Frisch gepresst: Frank Turner

Make Empathy Great Again

Pöbeln kann jeder, denkt sich Frank Turner. Deshalb stimmt er auf „Be More Kind“ auch leise Töne an. Ein Album, ganz dem Verständnis verschrieben - zwischenmenschlich wie politisch. Dabei helfen Turner offene Arme mehr, als die geballte Faust.
Frank Turner
Auf „Be More Kind“ setzt Frank Turner auf ruhige Töne und bedachte Wortwahl.

Frank Turner ist ein bescheidener Mann. Ein Mann, der um wenig bittet. Von seinen Mitmenschen wünscht er sich einen Zacken Vernunft, Empathie und das sich generell alle ein bisschen weniger verhalten wie wildgewordene Affen. Eigentlich gar nicht mal so viel verlangt. Dieser Gedanke kommt einem auch beim Hören von „Be More Kind“. 13 Songs ganz im Zeichen der Freundlichkeit und des Mitgefühls – und ironischerweise Zündstoff für jede Menge Diskussionen. Denn mit seinem siebten Album verabschiedet sich der Engländer endgültig vom Punk und schlägt sein Lager in milderen Popgefilden auf. Wenig überraschend, dass davon nicht alle Fans begeistert sind. 

Ist das jetzt verweichlicht oder vernünftig?

Die Akte Frank Turner bleibt spannend. Wird er langsam alt und zahnlos, fragen die einen. Die Antwort: Nein, wird er nicht. Weicher und freundlicher ja, von zahnlos kann aber keine Rede sein. Vielmehr präsentiert Turner sein gesamtes Repertoire an musikalischem Können, allen voran sein einfühlsames Songwriting. Im Titelsong „Be More Kind“ becirct er uns mit Akustikgitarre und Streichern; textet ehrlich müde und mit unschuldiger Bitte:

Between things that can and can't be said
We've stopped talking to each other
And there's something wrong with that
So before you go out searching
Don't decide what you will find
Be more kind, my friends, try to be more kind

Frank Turner in „Be More Kind“

In Songs wie „1933“ oder „Blackout“ legt Turner dann doch noch einen Zahn zu. So auch im genialen „Make America Great Again“. Ohne Umschweife und auf den Punkt getextet trifft es da, wo es treffen soll. Der moralische Zeigefinger bleibt aber unten. Turner bezeichnet sich selbst als „ignorant Englishman“ und gibt demütig seine Meinung zur Situation in den USA wieder.

Well I've been fortunate to go 'round the continent
From California through the midwest and Providence
And I've mostly only encountered common sense
Hospitality and warmth from Americans
But I wish it was a bit less significant
The program and the name of the President
Because it seems to me the truth is self-evident
You fought our king to be independent

Frank Turner in „Make America Great Again“

Ein bisschen Friede, ein bisschen fad

Natürlich ist Frank Turner nicht der Erste, der Trumps Politik kritisiert. Rassismus, Diskriminierung und Chancenungleichheit sind auch keine ausschließlich amerikanischen Probleme. Insgesamt finden sich auf „Be More Kind“ auch keine nie dagewesenen Feststellungen. Turner unterstreicht eher, was für ihn zum gesunden Menschenverstand gehört. Dabei gleitet ihm der ein oder andere Song zu sehr in die Schlichtheit ab. „There She Is“, ein an sich aufrichtiges Liebeslied, verkauft er unter dessen Wert. Berührend ist es trotzdem. „Little Changes“ klingt eher nach dem Intro einer beliebigen Kinderserie als nach einem schneidigen Frank-Turner-Song. Im Gesamtpacket des Albums verzeiht man aber auch die etwas störende Harmlosigkeit. Unterm Strich wäre eine Kinderserie mit Musik von Frank Turner ja auch nicht unbedingt die schlechteste Sache, die dem Fernsehen passieren könnte.

Zuhören statt Zutexten

Ja, klar: Zu den Klängen von „Be More Kind“ marschiert sicher keiner von uns auf die nächste Demo und verprügelt Nazis. Oder Donald Trump. Aber genau das – die absolut nicht auffindbare Aggression – macht die Platte so faszinierend und stark. Denn (Überraschung!), wenn man mit Brechstange und Parolen loszieht, hören einem am Ende eh nur die zu, die ohnehin schon dieselbe Meinung teilen. Wer lässt sich auch gerne von oben herab belehren und kleinmachen? Frank Turner geht da subtiler vor. Er macht klar, dass er die Nase voll hat von dem ganzen Zirkus. Dass jeder mehr auf sein Handy, als auf seine Mitmenschen schaut. Und er gibt zu, dass er Angst hat – weil die Welt gefühlt den Bach runtergeht und auch Frank Turner am Ende des Tages nur ein Typ ist, der so ganz alleine das Ruder nicht rumreißen kann. Deshalb braucht es Menschen, die ihm zuhören. Und überhaupt: Wenn das bisschen Mitgefühl, das Turner einfordert zu viel verlangt ist, dann haben wir ein weitaus größeres Problem, als bisher angenommen.

 

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Ariane Seidl
15.05.2018 - 11:27
  Kultur

Frank Turner: Be More Kind

Tracklist:

*Anspieltipps

1. Don't Worry
2. 1933*
3. Little Changes
4. Be More Kind*
5. Make America Great Again*
6. Going Nowhere
7. Brave Face
8. There She Is
9. 21st Century Survival Blues
10. Blackout
11. Common Ground
12. The Lifeboat
13. Get It Right

Erscheinungsdatum: 04.05.2018
Xtra Mile Recordings/Polydor Records

mephisto 97.6 präsentiert:

Am 14.11.2018 sind Frank Turner & The Sleeping Souls zu Gast im Werk2. Alle Infos gibt's unten, Karten an allen üblichen Vorverkaufsstellen. 

Einlass: 18.30 Uhr
Beginn: 19.30 Uhr
Veranstalter: Aust Konzerte

Alle Tourdaten gibt's hier:

23.10.2018 - Würzburg, Posthalle
24.10.2018 - Stuttgart, Longhorn
10.11.2018 - Lingen; EmslandArena
11.11.2018 - Hannover, Capitol
13.11.2018 - Bremen, Aladin
14.11.2018 - Leipzig, Werk2
16.11.2018 - Hamburg, Sporthalle
17.11.2018 - Wiesbaden, Schlachthof
20.11.2018 - München, Tonhalle
22.11.2018 - Berlin, Columbiahalle
23.11.2018 - Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle