Literaturrezension

Mein Gestern, such ich zu ergründen

Mascha Kaléko zählt zu den bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. 40 Jahre nach ihrem Tod wurden Gedichte aus ihrem Nachlass noch einmal neu verlegt. Der Band „In meinen Träumen läutet es Sturm“ erzählt von einem mutigen, bewegten Leben.
Mascha Kaléko

"In meinen Träumen läutet es Sturm“ – schon der Titel von Mascha Kalékos Lyriksammlung lässt erahnen, wie bedeutend die Poesie ist, die in Kalékos Zeilen steckt. Der Band ist erstmalig 1977 erschienen. Im Herbst 2018 legte ihn der dtv-Verlag als Sonderausgabe das dritte Mal neu auf. Herausgeberin ist die Schauspielerin Gisela Zoch-Westphal, die seit Kalékos Tod deren literarischen Nachlass verwaltet.

Der Band umfasst teils unveröffentlichte Gedichte und Epigramme daraus. „In meine Träumen läutet es Sturm“ ist in fünf Kapitel geteilt, die für verschiedene Lebenssituationen der Autorin stehen. Sowohl „Lieder für Liebende“ sind darin zu finden, als auch Gedichte unter dem Schlagwort „Im Exil.“ Ein Blick in die Biografie der Autorin hilft, ihr Werk besser zu verstehen.

Ein Leben im Exil

Mascha Kaléko wurde 1907 in Galizien als Tochter jüdischer Eltern geboren. Dies war auch der Grund dafür, dass sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit ihrer Mutter nach Deutschland übersiedelte, um dem Nationalsozialismus zu entgehen. Erst lebte sie kurze Zeit in Frankfurt und Marburg; den Großteil ihrer Schulzeit verbrachte sie dann in Berlin. Später begann sie dort eine Bürolehre in einer jüdischen Organisation, obwohl sie, entgegen der Vorstellungen ihres Vaters, eigentlich studieren wollte. So besuchte Mascha Kaléko parallel zu der Ausbildung Abendkurse der Universität in Psychologie und Philosophie.

In den späten 1920er Jahren fand sie Anschluss in den intellektuellen Kreisen rund um das legendäre „Romanische Café“ in Berlin-Charlottenburg. Dort verkehrte zu der Zeit die Berliner Avantgarde, auch viele Künstlerinnen und Künstler jüdischer Abstammung waren dort. So traf sie unter anderem auf den Dichter Joachim Ringelnatz.

Veröffentlicht und verboten

Zunächst veröffentlichte sie Gedichte in Tageszeitungen, was ihr Verständnis von Lyrik enorm prägte. Ihr lag es am Herzen, mit ihren Texten möglichst viele Menschen zu erreichen. Auch diejenigen, die sonst vielleicht keinen Zugang zu Gedichten haben. Mascha Kaléko sagte von sich, sie wolle „Gebrauchspoesie“ schreiben. Also eine, die aus dem Alltag kommt und ebenso im Alltag gelesen werden kann.

1933 publizierte sie schließlich ihren ersten Gedichtband mit dem Titel „Das lyrische Stenogrammheft.“ Damit hatte sie großen Erfolg – und auch großes Glück. Denn die Nationalsozialisten begannen im selben Jahr jüdische und systemkritische Literatur zu verbrennen. Weil Kalékos Band erst ein paar Monate vor den Verbrennungen erschienen war, wurde er von den Nazis schlicht übersehen. Bald darauf wurde ihr Werk jedoch auch als „schädliche Schrift“ verboten. Ihr Gedicht mit dem Titel „Zeitgemäße Ansprache“ prangert die damalige Situation und die Blindheit der Deutschen gegenüber dem Nationalsozialismus an.

Habt ihr die Zeitung nicht gelesen, Saht ihr des Grauens Abbild nicht? Wer kann, als wäre nichts gewesen, In Frieden nachgehn seiner Pflicht?

"In meinen Träumen läutet es Sturm", S.35

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges emigrierte sie mit ihrer Familie in die USA, wo sie weiter schrieb und veröffentlichte. Nach dem Krieg konnte sie ihren literarischen Erfolg auch in Deutschland wieder aufgreifen. Doch ihrem ebenfalls jüdischen Mann zuliebe ging sie von den Vereinigten Staaten schließlich nach Israel. Auch dort trafen sie Schicksalsschläge. Innerhalb weniger Jahre starben ihr einziger Sohn sowie ihr Mann. In ihrem letzten Lebensjahr fand sie dann jedoch noch einmal die Kraft sehr viel zu schreiben. Das Kapitel „Das letzte Jahr“ erzählt davon. Mascha Kaléko verstarb 1975 nach schwerer Krankheit bei einem Aufenthalt in Zürich. Sie wird als einzige Frau der Neuen Sachlichkeit zugeordnet, für die sonst Erich Kästner, Hans Fallada und Joachim Ringelnatz stehen.

Poesie als Gesellschaftskritik

Mascha Kaléko schreibt Lyrik, die das Leben und Leiden in der Großstadt thematisiert. Oft kritisiert sie darin gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Aber auch ihre persönlichen Erlebnisse fließen mit ein.

Wie war mein Gestern, such ich zu ergründen, Und sieh, ich weiß es nur noch ungefähr. So ganz umbrandet mich das Jetzt, dies Meer, In das die besten meiner Träume münden

aus „Sonett in Dur“, in: "In meinen Träumen läutet es Sturm", S.16

Kaléko bedient sich einer einfachen Sprache, was zu ihrem Zitat passt, „Gebrauchspoesie“ verfassen zu wollen. Dennoch fehlt es ihren Texten in keiner Weise an Komplexität oder Tiefgang. Kaléko versteht es, lebensnahe Situationen in klaren Sätzen dennoch hoch intelligent und poetisch auszudrücken. Mal hoffnungsvoll, mal melancholisch. Oft mit einem neckenden, humorvollen Blick auf die Gesellschaft. Ihre Sprache ist ehrlich und zeugt von einem starken, aber auch verletzlichen lyrischen Ich. Dies lässt sie als Autorin beim Lesen sehr nahbar wirken. Neben recht klassischen Reim- und Rhytmusschemata, nutzt sie in manchen Gedichten auch einen Stil, der an zeitgenössische Lyrik erinnert.

Schade ist bloß, dass bei den gesammelten Werken nur selten das Entstehungsjahr vermerkt ist. Beschäftigt man sich mit ihrer Biografie, lassen sich vielleicht Referenzen ziehen – doch ohne den Hintergrund fällt dies schwer. Ansonsten ist die Sonderausgabe besonders schön und hochwertig gestaltet. Der Sammelband lädt zum mehrmaligen Lesen ein – und eignet sich somit insbesondere als Geschenk. Auch für sich selbst.

Die Rezension zum Nachhören findet ihr hier:

Ein Beitrag von Carolin Büscher
 
 

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„In meinen Träumen läutet es Sturm“

ist in der dtv-Verlagsgesellschaft erschienen

und in der Sonderausgabe für 16 Euro erhältlich.