Picknick

Mahlzeit im Grünen

Wie nah der Sommer ist, lässt sich an der Zahl der Picknickdecken messen, die sich in Parks und an Stränden ausbreiten. Schon seit mehr als zwei Jahrhunderten erfreuen sich Picknicks reger Beliebtheit. Aber was macht eigentlich ihren Reiz aus?
Picknick
Je wärmer es wird, desto mehr Menschen zieht es auch zu den Mahlzeiten nach draußen.

Obst, das sich in grünes Gras ergießt. Dazu ein Laib Brot. Viel mehr Zutaten erfordert ein Picknick im Grunde nicht. Wichtiger noch als das Essen ist, dass man gemeinsam mit Anderen Spaß an der frischen Luft hat, Wind und Sonne auf sich wirken lässt und - ganz besonders - die vertrauten Tischsitten hinter sich lässt. Wer picknickt, rebelliert auch ein Stück weit gegen gesellschaftliche Konventionen. Das wird auf Édouard Manets Gemälde "Frühstück im Grünen" besonders deutlich. Denn der Fokus des Bilds liegt keinesfalls auf dem umgestoßenem Picknickkorb, den Manet in fast altbackener Manier als Stillleben abgebildet hat. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine der beiden Damen der vierköpfigen Picknickgesellschaft. Denn sie ist vollkommen nackt. Die zweite Frau, die gerade im Hintergrund durch das flache Wasser eines Baches watet, ist ebenfalls sehr leicht bekleidet. Manet soll sein Kunstwerk zunächst spaßhaft "La partie carée" genannt haben. Sinngemäß "Der flotte Vierer". Auch ohne diesen provokanten Titel löste das Bild eine Welle des Protests und des Spotts aus. Dabei stellte Manet letztendlich eine wesentliche Errungenschaft des Picknicks überspitzt dar: Einen ungezwungeneren Umgang zwischen den Geschlechtern. Zogen sich Frauen und Männer sonst sofort nach dem Essen in separate Räumlichkeiten zurück, waren sie bei den Picknicks, die Anfang des 19. Jahrhunderts populär wurden, gezwungen, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Sicherlich selten zu ihrem Missfallen. Man denke beispielsweise an einen Abschnitt aus Theodor Fontanes Reportage "Ein Sommer in London": 

Da weckten mich Stimmen und munteres Gelächter aus meiner finsteren Betrachtung und um mich blickend, gewahrt' ich unter einem Kastanienbaum meine gesamte Begleiterschaft: die beiden Gentlemen stehend und schwatzend, die Ladies ins Gras gelagert und Kränze flechtend. Miß Harper warf mir den ihren zu und lachend fing ich ihn, wie einen Reifen beim Reifenspiel, mit meinem vorgestreckten Arme auf. »Ich glaubte, Sie hätten uns vergessen«, rief sie schelmisch unter ihrem Hut hervor, und sah mich an als wisse sie's doch am besten, daß keines Mannes Auge ihrer Lieblichkeit jemals vergessen könne. Dann erhob sich alles – gesunder Appetit umschlang uns mit einem Eintrachtsbande – und dem Boote zueilend, glitten wir in der nächsten Minute schon quer über den Strom hin an das jenseitige Ufer, wo eine prächtige, nach allen Seiten hin von Weidengebüsch umgrenzte Wiese wie geschaffen war für ein lustig verschwiegenes Diner.

Wie viele spätere Eheleute sich wohl bei einem Picknick näher kennenlernten? Heute überspringen freilich viele das Picknick in großer Gesellschaft und treffen sich gleich zu einem romantischen Picknick zu zweit. Auf solche Ausflüge hat sich die Leipziger Picknickagentur picknick-leipzig.de spezialisiert. Bei ihr kann man einen Picknickkorb bestellen und zusätzlich dazu Fahrräder, Quats oder Motorräder mieten. Das Angebot ist nicht nur bei Pärchen beliebt, die einen Kurzurlaub in Leipzig verbringen und selbstständig die schönsten Flecken der Stadt erkunden möchten. Auch Einheimische nehmen die Dienstleistung gerne in Anspruch. Teilhaber Christian Wolf findet das nicht allzu erstaunlich:

Ich sehe Leipzig vielleicht mit anderen Augen als sonst, und ich habe natürlich extrem leckeres Essen, ob das jetzt frische Salami ist oder Bäckerbrötchen, die frisch in Leipzig produziert wurden, immer mit einem Touch Bio, was ich mir ja vielleicht sonst nicht so gönne, und diese Idee von einem Sonntagsfrühstück mit frisch gepresstem Orangensaft einfach mit Leipzig verbinde. Was gibt’s denn Schöneres?

Ja, man kann ein Picknick auch aufwändiger vorbereiten als auf Manets "Frühstück im Grünen". Doch ob man den Rahmen des Picknicks nun nutzt, um ungestört mit einem jungen Mann zu plaudern oder um auf dem Fahrrad den Alltag hinter sich zu lassen - im Kern geht es doch immer um mehr als um den Genuss von Delikatessen. Es geht auch um den Genuss von Freiheit.   

 

Ein Beitrag über Reiz und Geschichte des Picknicks von Franziska Sandkühler
 
 

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Franziska Sandkühler
11.06.2015 - 09:36
  Kultur