Satire

Merkel, Youtube und die Jugend

Wahlkampf ist, wenn Angela Merkel auf Youtube erscheint. Das ist dann ihr Beitrag, um die Stimmen der Menschen ohne dritte Zähne wahrzunehmen, die natürlich ausschließlich sinnlose Fragen über Emojis stellen. Das war übrigens Ironie.
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel

Lassen wir uns das doch noch einmal durch den Kopf gehen: Die Youtuber*innen, die vom Netzwerk Studio 71 angefragt wurden, sind erfolgreich, weil sie irgendwann in ihren Jugendzimmern angefangen haben, sich selbst zu filmen. Im Hintergrund das berühmte IKEA-Regal, vielleicht unsaubere Schnitte und schlecht ausgeleuchtet. Mit der Zeit und ihren Inhalten erreichten sie immer mehr Menschen, vor allem junge. Dann kamen sie vielleicht in so ein Netzwerk, ihnen wurden Mitarbeiter*innen zur Seite gestellt und der Kanal professionalisierte sich. Manchmal dann auch "sehr authentisch". Trotzdem beruht der Erfolg auf dem Jugendzimmerprojekt, für das man sich einfach eine Kamera schnappt und loslegt.

Merkel zu Gast im Neuland

Und das ging verloren, als Angela Merkel zum Interview zugesagt hatte. Studio 71 - übrigens ein Tochterunternehmen der ProSiebenSat.1 Media SE - richtete ein Studio her mit shiny Floor, den klassischen one-on-one-Talkshow-Sesseln und ruhigen, unauffälligen Kamerafahrten. Schnitt - Merkel spricht knapp links am Zuschauer vorbei. Schnitt - ItsColeslaw spricht knapp rechts am Zuschauer vorbei. Schnitt - junge Frau links, alte Frau rechts im Bild, zoom out, die Kamera bewegt sich sanft. Wie die Interviewer*innen in ihren obligatorischen Statements zum Video preisgaben, gab es zwei helfende Redakteur*innen und sogar in "Boot Camp", bei dem sie mit einem Merkel-Double üben konnten. Sie probten den ganzen Ablauf vorher zwei, drei Mal. Noch ein bisschen vorher wurde die allseits beschworene "Community" dazu aufgerufen, Fragen an Merkel vorzuschlagen. In Zusammenarbeit mit den Redakteur*innen entstanden daraus die Blaupausen für das Interview.

Man hat also junge Menschen mit großer Reichweite in ein ihnen ungewohntes Format gesteckt. Man könnte auch sagen, in ein altes Format, in einen klassischen Fernsehtalk. Und anscheinend maßen auch die meisten Pressevertreter*innen den Erfolg des Gesprächs daran, denn wer würde schon ernsthaft über Emojis reden, wenn er gerade mit der Bundeskanzlerin zu den Höhen der Politik aufsteigen müsste?

Die Mutti

Die Youtuber*innen sahen das nicht so. Bis auf MrWissen2go stellten alle Fragen aus ihrer Lebensrealität, aus der Wirklichkeit junger Menschen: Was sollte man aus der Schule mitnehmen? Wieso gibt es kein einheitliches Schulsystem, wenn so viele tatsächlich Betroffene es sich wünschen? Was nützt uns Bildung? Wo ist die Chancengleichheit?

Mutti erklärt ItsColeslaw aus Bayern, dass sie sich ja beschwere, weil sie es strenger hatte. Dabei sollte sie das doch vielleicht als Chance begreifen! Später werde sie vielleicht mal dankbar sein.

Oder die Beauty-Youtuberin Ischtar Isik: Wenn alle unter 30-Jährigen wählen gehen würden, wären wir immer noch viel weniger als alle über 60. Da fühle man sich schnell irrelevant. Bringt meine Stimme da überhaupt noch etwas? 2013 hatten wir die geringste Wahlbeteiligung der 18- bis 21-Jährigen. Wo ist der Kontakt verloren gegangen?

Mutti listet die Social Media-Aktivitäten des Bundespresseamtes auf, die für ihren Namen arbeiten, und erzählt von früher aus der DDR. Da hätte man ja nicht wählen dürfen. Insofern sei es doch ein Privileg, das zu können.

Ein Machtinstrument

Dass es "keinen Mehrwert" durch das Interview gab, lag nicht nur an den Fragesteller*innen. Merkel will anscheinend die Jungen erreichen, aber etwas dafür riskieren möchte sie nicht. Sonst hätte sie sich mit in ein Jugendzimmer gesetzt. Stattdessen eine schon oft geübte Situation im Studio, nur mit den alten Medien "fremden" Moderator*innen, die auf Youtube bekannt sind und eben eine andere Herangehensweise haben. Insofern kann man die Frage vom Lieblingsemoji auch gern als Aufmüpfigkeit sehen. Dazu kommt, dass alle vier Youtuber*innen jeweils nur zehn Minuten Zeit hatten, ihre Fragen zu stellen und sich so kein echtes Gespräch entwickeln konnte. In der Ungewohntheit und Unsicherheit kann es dann auch leicht mal passieren, nicht nachzuhaken, sondern sich an seine Karteikarten zu klammern, ein Beispiel von Zeitdruck als Machtinstrument.

Diese ganze Angelegenheit war ein Coup von Angela Merkels Presseteam. Sie selbst hatte durchgehend Oberwasser, während die Stichwortgeber*innen taumelten. Dazu kommt die Kooperation mit Youtube, also Google, die für noch mehr Reichweite sorgte, indem sie den Link zum Livestream unter die Suchmaschineneingabe setzten. Halten wir kurz inne, um uns zu überlegen, wie viele Menschen wie oft am Tag etwas googlen.

Die Inhalte der jungen Menschen sind leider ein weiteres Mal untergegangen zwischen Merkelmäandern und Emoji-Aufregung. Was kann man anderes machen, als dieses Mahnmal eiskalter Kalkulation komplett zu zerstören und neu zusammenzusetzen? Dann hat man wenigstens etwas zu lachen.

Deprimierendes lustig zusammengeschnitten von Matthias Weinzierl
Merkel Youtube Supercut

 

 

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Matthias Weinzierl
24.08.2017 - 13:54