Rotes Sofa: Matthias Nawrat

Melancholisches Portrait der Gegenwart

Am Ende bleibt die Tristesse. Wie kann es auch anders sein? Das Berlin, das Matthias Nawrat in "Der traurige Gast" zeichnet, strotzt nicht vor Lebensfreude - und ist doch ein Ort der Begegnung und des Zusammenkommens.
Redakteur Felix Krause im Gespräch mit Autor Matthias Nawrat.
Redakteur Felix Krause im Gespräch mit Autor Matthias Nawrat.

Das Gespräch zum Nachhören:

Begegnungen in der Großstadt: Der Protagonist und Ich-Erzähler ist permanent unterwegs, aber wohin eigentlich? Er trifft Menschen, bekannte und unbekannte. Und Unbekannte werden zu Bekannten. Er spricht mit ihnen, er beobachtet. Da ist Dorota, eine ältere Architektin. Da ist Eli, ein Schauspieler aus Rumänien, da ist Dariusz, der einst Chirurg war und nun in einem Tankstellenshop arbeitet. Alle verbindet eines: das Unstetsein im Zeitalter globaler Unruhe. Und so entsteht ein Mosaik aus Geschichten, ein kalaidoskopartiges Bild von Berlin durch einen Filter aus Melancholie. Denn in der Wahrnehmung unseres Helden wirkt alles irgendwie schwermütig-befremdlich:

 

Das Lachen klang eine Oktave höher als erwartet. Gerade weil es so grell klang und er unnatürlich schief grinste, klang es wie ein normales Lachen.

aus "Der traurige Gast"

Und während man beim Lesen in einen sentimentalen Trancezustand verfällt, kracht es: "Es ist der Winter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche", heißt es auf dem Klappentext. Der Protagonist lässt uns mitfühlen, wie sich das Miteinander verändert durch eine solche Zäsur.

Der postmoderne Flaneur

Unglaublich poetisch und intensiv ist "Der traurige Gast". Statt einer Handlung wird vielmehr eine Stimmung vermittelt, das geschieht aber so kunstvoll, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte - vielleicht aus Mitleid mit dem Protagonisten, dem man in seinem Weltschmerz und seiner Desillusionierung zur Seite stehen möchte, ihm, dem postmodernen Flaneur. Ja, "alles hat mit allem zu tun" und die Essenz liegt im Nebensächlichen.

Was zurückbleibt, nachdem der Protagonist auf der letzten Seite kommentarlos scheinbar aus der Kamera läuft, ist wohlige Wärme einerseits und eine diffuse Sehnsucht andererseits. Nur, nach was eigentlich...?

Das Interview als Video:

 

Kommentieren

Matthias Nawrat wurde 1979 in Opole geboren. Er studierte Biologie in Freiburg und Heidelberg, anschließend am Schweizer Literaturinstitut in Biel.

Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet. 2014 stand er mit "Unternehmer" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Sein aktueller Roman "Der traurige Gast" war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.