Das lange Interview mit Eduard Werner

Luther hätte gestaunt

Luther sagte einst, die sorbische Sprache gebe es keine hundert Jahre mehr. Sie hat überlebt, auch wenn es heute weniger Muttersprachler gibt. Eduard Werner ist Sorbe und erlebt ein anderes Problem: die Diskriminierung der Minderheit.
Sorbe Eduard Werner

Sorbe ist, wer sich selbst als Sorbe bezeichnet. Dazu gehören für die meisten Kenntnisse der sorbischen Sprache und die Pflege kultureller Bräuche. Doch Eduard Werner fühlte sich nicht nur wegen seiner Sprachkenntnisse sorbisch, sondern auch durch die Ausgrenzung aus der Mehrheitsgesellschaft. "Sorben raus"-Rufe habe es zum Beispiel in der Oberlausitz gegeben. Und auch er persönlich habe Diskriminierungen erlebt: 

Du wirst automatisch als einer von „denen“, den „anderen“, begriffen. Da kommt ein gewisses Solidaritätsgefühl ganz automatisch.

Eduard Werner, Professor für Sorabistik und sobische Sprachwissenschaft

Sorbe mit Migrationshintergrund

Eduard Werner ist in Rheinland-Pfalz aufgewachsen und hat in Bonn zunächst Paläontologie studiert. Doch Slawistik-Seminare interessierten ihn mehr und so wechselte er den Studiengang. Als er 1987 das erste Mal nach Bautzen an das Institut für sorbische Volksforschung ging, musste er sich die Einreise in die DDR mit 25 DM erkaufen.

Heute lebt er, wenn er nicht an der Universität Leipzig unterrichtet, in der Lausitz, der Heimat der Sorben. Sie werden auch Wenden genannt und sprachlich in zwei Gebiete geteilt: auf Obersorbisch, das in der sächsischen Lausitz gesprochen wird, heißen sie "Serbja", niedersorbisch im südlichen Brandenburg "Sorby". Es wird angenommen, dass es etwa 60.000 Sorben gibt – offizielle Zählungen der Minderheiten gibt es vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands nicht. Daher weiß man auch nicht genau, wie viele Dänen, Friesen und deutsche Roma und Sinti es gibt; dies sind die anderen drei Minderheitengruppen in Deutschland.

Gesetzlicher Schutz für Minderheiten

Als Minderheit werden deutsche Staatsbürger definiert, die eine andere Muttersprache und Kultur haben. Mit Ausnahme der Roma und Sinti, die im gesamten Bundesgebiet leben, sind die Minderheiten an den Außengrenzen Deutschlands zu Hause: Die Dänen an der schleswig-holsteinischen Westküste und dem nordwestlichen Niedersachsen, Ost- und Nord-Friesen an der niedersächsischen Nordseeküste, die Sorben in der Lausitz. Für alle ist der Schutz als Minderheit staatlich festgeschrieben. Im Fall der Sorben sind das neben der Protokollnotiz zum Einigungsvertrag das brandenburgische und das sächsische Sorben-Gesetz. In Letzterem wird auch der Bestand des Instituts für Sorabistik an der Universität Leipzig garantiert – jedoch lege das nicht fest, welche Ausstattung es haben muss, kritisiert Eduard Werner.

Moderatorin Jessica Brautzsch und Interview-Gast Eduard Werner

Aus Japan in die Lausitz?

Sein Anliegen ist natürlich, die sorbische Sprache zu erhalten. Diesem Motiv folgt auch Traugott Xaverius Unruh, ein fiktiver sorbischer Autor, der Ende des 18. Jahrhunderts die Geschichten seines Großvaters in dem Buch "Von der Sorberwenden Herkommen und Ursprung" aufschreibt. Es handelt von dem möglichen Weg, wie die Sorben in die Lausitz gekommen sein könnten: Traugott Xaverius Unruh verfolgt die Theorie, dass Japan das Ursprungsland ist und versucht, anhand von Ähnlichkeiten verschiedener Sprachen den Weg der Sorben in die Lausitz zu rekonstruieren.

Eduard Werner liest aus "Von der Sorberwenden Herkommen und Ursprung"
Eduard Werner liest aus "Von der Sorberwenden Herkommen und Ursprung"

Einen Traugott Xaverius Unruh hat es zwar wirklich gegeben, die Namensgleichheit mit dem fiktiven Autor des Buches "Von der Sorberwenden Herkommen und Ursprung" ist aber zufällig, erklärt Eduard Werner, der Herausgeber des Buches. Als fiktives Sachbuch kann es schon fast als Satire auf die Wissenschaft dienen, die versucht, lückenlose Erklärungen zu finden, obwohl vieles unsicher ist.

Nur weniges ist sicher

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die Vorfahren der heutigen Sorben vor etwa 1.500 Jahren das Gebiet zwischen Oder und Elbe/Saale, sowie von der Ostsee bis etwa an die Mittelgebirge heran besiedelten. Weite Teile des Gebietes gingen wieder verloren, nur die Milzener in der Oberlausitz und die Lusizer in der Niederlausitz erhielten ihre Sprache und Kultur. Über weite Teile der Geschichte wurden Sorben unterdrückt: Im Mittelalter mussten sie höhere Steuern zahlen als die restliche Bevölkerung. Die Nationalsozialisten verboten später alles Sorbische, unter anderem auch die Domowina, einen Bund, der die Interessen der Sorben vertritt.

So blickt Eduard Werner zwiegespalten auf die Situation der Sorben: Einerseits gibt es nach Jahrhunderten endlich einen gesetzlichen Schutz – wie gut der auch immer umgesetzt sein mag –, andererseits haben auch die Sorben mit Problemen wie der Landflucht zu kämpfen.

Wie er die Situation der Sorben einschätzt und wie man "Guten Abend" auf Ober- und Niedersorbisch sagt, erklärt Eduard Werner ebenfalls im langen Interview.

 

Das lange Interview mit Sorabistik-Professor Eduard Werner

Redaktion: Paula Wittenberg, Christine Warnecke

Das lange Interview mit Sorabistik-Professor Eduard Werner
 

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Christine Warnecke, Paula Amy Wittenberg
17.06.2015 - 19:20