Filmkritik "The Untamed"

Mach mir den Oktopus!

Eine kaputte Ehe, jede Menge Sex und ein unheimliches außerirdisches Wesen. In seinem neuen Film "The Untamed" führt der mexikanische Regisseur Amat Escalante in die Abgründe der Lust.
Szene aus "The Untamed"
Was geht in dieser Hütte vor sich?

Ein Meteorid stürzt auf die Erde. Nebel wabert über die Felder. In einer Holzhütte sitzt eine junge Frau auf einer Matratze. Langsam entfernt sich die Kamera von ihr. Gerade werden ihre Beine sichtbar, da zieht sich ein glitschiges, tentakelartiges Gebilde von ihrem Oberschenkel zurück. Was in dieser Hütte passiert, erfährt man zunächst nicht, aber im Verlauf des Films wird das Publikum mit den Hauptfiguren öfter dorthin zurückkehren. Im Zentrum von The Untamed steht Alejandra (Ruth Ramos), eine unglück verheiratete Mutter, die sich nach Liebe und sexueller Befriedigung sehnt. Ihr Ehemann Angel (Jesús Meza) betrügt sie derweil mit einem jungen Krankenpfleger (Eden Villavicenio), der obendrein, wie sich später herausstellt, Alejandras Bruder ist.

Szene aus "The Untamed"
Verónica und Alejandra

Das Paar kämpft verzweifelt um die Familie und scheint sich dabei immer weiter voneinander zu entfernen. Eines Tages tritt jedoch Verónica (Simone Bucio) in das Leben der beiden, jene Frau vom Anfang des Films. Sie wird Alejandra in die Holzhütte am Rand eines großen Waldes bringen. In dieser Hütte lebt ein großes, gesichtsloses, oktopusartiges Wesen, das eine ganz besondere Behandlung verspricht. Immer mehr Menschen begeben sich in die Hütte, um die absolute sexuelle Ekstase zu erleben...

Auf den Spuren von Lars von Trier

Regisseur Amat Escalante ist ein Provokateur. Das wird schon nach wenigen Minuten deutlich. Bereits in seinen letzten Filmen hat er nicht davor zurückgeschreckt, schwierige Themen anzuschneiden und diese mit sehr expliziten Szenen auf die Leinwand zu bringen. So ging es in seinem letzten Film Heli (2013) beispielsweise um einen Jungen, der mit der Gewalt mexikanischer Drogenkartelle konfrontiert wird, inklusive heftiger Folterszenen. Für The Untamed hat er sich mit Kameramann Manuel Alberto Claro zusammengetan, der unter anderem für die Kamera in Lars von Triers Weltuntergangsdrama Melancholia und dem Erotik-Epos Nymphomaniac verantwortlich war.

Tatsächlich gibt es einige Parallelen zu Lars von Triers filmischen Schaffen, insbesondere zu seinem Skandalschocker Antichrist, in dem ein namenloses Ehepaar (ebenfalls in einer Waldhütte) dem Wahnsinn verfällt. Im Gegensatz zu Antichrist wird in The Untamed zum Glück auf genitale Verstümmelungen verzichtet, aber es gibt dennoch eine Reihe sehr verstörender Momente. So darf das Publikum unter anderem in ganzer Pracht erleben, wie da eine junge Frau von unzähligen Fangarmen umschlungen und befriedigt wird oder im Wald eine riesige Tierorgie stattfindet mit allem, was dort so kreucht und fleucht.

Szene aus "The Untamed"
Das Familienglück gerät ins Wanken

Gesellschaftskritik und dunkle Erotik

In The Untamed (dt. Das Ungezähmte) prallt das Bedrohliche, Unheimliche der Natur mit den Abgründen hinter der gutbürglichern Fassade zusammen. Das Tentakelmonster in der Hütte wird zur Verkörperung der entfesselten Triebhaftigkeit, von der die Figuren im Film der Reihe nach vereinnahmt oder gar vernichtet werden. Man muss Escalante ein großes Lob dafür aussprechen, dass seine teils bizarren Sexszenen niemals zu plumpen Schockeffekten verkommen, sondern ein äußerst faszinierendes Geflecht aus Elementen des Psychothrillers, der Gesellschaftssatire, der Erotik und des Horrors ergeben. Das liegt nicht zuletzt an den großartigen Bildkompositionen und der surrealen Stimmung, die ab den ersten Sekunden heraufbeschworen wird. Escalante will nur etwas zu viel, wenn er versucht, die Misstände der mexikanischen Gesellschaft aufzudecken.

Die Charaktere sind durchaus interessant gezeichnet. Etwa Angel, der mit seinem machohaften Auftreten die Verunsicherung über seine eigene Sexualität zu kaschieren versucht oder seine verzweifelte Frau, die morgens in der Dusche masturbiert und doch keine Befriedigung findet. Der verschlüsselten Erzählweise ist es jedoch geschuldet, dass eine Identifikation mit den Charakteren nicht stattfindet und die Geschichte emotional eher kalt lässt. So kommt das langatmige Geschehen besonders im Mittelteil immer schleppender voran und auch die übernatürlichen Elemente sind in ihrer Metaphorik größtenteils schnell durchschaut. Am Ende führt die Sexualitäts-Metapher ins Nichts, eine Erklärung sollte niemand erwarten.

Fazit

The Untamed ist eine mutige, bisweilen verstörende, aber herausragend inszenierte Studie über die Suche nach Sinn und Sinnlichkeit. Die Mischung aus surrealer Erotik und gesellschaftskritischem Charakterdrama ist aber inhaltlich zu sperrig und verrätselt ausgefallen, um das Publikum emotional mitzureißen. 

 

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Janick Nolting
15.01.2018 - 14:38
  Kultur

The Untamed

Drehbuch und Regie: Amat Escalante

Cast: Simone Bucio, Ruth Ramos, Andrea Peláez, Jesús Meza, Eden Villavicencio

Laufzeit: 98 Minuten

FSK 16

Kinostart: 11.01.2018

Der Film ist in Leipzig voraussichtlich Anfang Februar 2018 im Luru Kino und im Cineding zu sehen.