Im Gespräch: Andre Wilkens

Mal was Positives aus Europa

Andre Wilkens ist ein eingefleischter Europäer. Er beobachtet mit Grauen, dass Thesen aus dem „Mülleimer der Geschichte“, wie er sagt, wieder Erfolg haben. Dem setzt er sein neues Buch entgegen. Dieses erzählt positive Europageschichten.
Buchmesse 2017, Andre Wilkens
Autor Andre Wilkens zu Gast auf dem Roten Sofa mit mephisto 97.6 Redakteurin Pia Uffelmann

Kurz nach dem Mauerfall fährt der 27-Jährige Andre Wilkens in einem Lada von Ostberlin nach Brüssel. Seitdem er damals für ein Praktikum bei der Europäischen Kommission war, lassen ihn Europa und die EU nicht mehr los. Doch mittlerweile hat die EU in der Bevölkerung an Vertrauen verloren. So scheint es zumindest angesichts anhaltender Finanzkrisen, vielerorts aufstrebendem Nationalismus und dem anstehenden Brexit. Dass die EU nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem für Frieden und Freiheit steht, werde da oft vergessen.

Die EU bei Freud auf der Couch

Andre Wilkens schreibt im heiteren Ton von seinen Erfahrungen und verknüpft diese mit Europa und dem europäischen Gedanken. Persönliche Passagen führen ins Buch hinein, wie das Praktikum bei der Kommission. Andere Kapitel sind durchsetzt von einer kleinen Geschichte Europas. Da berichtet Wilkens von europäischen Denkern oder davon, wie die EU entstanden ist. Es ist faszinierend, wie Wilkens in wenigen Sätzen die einem vielleicht schon bekannte Fakten elegant zusammenfasst. Auch über die Institutionen der EU klärt Wilkens auf und rückt einige Vorurteile zurecht. So erscheint dem Autor die Brüsseler Bürokratie gar nicht so aufgeblasen, wenn man sie mit denen der einzelnen Mitgliedsstaaten vergleicht. Dabei sei zu bedenken, dass in Brüssel ja Angelegenheiten für alle über zwanzig Mitgliedsstaaten geregelt würden. Nichtsdestotrotz sieht Wilkens auch Schwachpunkte der EU. In einem Kapitel personifiziert er die EU und lässt Freud mit ihr eine fiktive Psychoanalyse durchführen.

Bloß nicht monokulturell

Den Tenor der guten Nachrichten aus Europa liest man deutlich heraus. Wilkens schwärmt von der Kraft des Fußballs, dem entspannten Lebensstil der Italiener sowie von den Ehen und Kindern, die allein durch das Erasmus-Programm entstanden seien. Eines kann sich der Autor, der neben Berlin und Brüssel auch in Turin, Genf und London gelebt hat, nicht mehr vorstellen: „Monokulturell“ zu leben. Also in seinem täglichen Leben nicht im Austausch mit anderen Kulturen zu stehen. Das Buch liest sich wie ein Sachbuch, welches keines ist. Optimistisch und auf den Punkt beschreibt Andre Wilkens auf über 300 Seiten seine Liebe und stellenweise sein Hadern mit der Europäischen Union. In Zeiten des kollektiven Europapessimismus tut das gut.

Wir müssen Europa wieder mehr lieben lernen.

Andre Wilkens

Mehr Pathos

Europa werde in Europa meist nur in Zahlen und Fakten erklärt. Andre Wilkens meint, es sei förderlich und gut mehr Pathos und positive Europageschichten zu etablieren – Europa mehr als Gefühl, weniger als Finanzgemeinschaft wahrnehmen. Es sei wichtig für das Gefühl der Gemeinschaft, dass Menschen ihre persönlichen Europageschichten erzählen. Dies könne auch der starken Nationalisierung entgegenwirken. Doch damit Menschen wieder den Glauben an ein gemeinschaftliches Europa aufbringen können, bedarf es mehr Pathos – denn man verliebe sich über den Bauch und nicht über Zahlen und Fakten, so Wilkens.

Wenn alle Europäer zusammenarbeiten, kommt etwas Gutes dabei raus.

Andre Wilkens

Das gesamte Interview mit Andre Wilkens können Sie hier nachhören:

Andre Wilkens im Gespräch mit Redakteurin Pia Uffelmann
 
 

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Andre Wilkens hat bereits in Brüssel, London, Turin, Genf und Berlin gelebt. Man kann ihn also getrost als eingefleischten Europäer bezeichnen. EU-Europäer sogar. Nach seinem Bestsellererfolg „Analog ist das neue Bio“, legt er nun mit „Der diskrete Charme der Bürokratie – Gute Nachrichten aus Europa“ nach. Das Buch erscheint am 23. März 2017 in den S. Fischer Verlagen.