Wissenschaft

Medien in der „Flüchtlingskrise”

Haben die Medien während der sogenannten Flüchtlingskrise versagt? Eine neue Studie widmet sich nun der Berichterstattung von großen Tageszeitungen aus ebendieser Zeit.
Medien in der „Flüchtlingskrise“
Eine Studie über die Berichterstattung großer Tageszeitungen

Mehr als 30 000 Zeitungsberichte aus regionaler Presse, Süddeutscher Zeitung, FAZ und der Welt hat der Leipziger Medienwissenschaftler Michael Haller mit seinem Team analysiert. Sein Ergebnis ist alles andere als schmeichelhaft.

Über die Regierungsnähe der Medien

Haller wirft den untersuchten Tageszeitungen eine Verzerrung vor: Man hätte den Positionen der Bundesregierung zu viel Raum gegeben und dafür andere Protagonisten vernachlässigt. Helfer, lokale Institutionen, Behörden und die Flüchtlinge selber zum Beispiel.

Aber auch die Kritiker einer Willkommenskultur, die es ja nun bekanntlich auch in einem ziemlichen Ausmaß gab und die ja nicht nur abgedrehte Rechtsradikale sind. Es gibt ja auch in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft Einwände oder Andersdenkende. All das kam nicht vor.

Michael Haller, Medienwissenschaftler

Stattdessen hätten die Medien vor allem die Regierungspositionen abgebildet. Bei seiner Forschung hat Haller ausgewertet, wie oft die jeweiligen Protagonisten in den Zeitungsberichten zu Wort kamen. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Akteure zählen zur institutionellen Politik.

Hören Sie hier das Interview mit Michael Haller in voller Länge: Haben die Medien in der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise versagt?

Das Interview mit Michael Haller
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Eine, die bei der Berichterstattung über die vermeintliche Flüchtlingskrise mittendrin war, ist Ine Dippmann. Als Sachsen-Korrespondentin vom MDR-Hörfunk berichtete sie ab 2015 über Pegida & Co. Im Januar 2016 wurde Dippmann dann selbst zur Schlagzeile: Beim einjährigen Geburtstag von Legida griff eine Frau sie an und schlug ihr ins Gesicht. Viele Menschen wollen einfach nicht mit Journalisten sprechen, erklärt sie. Pegida sei ein Beispiel dafür.

Da gab es von Anfang an die Ansage, dass man nicht mit der Presse sprechen solle. Ich selber hab mehrmals versucht, Lutz Bachmann ans Telefon zu bekommen, seine Handynummer hab ich auch immer noch eingespeichert, aber reden wollte er nie mit mir.

Ine Dippmann, Journalistin

Gleichzeitig seien aber auch Protagonisten wie die Helfer vom Roten Kreuz oder den Maltäsern massiv abgeschirmt worden. Den Journalistinnen und Journalisten waren also oft die Hände gebunden.

Zwischen Komplexität und Willkommenskultur

Hallers Kritik geht noch weiter. Seinen Analyseergebnissen zufolge sah sich ein Großteil der Bevölkerung in Bezug auf die Flüchtlingsthematik überfordert. Der Grund: News-Medien wie tagesschau.de hätten „von unüberschaubar vielen Handlungsorten über Beteiligte auf unterschiedlichsten Ebenen berichtet.” Ine Dippmann kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen.

Auf der einen Seite fordert er, dass man viele Perspektiven einnimmt. Dass man diese Komplexität auch darstellt. Auf der anderen Seite kritisiert er das Gleiche als Überforderung, als Informationsflut. Man kann nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Ine Dippmann

Weiter stellt Haller fest: Den Zeitungen sei es bei knapp einer Hälfte der Berichte nicht gelungen, sachlich und neutral zu berichten. Sie hätten ihren Lesern die sogenannte Willkommenskultur als Verpflichtungsnorm vermittelt. Mit den Ereignissen der Silvesternacht 2015/16 sei dann ein Wandel eingetreten.

Das hätte nicht passieren dürfen. Da hat sich tatsächlich eine Barriere aufgebaut, so nach dem Motto: Über Flüchtlinge wird nicht schlecht gesprochen. Aber von vornherein Ängste zu bedienen, kann doch kein aufklärerischer Journalismus sein.

Ine Dippmann

Man hätte die Ängste und Sorgen vieler Menschen aber früher darstellen sollen. Haller zufolge haben die Medien aber dazugelernt. Der Umgang mit dem Thema „Flüchtlinge in Deutschland“ sei differenzierter geworden. Und auch wenn Dippmann den meisten Punkten der Analyse nicht zustimmt, meint sie: Die Studie wirft wichtige Fragen auf.

Viele Forschungsfragen kann man gut in 72 Punkten ausdrucken und an die Redaktionswand hängen. Als ständige Ermahnung, wie man eigentlich an Themen herangehen sollte. Einfach sich die Zeit zu nehmen, zu reflektieren. Und ich glaube, das ist ein Ansatz, den sollten wir durchaus weiterverfolgen.

Ine Dippmann

Hören Sie zu diesem Thema auch den Beitrag von mephisto97.6 Redakteurin Angela Fischer:

Ein Beitrag von Angela Fischer
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