#Leipzig2030

Mehr Flughafen, weniger Schlaf

Der Leipziger Flughafen wird immer wichtiger für den Frachtverkehr. Gerade ist er die Nummer zwei in Deutschland, im Koalitionsvertrag steht er als geplanter Hauptflughafen für Frachtverkehr. Doch was bedeutet das für die Anwohnenden?
Vor allem Fracht- und Militärmaschienen bringen die Flughafen-Anlieger um den Schlaf.
Vor allem Frachtmaschinen bringen die Flughafen-Anlieger um den Schlaf.

Peter Richter ist Pressesprecher der Bürgerinitiative Nachtflugverbot. Er besitzt eine Versicherungsagentur und wohnt in der Nähe des Flughafens Leipzig/Halle. Das Thema Fluglärm beschäftigt ihn seit 14 Jahren. Seitdem 2008 das Frachtdrehkreuz gebaut wurde, sei die Lärmbelastung immer schlimmer geworden. Erst vergangene Nacht habe er wieder nicht schlafen können, erzählt er. Das Gepiepse der Abfertigungsfahrzeuge habe ihn wach gehalten. Die schlaflosen Nächte der Nachbarschaft nehmen mit dem Wirtschaftswachstum am Flughafen zu. Jede Nacht fliegen ungefähr hundert Frachtmaschinen, denn auf dem Flughafen gibt es kein Nachtflugverbot. Sie bringen von Leipzig aus Pakete in die ganze Welt.

Flughafen Lärmschutz

Um Anwohnende vor diesem Lärm zu schützen, gibt es das Schallschutzprogramm des Flughafens. Der Flughafen bezahlt also zum Beispiel Schallschutzfenster. Der Pressesprecher des Flughafens Leipzig/Halle, Uwe Schuhart meint, der Flughafen tue viel für Anwohnende. Er betont, dass sie sich gerne um diese Anliegen kümmern würden. Der Flughafen habe bisher über 140 Millionen Euro in Schallschutzmaßnahmen investiert. 

In einem Gebiet von 256 km2 Größe, das laut Fachbezeichnung Nachtschutzgebiet ist, ist jedes einzelne Wohnhaus von unabhängigen Ingenieuren untersucht worden. Da wurde untersucht, was muss der Flughafen auf seine Rechnung realisieren, um seinen Anwohnern Nachtruhe bringen zu können. 

Uwe Schuhart, Pressesprecher des Fughafens Leipzig/Halle

In Schuharts Büro hängt eine Karte vom Flughafen-Gebiet. Um den Flughafen hat jemand ordentlich mit Fineliner ein Oval gemalt, um das Nachtschutzgebiet zu zeigen. Es ist groß, mehr als doppelt so groß, als es die gesetzlichen Vorgaben vorsehen, so Schuhart. Mehrere zehntausend Häuser befinden sich in ihm.

Aber diese Maßnahmen reichen Anwohnenden wie Peter Richter nicht. Er meint, auch die regelmäßigen Überprüfungen würden nichts bringen: Die gesetzlichen Vorgaben seien einfach zu locker. Dabei sei der Lärm unerträglich.

 Die müssen sich das so vorstellen, dass jemand ein angeregtes Gespräch in ihrem Schlafzimmer neben ihrem Bett führt, dieser Lärmpegel ist gesetzlich zugelassen.

Peter Richter, Bürgerinitiative Nachtflugverbot

Tag statt Nacht?

Darum haben Richter und die 400 Mitglieder der Bürgerinitiative Nachtflugverbot auch geklagt – bis vors Bundesverwaltungsgericht sind sie gegangen. Zwischen tausend und zweitausend Menschen hätten sie dabei finanziell unterstützt, mit insgesamt 100.000 Euro. Sie wollten, dass der Nachtflug am Flughafen Leipzig/Halle komplett verboten wird. Doch das Bundesverwaltungsgericht entschied, dass Frachtflugmaschinen weiter nachts fliegen dürfen. Es reiche, dass nachts keine Flugzeuge für Personen fliegen dürften. Flughafen-Pressesprecher Schuhart begrüßt das, denn der Nachtflugbetrieb sei unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Kunden wie DHL beim Flughafen ihr Geschäft abbilden könnten. 

Richter möchte dennoch, dass der Flugverkehr komplett auf den Tag verlegt wird. Denn immerhin gibt es in Leipzig auch am Tag Platz für weitere Flugzeuge, meint Richter von der Bürgerinitiative. Richter vermutet, das liege vor allem daran, dass die Unternehmen nachts weniger Geld für das Starten und Landen der Maschinen zahlen müssten. 

Andreas Berkner, der Leiter der Regionalen Planungsstelle Westsachsen, sieht eine grundsätzlichere Ursache, warum man den Frachtverkehr nicht auf den Tag legen kann. Auch wenn es stimme, dass es in Leipzig tagsüber Platz gebe, sodass Unternehmen wie DHL fliegen könnten. Aber in anderen Städten ginge das nicht, denn sie seien tagsüber komplett mit Passagierflugzeugen belegt. Der Frachtverkehr ist ein weltweit organisiertes geschlossenes System, erklärt Berkner. Man könne in Leipzig nicht einfach an einer Schraube drehen, ohne dass es ausstrahlen würde: Damit in Leipzig der Frachtverkehr tagsüber laufen könne, müsse das ganze System umgestellt werden. 

Bedeutung DHL

Wenn der Nachtflug in Leipzig verboten wäre, würde DHL wahrscheinlich nicht mehr lange in Leipzig bleiben. Gerade für den Flughafen hat DHL aber eine herausragende Bedeutung, meint Pressesprecher Schuhart. 

DHL war der wichtigste Schritt in der Flughafengeschichte, das heißt, mit der Ansiedlung eines solchen Global Players ist der Flughafen Leipzig/Halle auch als Standort auf die Wahrnehmungsebene von vielen vielen Unternehmen gerückt, also ein Effekt, den hätte man mit Marketinggeldern gar nicht erreichen können

 

Uwe Schuhart, Pressesprecher des Flughafens Leipzig/Halle

Durch diese Unternehmen seien viele weitere Arbeitsplätze geschaffen worden, die direkt oder indirekt mit dem Flughafen zusammenhängen, insgesamt gebe es durch den Flughafen über 8.600 Arbeitsplätze. Für Sachsen ist das ein wirtschaftliches Schwergewicht, erklärt Andreas Berkner von der Planungsstelle. Richter von der Bürgerinitiative kritisiert aber die Qualität der Arbeitsplätze, die durch DHL entstehen. Er meint, bei vielen der Arbeitsplätze von DHL mit einer 30-Stunden-Woche müssten die Arbeitnehmenden noch zusätzlich mit Hartz IV aufstocken. Sie hätten Informationen darüber aus dem Arbeitsamt Leipzig. DHL hat bisher nicht auf schriftliche Anfragen geantwortet.

Leipzig 2030

In Zukunft wird der Flughafen im Frachtbereich wohl weiter wachsen, darin sind sich Berkner, Richter und Schuhart einig. Im Koalitionsvertrag taucht der Flughafen als neues zentrales Luftfracht-Drehkreuz für Deutschland auf. Damit werden auch weiterhin jedes Jahr mehr Maschinen starten. Um zumindest keine neuen Anwohnenden diesen Lärm auszusetzen, werden deshalb keine weiteren Wohnhäuser in der Nähe des Flughafens gebaut. Für die Menschen, die dort leben, kommt das zu spät. Richter und die Bürgerinitiative Nachtflugverbot wollen jetzt selbst kommunalpolitisch aktiv werden. Denn sich fühlen sich von der Politik nicht ernst genommen. Bis das sich ändert, werden sie wohl weiter schlecht schlafen.

Mehr über die Entscheidung, den Frachtbetrieb des Leipziger Flughafens auszubauen:

Magnus Raab über die Ausbaupläne im Koalitionsvertrag am Leipziger Flughafen
Beitrag von Magnus Raab über die Ausbaupläne im Koalitionsvertrag

 

Den Beitrag zu der Entwicklung am Flughafen Leipzig/Halle hören Sie hier:  

Rebecca Kelber über Kosten und Nutzen des Wachstums am Leipziger Flughafen
Flughafen Leipzig Halle Lärmentwicklung Wirtschaftswachstum

 

 

 

Kommentieren