ministerium zufolge, so die Mitteldeutsche Zeitung, würden die beiden Autoren nun "Weiterbildungskurse zu interkultureller Bildung" belegen. Auf der Verbands-Website kündigten Mannke und Seltmann-Kuke zudem an, dass die "Thematik" auf der "Hauptvorstandssitzung Anfang Dezember" aufgearbeitet werde.

 

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