Literatur

Masse und Demokratie

Faschistischer Block, revolutionäre Bewegung, urbane Menge - alle fallen unter den Begriff der Masse. Doch wer oder was ist die Masse wirklich? Die Literatur dazu ist endlos. Einen neuen Ansatz liefert Stefan Jonssons Buch "Masse und Demokratie".
Buch Masse und Demokratie
Masse und Demokratie von Stefan Jonsson

Der Begriff der Masse entstand im Zuge einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. In Deutschland löste sich mit dem Kaiserreich auch die klassische Ständegesellschaft auf. Überall gingen Menschen auf die Straße um ihren Unmut gegen die Verhältnisse auszudrücken. Das Klima der Großstädte unterstützte diese Entwicklung noch. 

Für die Anhänger der alten Ordnung, die Bürgerlichen, Konservativen und Eliten, war die Masse das Gegenteil alles Individuellen und der Kultur. Sie galt als chaotisch, irrational und stumpf. Die Massen waren jedoch auch untrennbar mit der Revolution verbunden und stellte für Kommunisten und Sozialisten die Frage nach der Mobiliserung. Grudsätzlich wurden zur Masse vor allem die unteren Schichten gezählt, Arbeiter und Demokraten. 

Die Zusammenfassung zum Buch Masse und Demokratie können Sie hier nachhören:

Das Studiogespräch zum Buch 'Masse und Demokratie' mit Moderator Nico Van Capelle und Redakteurin Eva Weber
 

Wer oder was ist die Masse? 

„Masse ist Schicksal; Wir sind Masse; Du bist Masse; Ich bin Masse; Ich bin nicht Masse; Masse ist ohnmächtig; Masse ist stark; Masse ist schwach; Masse ist Kraft; Masse ist Führer; Masse ist blinder Sklave; Masse regiert; Masse gehorcht; Masse ist gesichtslos;..“

Ernst Toller in Masse Mensch

Vor allem ist "Masse" ein politischer Kampfbegriff. Er skizziert das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, von Masse und Führer, von irrationalen Leidenschaften und Kalkül. Stefan Jonsson geht den Fragen nach dem Wesen der Masse anhand der Geschichte der Weimarer Republik auf den Grund. 

Die Masse war ein organisierender Bedeutungsträger für das deutsche Denken, die Kunst und die Kultur in der Zwischenkriegszeit.

 

Stefan Jonsson in Masse und Demokratie

Die Weimarer Republik und die Masse

Die Weimarer Republik wird heute meist mit ihrem Scheitern assoziiert. Unbeachtet bleibt dagegen ihr vitaler und experimenteller Charakter in Sachen Kultur und Gesellschaft. Jonsson setzt diese kulturelle Vielfalt in einen direkten Zusammenhang mit der Kategorie Masse. Ihre Suche nach ästhetischen und politischen Repräsentationsmöglichkeiten im Zuge der Errichtung einer demokratischen Ordnung habe eben diese kulturelle Vielfalt erzeugt. Sowohl durch gegnerische Stimmen, die sich an ihr abarbeiteten, also auch durch diejenigen, die sich als Teil der Masse verstanden und versuchten, dieser ein Gesicht zu geben. 

So versucht Jonsson sich der Masse zu nähern, indem er vor allem die ästhetischen Arbeiten der Zeit untersucht. Er stützt sich dabei auf Romane und Erzählungen, journalistische Quellen, Fotografien, Zeitschriften, Augenzeugenberichte, Theaterstücke und Kunstwerke. Diese vergleicht er stets mit klassischen theoretischen Abhandlungen von zum Beispiel Simmel, Le Bon und Freud welche sich aus damaliger Perspektive mit der Masse auseinandersetzen. 

 Das Gesicht der Masse betrachten – oder sich den Blick der Masse aneignen? [..] Die Unterschiede zwischen diesen beiden Metaphern herausarbeiten, heißt die extremen Pole identifizieren, zwischen denen sich der Diskurs der Masse bewegte. Zwischen diesen Positionen spielte sich in der Tat das Drama der Weimarer Politik selbst ab.

Stefan Jonsson in Masse und Demokratie

Die collageartige Darstellung der Thematik bietet den Vorteil, ein umfassendes Bild der Masse zu zeichnen, ohne die Bedeutung einzelner Perspektiven zu herabzusetzen. Tatsächlich gestaltet Jonsson den Aufbau des Buches ganz bewusst in dieser Art.

Vom Individuum zur Masse und wieder zurück

Die konservativen und bürgerlichen Kräfte in der Weimarer Republik stellten die Masse stets aus der Distanz dar. Aus dieser Perspektive, wirkt jede Masse oder Menschenansammlung bedrohlich, anonym und chaotisch. Künstler, die sich dem entgegenstellten, versuchten in ihren ästhetischen Arbeiten die Distanz zu verringern, die Individualität der einzelnen Menschen einzufangen und ihre Intentionen, Ängste und Gedanken sichtbar zu machen. So zeichnet auch Jonsson zunächst distanzierte Theorien über die Masse nach um sich schließlich der Masse aus ihrem Inneren selbst zu nähern. Er stellt damit heraus, dass Masse kein einheitlicher Begriff ist, sondern seine Bedeutung je nach Blickwinkel ändert. 

[Masse bezeichnet] nicht etwas oder jemand Konkretes; vielmehr wird Masse durch einen Akt der Repräsentation erzeugt – und zwar als der ausgeschlossene Teil in Bezug auf das, was es einem "Volk", einer "Kultur" oder "Nation" ermöglicht, sich als Gemeinschaft zu identifizieren

Jonsson entwickelt anhand der geschichtlichen Auseinandersetzung seine eigenen Thesen. Er konstatiert, dass das Aufkommen der Masse immer mit einem Problem der politischen Repräsentation zusammenhänge. Die Masse werde dialektisch erzeugt. Bestimmte Teile der Bevölkerung würden von vornherein von der politischen Partizipation ausgeschlossen und als Masse diskriminiert. Damit würde der Status Quo der gesellschaftlichen Ordnung vom Establishment gerechtfertigt. Jonsson will zeigen, dass die Masse somit gar keine eigene Realität besitzt, sondern erst durch den Repräsentationsakt der Repräsentanten des politischen Systems konstruiert wird. Die erzeugte Masse ihrerseits, suche nun nach geeigneten Wegen ihre Interessen zu vertreten. 

Schließlich sei dieser Konflikt zwischen den Hoffnungen der Masse auf bessere Repräsentation und der parlamentarischen Demokratie ausschlaggebend für das Ende der Weimarer Republik gewesen. Dir bürgerlichen Kräfte und Parteien hätten es nicht geschafft, den Wunsch nach Demokratie genügend umzusetzen und stattdessen in ihrer Angst vor den Massen den autoritären Kräften den Vorzug gegeben, was schließlich im Nationalsozialismus endete. 

Die Ästhetik lehrt uns etwas über Politik und Gesellschaft [..].  Dass die politische Bühne bei dem Versuch die Gesellschaft zu repräsentieren immer scheitern wird. Die Stärken der Ästhetik liegen aber nicht nur hier, sondern darüber hinaus in ihrer Fähigkeit, eine Gesellschaft zu imaginieren, in der die Grenzen gerade neu gezogen werden. Auf diese Weise wird das System der Repräsentation erneuert und es entsteht Platz für Menschen, die bislang aus dem politischen Raum verbannt waren.

Stefan Jonsson in Masse und Demokratie

Die ästhetische Masse

Jonsson sieht die Lösung des Repräsentationsproblems in der ästhetischen Arbeit. Die Kunst zeige neue Möglichkeiten, da sie sich gänzlich vom Bestehenden und den Machtstrukturen lösen kann. Er untermauert dies an verschiedenen Stellen. So waren auch Künstler in der Weimarer Zeit darum bemüht, der Masse ein politisches Selbstbewusstsein zu geben, weg von der Masse hin zur Arbeiterklasse, durch Fotografie, Agitprop und totales Theater. Dies würde unter anderem durch die Massentechnologie gelingen, welche zu einer Demokratisierung der Kultur beitragen sollte.

Denn die "Massen" geben auch heute wieder Anlass zur Besorgnis, weil ein Staat nach dem anderen Sparprogramme einführt und die Menschen, wie zu erwarten auf die Straße gehen, um gegen ihr Absinken in die Armut zu protestieren. Diese als undiszipliniert und falsch informiert dargestellten Menschenmengen sind, aus Sicht der Eliten, eine Gefahr für die politische Stabilität [..]

Stefan Jonsson in Masse und Demokratie

Bereits in seinem Vorwort wendet Jonsson seine These des Repräsentationsproblems auf die heutige Europäische Union an. Die Position der Repräsentanten müssten dabei die führenden politischen Institutionen der EU einnehmen. Da die EU keine Verfassung hat, können Massen jedoch nur auf nationalstaatlicher Ebene verortet werden. Inwieweit Jonssons rein nationalstaatliche Theorie über die Masse der Weimarer Republik auf den europäischen Rahmen übertragbar ist, bleibt daher fraglich.

Die Europäische Union und die Masse

Akzeptiert man diesen Unterschied jedoch, lassen sich strukturelle Gemeinsamkeiten feststellen. Tatsächlich ist die EU ein relativ junges System, welchem häufig ein Repräsentationsproblem attestiert wird, da es sich zwar um eine Wirtschaftsunion handelt, aber kein einheitliches Sozialsystem besteht. Daher gibt es seitens der etablierten Größen der EU kaum Strategien zur Beseitigung der sozialen Ungleichheit. Stattdessen werden linke Bewegungen mit den gleichen Attributen versehen, wie zu Zeiten der Weimarer Republik. So werden auch die Regierungen Portugals, Griechenlands und Spaniens und deren Anhänger bis heute wiederholt als linkspopulistisch, chaotisch und irrational dargestellt. Das wiederum spielt EU-feindlichen, rechts-populistischen Parteien in die Hände.

Andererseits gingen die Demokratiebemühungen in der Weimarer Republik vor allem von der Masse aus, wohingegen der Demokratiebegriff heute von den führenden Regierungen hochgehalten und eher eine Demokratieverdrossenheit auf Seiten von Teilen der Bevölkerung diagnostiziert wird.

Inwieweit Jonsson mit seinen abgeleiteten Thesen zu Demokratie und Masse letzten Endes recht hat, wenn er sie auf die EU anwendet, wird sich noch zeigen. Desweiteren scheint eine Analyse der heutigen Medienlandschaft nötig, wie Jonsson dies für die Weimarer Republik erarbeitete, um die Darstellungen der Masse und deren Konsequenzen abschließend zu bewerten.

 

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Masse und Demokratie: Zwischen Revolution und Faschismus von Stefan Jonsson ist im Wallstein Verlag erschienen. Das Buch umfasst 342 Seiten und kostet 29,90 Euro.