Berlinale 2018

Menschenmüll

"Garbage" ist der einzige Berlinale-Beitrag aus Indien in diesem Jahr und der hat es in sich. In dem Film wird der Kampf der Geschlechter auf brutale Art und Weise beendet.
Szene aus "Garbage"
Phanischwar erhofft sich Heilung von einem Guru

Eine Frau windet sich auf einer Matratze, auf ihr sitzt ein schmächtiger Mann, hält sie fest, drückt sie nach unten. Dann greift er nach einem heißen Bügeleisen und drückt es ihr auf den Hintern. Es sind mitunter kaum zu ertragende Szenen, die der Regisseur Q in seinem neuen Film auf das Publikum loslässt. In seinem Heimatland Indien gilt er längst als Provokateur, nachdem sein Film Gandu 2011 dort verboten wurde. Garbage, sein neuestes Werk, hat nun äußerst geringe Chancen, in Indien überhaupt jemals ins Kino zu kommen. Wo der Regisseur in seinem bisherigen Schaffen noch auf Humor setzte, beschwört er in Garbage einen brutalen Albtraum herauf und rechnet mit der Gesellschaft ab.

In Garbage geht es um Phanishwar (Tanmay Dhanania). Er arbeitet als Taxifahrer in Goa und ist ein glühender Anhänger des Gurus Baba (Satchit Puranik). Im Netz hilft er, dessen fragwürdige Lehre zu verbreiten. Niemand weiß währenddessen von Phanishwars Geheimnis, denn in seinem Haus hält er eine Sklavin gefangen. In einem weiteren Handlungsstrang geht es um Rami (Trimala Adhikari). Die junge Frau ist auf der Flucht, seit ein Sexvideo von ihr im Internet veröffentlicht wurde. Beide Wege kreuzen sich, als Phanishwar Rami in seinem Taxi durch die Stadt fährt. Rami ahnt noch nicht, dass auch er sich an dem Internetvideo ergötzt.

Düsteres Gesellschaftsbild

Bei Garbage handelt es sich zweifellos um einen der heftigsten Filme im Programm der 68. Berlinale. Lange Zeit brodelt es nur, bevor Regisseur Q in der zweiten Hälfte das Tempo mit einem Ruck anzieht und das Publikum mit heftigen Sex- und Gewaltszenen konfrontiert. Garbage steckt voller Hass. Die Verkommenheit der Gesellschaft steht hier einmal mehr im Mittelpunkt. Menschen werden gezeigt, die sich schlimme Dinge antun. Zwischendurch spielen auch Smartphones eine wichtige Rolle, deren Bildschirme groß auf der Leinwand erscheinen. Auch sie werden hier aber nur benutzt, um Hass und Gewalt zu verbreiten.

Man sollte auf jeden Fall vorher wissen, dass man hier keinesfalls leichte Kost zu sehen bekommt. Auch optisch passt sich Garbage dem grausamen Stoff an. Anfangs liegt durchaus noch eine gewisse Ästhetik in den Bildern, die Q nutzt, um seine Schauplätze in Szene zu setzen. In der heftigen zweiten Hälfte gibt es jedoch nur noch hässliche Aufnahmen voller Blut und Dreck zu sehen, untermalt von psychedelischen Klängen.

Szene aus "Garbage"
Trümmerberg der Gesellschaft

Gegen die Unterdrückung

Q positioniert sich mit seinem Film auf jeden Fall klar gegen Gewalt gegen Frauen und rechnet mit dem Geschlechterkampf radikal ab. Mit der brutalen Rachegeschichte fügt sich Garbage perfekt in das diesjährige Berlinale-Programm ein, das in großem Maße von ungewöhnlichen Frauenfiguren geprägt war, die die Initiative ergreifen und anders handeln als man es anfangs vermuten würde. Glücklicherweise verkommt Garbage dabei trotz des konsequenten Finales nicht zur Gewaltverherrlichung, denn es macht definitiv keinen Spaß, den Gegenschlag der Protagonistin mitzuerleben.

Problem ist eher, dass man zwar etwas verstört zurückbleibt, aber so wirklich emotional bewegend wird der Film nie. Das liegt daran, dass man über die Figuren einfach zu wenig weiß, der emotionale Unterbau ist leider etwas abhanden gekommen und als Sympathieträger kann man sie auch nicht bezeichnen. So sind es besonders die Frauenfiguren, zu denen es schwer fällt, einen Zugang zu finden. Und auch bei der männlichen Hauptfigur wäre etwas mehr Ambivalenz nicht schlecht gewesen.

Fazit

Garbage ist eine verstörende, wenn auch etwas oberflächliche Rachegeschichte, die mit gesellschaftlichen Abgründen abrechnet. Regisseur Q macht seinem Ruf als Provokateur alle Ehre!

 

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"Garbage" feierte Weltpremiere bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Sektion Forum.

Ein regulärer Kinostart ist derzeit noch unbekannt.

Den altersbeschränkten Trailer gibt es hier zu sehen.