Weltfrauentag

Mauern in Köpfen niederreißen

Im Kampf um Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen wurde 1908 der Weltfrauentag ins Leben gerufen. Zu diesem Anlass haben wir mit der Frauenrechtlerin Inge Bell über Alltagssexismus und Gender Pay Gap gesprochen.
Frauenrechtlerin Inge Bell im Gespräch mit Moderator Manuel Anhut.
Frauenrechtlerin Inge Bell im Gespräch mit Moderator Manuel Anhut.

Der erste Teil des Interviews zum Nachhören:

Ein Interview von Moderator Manuel Anhut.
0803 Mitschnitt Inge Bell 1

mephisto 97.6: Frau Bell, wir haben gerade gehört, was der Weltfrauentag für Leipziger und Leipzigerinnen bedeutet. Was bedeutet der Weltfrauentag für Sie im Jahr 2018?

Inge Bell: Der Weltfrauentag ist ein Tag, an dem es nötig ist, weiterhin an Frauenrechte zu denken. Das ist genau wie der 25. November, der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, einfach ein Signaltag, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Welt für Frauen und Männer nicht gleichermaßen offen ist.

Dabei sollte sie das natürlich sein. Es wird auch immer wieder dran erinnert. Es gibt auch immer wieder viel Alltagssexismus. Vorhin in der Vorbereitung des Interviews haben wir in der Redaktion schon eine kleine Diskussion darüber gehabt, ob es sexistisch ist Frauen am Weltfrauentag Blumen zu schenken. Ist das schon Sexismus?

Nein. Frauen am Frauentag Blumen zu schenken, das ist definitiv kein Sexismus. Und auch ein schönes Kompliment zu machen ist kein Sexismus. Sexismus beginnt da, wo die Abwertung der Frau aufgrund ihres Frauseins passiert. Eine Herabwürdigung, ein Blumengeschenk oder ein Kompliment muss noch keine Herabwürdigung sein.

Alltagssexismus fängt zum Beispiel da an, wo einer Frau nicht so viel zugetraut wird. Einfach deshalb, weil sie eine Frau ist oder wo man einer Frau stärker helfen muss, nach dem Motto: „Mädelchen, du schaffst das doch gar nicht alleine, zum Beispiel funktioniert der Beamer im Konferenzsaal nicht. Lass mich da mal ran. Das ist doch Männersache, Frauen und Technik das geht nicht.“ Das ist zum Beispiel eine sexistische Alltagssituation, die Frauen sehr oft kennen.

Aber auch herabwürdigende Komplimente, nach dem Motto, das ist dann wirklich sexistisch: „Wow, du hast aber ein tolles Kleid an, das betont deine wunderbare Figur.“ So etwas ist vielmehr ein persönlicher Angriff, als ein Kompliment. Fragen wir es mal andersrum: Würdest du einen Mann so etwas fragen? Würdest du einem Mann so etwas sagen?

Eine andere Sache, die in Richtung soziale Gerechtigkeit geht, ist der sogenannte Gender Pay Gap, also die Nicht-Gleichbezahlung. Frauen werden im Durchschnitt immer noch um die 20 Prozent schlechter bezahlt. Was sagen Sie denen, die sagen: „Ja dann sollen sich die Frauen doch einfach Jobs suchen, die besser bezahlt sind.“

Das ist auch nicht so einfach, sich Jobs zu suchen, die besser bezahlt sind. Denn wir sind ja in einer Gesellschaft unterwegs, die Frauen auch nicht fördert sich solche Jobs zu suchen. Wir reden ja seit vielen Jahren darüber: Man müsste Frauen mehr fördern in die Programmierung zu gehen, in Informationstechnologie, in technische Berufe - eben in die sogenannten Männerberufe. Jetzt ist es so: Selbst Frauen, die sich dafür entscheiden das zu tun, werden oft schon während des Studiums Opfer - sag ich jetzt ganz bewusst - von Diskriminierung und Sexismus und später auch im Job selbst. [...]

Es gibt dieses latente Rollenklischee, das sagt: Frauen werden solange für inkompetent gehalten, bis sie ihre Kompetenz beweisen. Männer werden grundsätzlich für kompetent gehalten, solange bis sie ihre Inkompetenz beweisen.

Der zweite Teil des Interviews zum Nachhören:

Ein Interview von Moderator Manuel Anhut.
0803 Mitschnitt Inge Bell 2

Für absolute Fairness zwischen den Geschlechtern braucht es einen Umbruch und Wandel. Doch wann kommt das?

Der Wandel kam zum Beispiel auch schon mit dem Frauenwahlrecht von vor 100 Jahren. Das war auch ein ganz großer Gesinnungswandel. Bis dahin hieß es: „Frauen brauchen gar nicht wählen, Frauen können gar nicht so gut denken, die können politisch keine Entscheidungen treffen, die gehören hinter den Herd.“ usw.

Dieser Gesinnungswandel hat bereits vor 100 Jahren stattgefunden, als es dann endlich ein Frauenwahlrecht gab. Es gab Gesinnungswandel in der Vergangenheit, wo Frauen wirklich Berufe ergreifen und studieren konnten. Das sind alles Gesinnungswandel, die unsere Gesellschaft bereits hingelegt hat. Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass sich Mauern in Köpfen niederreißen lassen. Das braucht ein bisschen.

Seit Mitte letzten Jahres sind Sie Vorstandsmitglied der Frauenrechtsorganisation „Terre de Femmes“. Woher kommt die Motivation?

Ich habe mich schon sehr lange für Frauenrechte eingesetzt. In meinem früheren Leben - ich bin ja jetzt 50 - und in meinen jüngeren Jahren war ich als ARD-Auslandsreporterin unterwegs und habe sehr heftige Skandale aufgedeckt, wie zum Beispiel Zwangsprostitution, Kinderhandel zum Zweck der Pornografie und der Ausbeutung von Organen - also wirklich harte Themen - sowie organisierte Kriminalität. Und ich bin als Auslandsreporterin in Osteuropa unterwegs gewesen und habe eben gesehen, wie krass die Probleme dort sind. Gerade in Reformländern oder Entwicklungsländern. Schon damals habe ich sehr stark gesehen, dass Frauen oft die Verliererinnen in Reformstaaten sind, also in den Zeiten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Ich habe mich schon früh dafür eingesetzt, dass es für Frauen in diesen Ländern, in denen noch Not und Reform an der Tagesordnung sind, besser wird.

Terre de Femmes - was sind ganz konkrete Ziele der Organisation?

Wir schauen wirklich, dass es gesellschaftspolitische Bedingungen für Frauen ändern wird. Das heißt auch, dass Terre de Femmes für Sexualstrafrechtsreformen verantwortlich ist, dass Vergewaltigung in der Ehe und Genitalverstümmelung Straftatbestände sind, dass es keine Zwangsehen mehr gibt, dass es auch Kinderehen nicht mehr gibt.

Das sind alles Errungenschaften der letzten Jahre. Dass gegen häusliche Gewalt ein Gesetz gibt usw. Dass die Bedingungen für Flüchtlingsfrauen besser werden. Das sind alles Themen, da braucht man wirklich Power auf der politischen Ebene, gute Vernetzung, internationale Vernetzung, Lobbying und natürlich auch ganz konkret Veranstaltungen vor Ort um aufzuklären. Über Schiefstände für Frauen, über Sexismus, über häusliche Gewalt, über Zwangsehen. Über all das, was Frauen deshalb widerfährt, weil sie Frauen sind.

Jetzt haben Sie mir die Frage, was die Organisation in den letzten Jahrzehnten erreicht hat, schon ein bisschen vorweggenommen. Aber schauen wir mal in die Zukunft, was ist denn da geplant? Was sind denn die großen Undinge, wo man sagt, da muss man ansetzen?

Wir haben z.B. einen sehr großen Knackpunkt. Wir sagen, wir müssen ganz genau hingucken, was jetzt mit den Frauen passiert, die aus anderen Ländern geflüchtet sind. Also aus muslimischen Ländern, wo die Frauenrechte eben sehr, sehr kleingeschrieben werden bzw. gar nicht existent sind. Und jetzt haben wir Frauen, die hierherkommen und als Geflüchtete hier unseren Schutz brauchen. Und darauf müssen wir ganz genau gucken.

Diese Frauen kommen aus streng patriarchalen Gesellschaften, wo eben die Religion, der Islam, eine sehr, sehr große Rolle bei der Frauenunterdrückung spielt. Und ein ganz großes Ziel von Terre de Femmes ist es, dass wir genau hinschauen wollen: Wie ist es mit jungen Mädchen? Wir wollen gern, dass die kleinen Mädchen, die mit drei bis vier Jahren schon oft gezwungen werden ein Kopftuch zu tragen, in den Institutionen wie Kindergarten, Schule nicht dazu gezwungen werden, sondern den Kopf frei haben. Also wir setzen uns ganz klar für ein Kopftuchverbot für minderjährige Mädchen ein.

Und das wollen Sie dann auch rechtlich verankert sehen?

Das möchten wir gerne rechtlich verankert sehen. Wir wissen, dass der Weg dahin ein steiniger ist, aber das war bislang jeder Weg in Sachen Frauenrechte.

 

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