Kino

Lummerland auf Großleinwand

Michael Endes Bücher begeistern bis heute Jung und Alt. Die Augsburger Puppenkiste machte „Jim Knopf“ auch einem breiten TV-Publikum bekannt. Pünktlich zum langen Osterwochenende kam nun die erste Realverfilmung der Geschichte ins Kino.
Die Bewohner von Lummerland wurden wundervoll besetzt.
Die Bewohner von Lummerland wurden wundervoll besetzt.

 Eine Insel mit zwei Bergen und im tiefen, weiten Meer.

Mit viel Tunnels und Geleisen und 'nem Eisenbahnverkehr.

Nun wie mag die Insel heißen, ringsherum ist schöner Strand,

jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland.

Na, wer hat bei diesen Versen nicht gleich eine fröhliche Melodie im Kopf? Das musikalische Hauptthema aus der Augsburger Puppenkiste hat sich auch Filmkomponist Ralf Wengenmayr nicht entgehen lassen. Der steckt nach mehreren Soundtracks für Produktionen von Michael „Bully“ Herbig nun hinter der Musik zur ersten Realverfilmung von Jim Knopf. Seine verschiedenen Interpretationen der simplen Melodie stimmen nostalgisch wie eigentlich alles an Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer.

Bombastische Besetzung

Bully und sein Kollege Rick Kavanian sind in Sprechrollen (Halbdrache Nepomuk und die Wilde Dreizehn) ebenfalls mit von der Partie, wie auch ein Tête-à-Tête deutscher Schauspielgrößen. Bei der Besetzung wie auch beim ganzen restlichen Film hat Warner Bros., salopp gesagt, auf die Kacke gehauen. Uwe Ochsenknecht als brillant-schrulliger König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, Christoph Maria Herbst als pointiert-penibler Herr Ärmel und Henning Baum als einfach nur perfekter Lukas der Lokomotivführer. Wenn Baum mit seinen muskelbepackten Unterarmen an der pfeifenden Dampflok Emma schraubt, liegt geballtes Testosteron in der Luft und bei seinem grimmigen Lächeln springen im Publikum sämtliche Vaterkomplexe an, so vorhanden.

Unangenehm asynchron

Eine einzige Figur stört das Bild: Jim Knopf höchstpersönlich. Nicht etwa, weil Solomon Gordon nicht in die Rolle passen würde, ganz im Gegenteil. Genauso hat man sich Jim im Buch vorgestellt und ganz ähnlich hat ihn auch die Augsburger Puppenkiste umgesetzt. Bloß ist Gordon Engländer und musste als solcher leider synchronisiert werden. Ein junger, schwarzer, deutschsprachiger Schauspieler ließ sich beim Casting scheinbar einfach nicht finden. Grundsätzlich mag das auch kein Problem sein, anstrengend ist beim Zuschauen nur, dass die Synchronisation sehr offensichtlich bleibt und Jim dabei im Kontrast zum ganzen restlichen Cast steht. Ob sie sich besser hätte umsetzen lassen, ist im Nachhinein schwer zu sagen.

Eher für Jung als für Alt?

Regisseur Dennis Gansel orientiert sich für dieses Herzensprojekt jedenfalls eng an der Vorlage von Michael Ende – das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Der Film strotzt vor liebevoll inszenierten Details, das Bühnenbild ist ein wahrer Augenschmaus und Produzent Christian Becker setzt sein (für deutsche Verhältnisse) hohes Budget von fast 25 Millionen Euro sehr sinnvoll ein. Michael Endes Vorlage wurde anders als bei der Unendlichen Geschichte nicht eingedampft und grausig verwurstet – nichts in der Art muss sich Gansel vorwerfen lassen! Dass er auf keine Episode der Geschichte verzichten möchte, erzeugt allerdings eine leicht gehetzte Grundstimmung, welche nie so ganz den Aufbau von Spannung zulässt. So in etwa die dreitägige Reise durch den Tausend-Wunder-Wald, welche in wenigen Sekunden abgehakt wird. Zugegeben, für erwachsene Sehgewohnheiten mag das ein Störfaktor sein, die Aufmerksamkeitsspanne von jungen Zuschauern trifft Dennis Gansel eventuell besser. Dass Filme aber durchaus auch – ganz sprichwörtlich – „für Jung und Alt“ sein können, das beweisen immer wieder Platzhirsche wie Pixar.

Gelungene Adaption

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jedenfalls enttäuscht trotz einiger Einschränkungen nicht die hohen Erwartungen des mit der Geschichte aufgewachsenen deutschen Publikums. Michael Endes Grundbotschaft der Toleranz und Vielfalt trägt sich mit einem mutigen Lächeln von der ersten bis zur letzten Minute. Seine pädagogisch höchst wertvolle Kritik an Ausgrenzung à la „das Boot ist voll“ (bzw. hier: „unsere Insel ist voll“) scheint angesichts der rasanten Migration der vergangenen Jahre aktueller denn je. Die Botschaft kommt dabei ganz natürlich daher, ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger, dafür mit viel Spaß. Regisseur Dennis Gansel hat an diesem wichtigen Projekt viel Liebe und Feingefühl bewiesen, Produzent Christian Becker hat die verfügbaren Mittel wunderbar eingesetzt. Das Ergebnis: ein Film, der so ziemlich jedes Kinderherz erreichen sollte!

 

 

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Maximilian Enderling
04.04.2018 - 10:49
  Kultur