Die Kolumne

Machtkampf

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Rebecca Kelber über Held*innen, Erfolg und die lvz.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören finden Sie hier:

Die Kolumne von Rebecca Kelber.
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Diese Woche waren die lvz-Leser-Kommentarspalten besonders hasserfüllt. Denn Burkhard Jung will neuer Präsident des ostdeutschen Sparkassenverbands werden und würde dafür sein Amt als Leipzigs Oberbürgermeister aufgeben. Die beste Gelegenheit, um mal so richtig Frust rauszulassen: zum Beispiel über Jungs Fähigkeiten als Bürgermeister.

 Da will wohl jemand der Verantwortung für den Schaden entfliehen, die sein Murks der Stadt gebracht hat? So richtig kompetent war er offensichtlich in keiner Funktion, wird als Lehrkraft auch nicht anders gewesen sein.

Aus der lvz--Kommentarspalte

Oder über Jungs Arbeitsmoral:  

Nach all den schweren Fototerminen in Leipzig hat er sich die Stelle mit mehr Kohle wahrlich verdient.

Aus der lvz--Kommentarspalte

Ich finde es wirklich traurig, wie sehr Burki hier missverstanden wird. Im Grunde befinden wir uns mitten in einer klassischen Heldengeschichte! Der tapfere Burkhard Jung, seit zwölf Jahren äußerst erfolgreich Bürgermeister einer äußerst erfolgreichen mittelgroßen Stadt, durch den Leipzig attraktiv, erfolgreich und größer geworden ist. Jetzt wartet auf ihn endlich die angemessene Belohnung: Neben etwas mehr Geld (was sind schon 400.000 Euro im Jahr?) ein Wohnsitz in Berlin, einer wirklich großen Stadt. Und das für einen Job, bei dem niemand so ganz genau versteht, was er eigentlich bedeutet. Das hieße auch: Keine wüsten lvz-Leserkommentarspalten-Beschimpfungen mehr!

Doch der Weg dahin ist dornig.

Schließlich begibt sich Jung durch seine Kandidatur mitten in einen Machtkampf: Zwischen Stadt und Land, abgehängt und am Puls der Zeit. Denn zwei Gremien dürfen mitentscheiden, wer als sächsischer Kandidat zum Präsidenten des ostdeutschen Sparkassenverbandes ins Rennen geht: Der sächsische Städte- und Gemeindetag, in dem die Städte organisiert sind. Sie haben Jung nominiert, dürfen aber nicht mit abstimmen. Und der Landkreistag, in dem (mehr oder weniger) das ländliche Sachsen zu finden ist. Das ländliche Sachsen setzt nicht auf Jung, sondern auf Michael Harig, der Landrat in Bautzen ist – also auf dem Land. Die lvz schreibt, Harig kenne alle Stimmberechtigten per Du, gratuliere ihnen zum Geburtstag. Das könnte selbst für einen Charmebolzen wie unseren Oberbürgermeister schwierig werden! Dazu kommt, dass der Landkreistag von Jung nicht besonders viel zu halten scheint.

Kolumnenbild Rebecca Kelber

Jung hätte lange geschwiegen, meinen sie – aber ist das nicht verständlich, bei so einer schweren Entscheidung? Er muss immerhin seinen sicheren Heimathafen Leipzig verlassen und in unbekannte Gefilde steuern. Aber er hat sich getraut. Oder wie man in der lvz-Leserkommentarspalte schreibt:

Der Kampf um den Fressnapf ist eröffnet und sein Abgang das Beste was Leipzig passieren kann. Gibt es schon Wetten, daß derart fachlich Unbefähigte den Job nicht bekommen?

Aus der lvz-Kommentarspalte

Dazu kommt, dass auch Jungs Schäfchen im Stadtrat, unruhig geworden sind. Die SPD trauert bei dem Gedanken, sie könnte mit Jung ihren Hirten verlieren. Das hört man SPD-Stadtrat Christopher Zenker an:

Es wäre ein Verlust für Leipzig. Leipzig hat sich in den letzten Jahren sehr, sehr gut entwickelt. Das ist ein großer Erfolg von ihm und von daher bedauere ich die Entscheidung.

SPD-Stadtratsfraktionsvorsitzender Christopher Zenker

Andere Fraktionen freuen sich stattdessen. Sie denken bereits an die ganzen neuen, ungeahnten Möglichkeiten, so zum Beispiel Norman Volger von den Grünen:

Generell können wir der Entscheidung auch etwas sehr Positives abgewinnen. Es ist so, dass er in den letzten Jahren schon etwas müde wirkte, genauso wie die SPD Fraktion. Von daher ist ein Oberbürgermeisterwahlkampf mit einem dann ja absolut neuen Oberbürgermeister zumindest ein Neustart für die Stadt.

Grünen-Stadtratsfraktionsvorsitzender Norman Volger

Ja, sie haben richtig gehört: Neuwahlen! Ein neuer Oberbürgermeister! Gut möglich, dass es spätestens 2020 zu einem Jung-losen Leipzig kommen wird. Denn die wenigsten Leipziger sind intellektuell in der Lage, Jungs heldenhafte Entscheidung richtig zu deuten. Sie reden stattdessen davon, er sei prinzipienlos. Und das nur, weil er im März noch beteuert hat, er wolle ein weiteres Mal Oberbürgermeister werden. Die Leipziger meinen, er sei nur auf das Geld aus – sie erkennen nicht, wie viel mehr Gutes Jung als Präsident des ostdeutschen Sparkassenverbandes tun kann. Ich kann nur sagen:

Burki, ich glaub an dich!

 

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