Bundesverfassungsgericht

Medizin studieren, auch ohne Einser-Abi?

Das Bundesverfassungsgericht prüft gerade, ob das aktuelle Zulassungsverfahren für Humanmedizin mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Dass man für das Medizinstudium einen Abiturdurchschnitt von ungefähr 1,0 braucht, könnte sich also bald ändern.
Als Arzt mal ein Stethoskop in der Hand zu halten - davon träumen viele. Aber genügend Medizinstudienplätze gibt es nicht.
Als Arzt mal ein Stethoskop in der Hand zu halten - davon träumen viele. Aber genügend Medizinstudienplätze gibt es nicht.

Wenn einem die Abiturnote die Zukunft verbaut, ist das nicht mit dem Grundrecht auf freie Berufswahl vereinbar. Zu so einem Urteil könnte bald das Bundesverfassungsgericht kommen. Wie schwierig der Weg ins Medizinstudium derzeit sein kann, zeigt das Beispiel von Medizinstudent Thomas Wendeln. 

Ein langer Weg ins Studium

Mit seinen 26 Jahren hat es Thomas dieses Jahr an die Uni Leipzig geschafft und studiert nun im ersten Semester Medizin. Das hat er einigen Umwegen zu verdanken. Hinter ihm liegen mehrere Berufsjahre im Rettungsdienst. Währenddessen hat er auch noch sein Abitur am Abendgymnasium nachgeholt - das hatte er in seiner Schulzeit nämlich abgebrochen. Letztendlich hat ihn das Abendgymnasium aber viel besser auf das Studium vorbereitet als die Schule. 

Ein Abendgymnasium setzt einfach voraus, dass man selbstständig lernt. Dass man selbst was tut. Dass man sich selbst dahinterklemmt, sich selbst organisiert und das macht. Das hat mir wirklich viel gebracht.

Thomas Wendeln, Medizinstudent

Schule dagegen war für Thomas immer nur Stress. Deshalb hält er auch nichts von der Abiturnote als Auswahlkriterium. Selbst mit seinem 1,3 Abitur war ihm ein Studienplatz nicht sicher.

Wer bekommt einen Platz? 

20 Prozent der Plätze werden über den Numerus Clausus vergeben. Das heißt: Bewerber werden nur bis zu einer bestimmten Abiturnote zugelassen. Bei Medizin liegt die Grenze bei 1,0. Weitere 20 Prozent verteilt die zentrale Auswahlstelle nach Wartezeit. Über die Zulassungskriterien für die restlichen Plätze entscheiden die Hochschulen selber. Auch da zählt hauptsächlich die Abiturnote. Bei Thomas wurde neben seiner Abinote aber auch seine abgeschlossene Berufsausbildung berücksichtigt. Bei fünf Mal so vielen Bewerbern wie Studienplätzen muss einfach ausgesiebt werden, sagt Professor Jürgen Meixensberger. Er ist Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig.

Die Abiturnote ist ein sehr guter Prädiktor, um das Studium der Humanmedizin erfolgreich zu absolvieren. Ob die Kompetenzen und Fähigkeiten, die wir im Laufe des Medizinstudiums vermitteln wollen, dann denjenigen, der das Medizinstudium absolviert hat, zu einem guten Arzt macht, steht noch mal auf einem anderen Blatt.

Prof. Jürgen Meixensberger, Studiendekan

Denn im Arztberuf zählen auch soziale und kommunikative Fähigkeiten. Alles Dinge, die im Vorfeld des Medizinstudiums nicht abgefragt werden. Das könnte sich ändern, wenn das Bundesverfassungsgericht den Numerus Clausus kippt. Und davon geht Professor Meixensberger aus.    

Da ja die Unterschiede, die ja wahrscheinlich auch zur Klage geführt haben, in den länderbezogenen Abiturprüfungen, adressiert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch die Politik den Auftrag bekommt, das Abitur bundesweit zu harmonisieren.

Prof. Jürgen Meixensberger, Studiendekan

Das Urteil über den Medizin NC könnte also das deutsche Schulsystem verändern. Das würde aber nicht von heute auf morgen passieren. Vielleicht bekommen Politik und Universitäten erst mal den Auftrag, die Zulassungsverfahren zu reformieren. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist in den nächsten Wochen und Monaten zu rechnen. 

Hören Sie dazu auch den Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer: 

Ein Beitrag von Angela Fischer
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