Berlinale 2018

Menschliche Geste veränderte ihr Leben

Bei seiner Berlinale-Weltpremiere erntete das Historiendrama minutenlangen Beifall. Regisseur Lars Kraume widmet sich nach "Der Staat gegen Fritz Bauer" wieder mal der deutschen Nachkriegs-Ära: Hier aus dem ungewohnten Blickwinkel einer DDR-Klasse.
Zwei Minuten Schweigen im Schulunterricht verändert das Leben der DDR-Abiturienten.
Kurt (Tom Gramenz) und seine Klassenkameraden halten als Zeichen der Solidaritätsbekundung eine Schweigeminute ab.

Herbst 1956. Theo und Kurt wollen sich mit einem Kinobesuch in Westberlin von der Abiturvorbereitung ablenken. Die Wochenschaubilder über den von Sowjets blutig niedergeschlagenen Ungarnaufstand schockieren die besten Freunde. Zurück in der DDR-Heimat und Vorzeige-Arbeitersiedlung Stalinstadt entsteht der Einfall einer Schweigeminute im Unterricht als Ausdruck der Solidarität. Gesagt, getan. Keiner der Schüler*innen ahnt jedoch, dass sie mit dieser Aktion den totalitären Überwachungsstaat gegen sich aufbringen. Ihr besonnener Schulleiter möchte den „Dummen-Jungen-Streich“ bei einer Verwarnung belassen. Ungeachtet dessen setzt das Lehrerkollegium den Volksbildungsminister über diese „Konterrevolution“ in Kenntnis. Die Oberstufenschüler*innen werden vor ein Ultimatum gestellt: Entweder werden die „Rädelsführer*innen“ binnen einer Woche denunziert oder der Klassenverbund wird republikweit vom Abitur ausgeschlossen. Zwischen erpresserischen Stasi-Befragungen und elterlichem Druck stellt die Stimmung allgemeinen Misstrauens die Solidargemeinschaft auf eine schwere Belastungsprobe...

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Der Radiobeitrag von Karen Müller
2202 bme schweigendes klassenzimmer

Typisch Deutsch?

Deutsche Filme lassen sich oftmals in eine von zwei Schubladen einordnen: Klamauk-Komödie oder schwermütiges Historiendrama - vorzugsweise über den Zweiten Weltkrieg oder das geteilte Nachkriegsdeutschland. Oberflächlich betrachtet trifft auf Lars Kraumes neuen Film „Das schweigende Klassenzimmer“ letzteres zu. Das DDR-Jugenddrama basiert auf dem gleichnamigen, autobiographischen Sachbuch von Dietrich Garstka. Der preisgekrönte Filmemacher ist jedoch mindestens genauso an der Gruppendynamik seiner jugendlichen „Rebellen*innen“ interessiert wie am bewegenden Kapitel junger DDR-Geschichte Mitte der 50er.

Packende Zeitreise in das Unterdrückungsregime

Mit seiner jüngsten Kinoarbeit widerlegt Regisseur Kraume die Ansicht vieler heimischer Kritiker*innen. Trotz zahlreicher Film- und Fernsehaufarbeitungen bietet die deutsche Nachkriegszeit noch genügend „frische“, erzählenswerte Stoffe. Das Produktionsteam konnte außerdem auf begnadetes Talent vor und hinter der Kamera zurückgreifen. Neben erfahrenden Schauspielgrößen wie Burghart Klaußner wird den spielfreudigen Nachwuchskünstlern*innen genügend Raum zur Entfaltung gegeben. Hervorzuheben sind die zwei Hauptdarsteller Leonard Scheicher und Tom Gramenz. Einfühlsam lassen sie das Publikum an den Hochs und Tiefs ihrer Freundschaft teilhaben.

Nicht nur für Liebhaber von Politkino

Zwar steht der in den Grundfesten erschütterte, naive Glaube an den verklärten SED-Apparat im Fokus. Mit seinem flammenden Plädoyer für Zivilcourage und politische Bewusstseinsbildung richtet sich das historische Charakterdrama aber auch an normale Kinogänger*innen. Über den universellen Charakter der Geschichte spricht der Regisseur im Interview mit dem Verleih: 

Das tolle an der Geschichte ist, dass sie eine eigentlich zeitlose, ganz archaische Jugendrebellion und ein Erwachsenwerden erzählt. Und das passiert in jeder Zeit überall immer wieder, dass eine junge Generation Fragen stellt, merkt, dass es Konventionen in ihrer Gesellschaft gibt, Fragen, die nicht gestellt werden dürfen und sich darüber erheben und sagen: Nee Moment, da wollen wir jetzt drüber reden.

In dem Coming-of-Age-Drama geben die Filmemacher den heiteren Ton jugendlicher Unbeschwertheit bald zugunsten eines ernsten Kammerspiels auf. Durch die reduzierte Inszenierung wird eine bedrohlich-beklemmende Atmosphäre in den Verhörsituationen aufgebaut. Eindringlich wird das moralische Dilemma zwischen Systemhörigkeit und kameradschaftlicher Verschwiegenheit vermittelt. 

Theo (Leonard Scheicher) in "Das schweigende Klassenzimmer"
 

Fazit:

Insgesamt entpuppt sich „Das schweigende Klassenzimmer“ als wortwörtlich aufrüttelnde und inspirierende Geschichtsstunde. Respektvoll wird sich vor dem Filmklassiker „Der Club der toten Dichter“ verbeugt. Besonders freuen dürfte die Filmcrew das Lob vom Zeitzeugen und Autor der Vorlage:

Bei jedem Bild dachte ich: Ja, so war’s. Die Erinnerung wurde wach und die Gefühle waren genau die gleichen, wie vor sechzig Jahren.

 

 

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"Das schweigende Klassenzimmer" feierte seine Weltpremiere im Rahmen der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Screening-Termine:

23.02.2018 um 21:30 Uhr (Kino Casablanca)

25.02.2018 um 9:30 Uhr (Haus der Berliner Festspiele)

Regulärer Kinostart ist der 1. März 2018.

Regie und Drehbuch: Lars Kraume

Laufzeit: 111 Minuten

Cast: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Anna Lena Klenke, Carina N. Wiese, Burghart Klaußner und weitere