DOK 2018

Lord of the Toys

Hey DOK, hier ist dein Skandalfilm. Über keinen Film des Festivals wurde schon im Vorfeld so viel diskutiert wie über diesen hier. Am Mittwochabend feierte der Film Weltpremiere und zeigt, wie berechtigt die im Vorfeld geäußerte Kritik war.
Max Herzberg, auf YouTube besser bekannt als "Adlersson"

Lord of the Toys läuft im diesjährigen DOK Programm im Wettbewerb der deutschen langen Dokumentar- und Animationsfilme. Und seit Beginn des Festivals regt sich Widerstand gegen die Filmvorführung. Insbesondere auf Twitter wurde im Vorfeld viel diskutiert, zuletzt rief das Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ zum Boykott der Vorführung auf. Ohne Erfolg, die Premiere war ausverkauft. Das Interesse daran, was Regisseur Pablo Ben Yakov da fabriziert hatte, ob der Film die ganze Aufregung denn überhaupt Wert war, war am Ende wohl doch zu groß. 

Hauptsache doll

„Adlersson“, mit diesem Namen erlangte der Anfang zwanzigjährige Max Herzberg auf YouTube Bekanntheit. Auf seinen diversen Kanälen (es wurden immer mal wieder Kanäle von Herzberg durch YouTube gesperrt) zeigt er sich vor allem im Alltag. Das heißt Abhängen am Spielautomaten, das heißt mit Freunden am Dresdner Hauptbahnhof zu saufen oder wahlweise auch in irgendeiner Wohnung, das heißt sich auf dem Oktoberfest zu prügeln, das heißt vor allem laut, auffällig und immer weit über die Grenzen des Ertragbaren hinaus. 

Eigentlich also genau das Gegenteil von dem klassischen Bild der erfolgreichen YouTuber hier in Deutschland, die mit Beauty-Schaum, einer Eigentumswohnung in Köln oder einem eigenen Rennteam zu glänzen wissen. Und doch hat Max Herzberg mehrere Hunderttausend Abonnenten, die sich regelmäßig seine Videos anschauen. Grund genug für Pablo Ben Yakov und sein Team diesem Phänomen „Adlersson“ auf den Grund zu gehen. Zwei Monate haben er und Kameramann André Krummel Herzberg und seine Clique im letzten Jahr begleitet. Herausgekommen sind 95 Minuten Einblick in eine Kultur, die voll ist von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus. 

Technischer Einschub

Nur um das abzuhaken: Die technische Umsetzung des Films gelungen. Die Kamera ist für diese Art Dokumentarfilm überraschend beweglich und wagt auch mal die ein oder andere ungewöhnliche Einstellung, rückt sich aber teilweise auch selbst zu sehr in den Vordergrund. Gleiches gilt für die Musik, produziert von Kat Kaufmann. Stellenweise gibt der Soundtrack dem Film eine bemerkenswerte Größe, für das, was er da eigentlich grad auf der Leinwand zeigt. An anderen Stellen wiederum wirkt er sehr fehl am Platz.

Kommentarlos

Doch um die technische Umsetzung kann es bei einer Besprechung dieses Films nicht gehen. Das macht schon die erste längere Szene deutlich. Ein Abend in einer Wohnung in Dresden, Herzberg und zwei Freunde trinken um die Wette, Wodka Gläser (nicht die 4cl Schnapsgläser, sondern Gläser im Sinne von große 250ml Gläser) werden in einem Zug geleert und dabei immer wieder die Kamera rausgeholt, alles Content für YouTube. Und während der Abend weiterläuft, steigt der Alkoholpegel der Beteiligten an. Mit den Worten „Jetzt vergas ich dich“ schnappt sich Herzberg eine Deo-Dose und beginnt seinem Trinkpartner minutenlang damit ins Gesicht zu sprühen. Dass das keine zufällig gewählte Phrase war, zeigt sich im weiteren Filmverlauf, als „Du Jude“ in Herzbergs Freundeskreis immer wieder als abwertendes Schimpfwort verwendet wird. Auf dem Oktoberfest wird eine Gruppe Ausländer von ebendiesen Leuten rassistisch beleidigt. Daraufhin kommt es zur Schlägerei in die Herzberg sich mit den Worten „Wir sind Nazis und stolz darauf“ stürzt. Vorher gibt eine Freundin noch an, Teil der rechtsextremen Partei „Der dritte Weg“ zu sein. 

All das lassen Ben Yakov und sein Team unkommentiert. Überhaupt verzichten sie vollständig auf Interviews im Film. Ihr Argument: Einfach draufhalten und so die Realität abbilden. Grundsätzlich auch kein ganz falscher Ansatz für einen Dokumentarfilm, doch verfolgt der Regisseur hier ein recht offensichtliches Narrativ.

Die Ambivalenz

Am deutlichsten zeigt sich dieses in einer Passage zum Ende des Films. Max Herzberg veranstaltet mit seiner Clique hier eine Party in einem Club, es kommen mehrere Tausend Fans des YouTubers. Am Ende des Abends sind alle mal wieder recht betrunken. Die Bilder zeigen Freunde der Gruppe in inniger Umarmung, einer davon mit dunkler Hautfarbe. Die Kamera wird nicht müde auf den Kontrast der Hautfarben zu zielen. Das nächste Bild zeigt Herzberg selbst, wie er einen seiner Freunde küsst. Ben Yakov spricht hier im Anschluss an den Film von einem Bedürfnis nach körperlicher Nähe, das durch die Eskapaden von körperlicher und verbaler Gewalt ein Ventil findet. Aber das ist es nicht, was diese Bilder zeigen. Hier wird offensichtlich um Entschuldigung für das vorangegange Verhalten der Gruppe gebeten. Ganz nach dem Grundsatz: „Es ist ein dunkelhäutiger Freund dabei, so rassistisch können die doch garnicht sein und er küsst auch einen Mann, die ganze Homophobie (auch „Schwuchtel“ ist ein geläufiges Schimpfwort der Clique) ist also nicht ganz so ernst zu nehmen.“ Das schlägt in die gleiche Kerbe wie die Argumentation vieler sogenannter besorgter Bürger, wenn sie behaupten, Rassismus sei ihnen völlig fremd, immerhin essen sie ja auch mal einen Döner. 

Wäre dem Regisseur hier wirklich an einem Bild der Realität gelegen, würde er thematisieren, dass Herzberg sich mit rechtsradikalen Menschen umgibt und selbst Berührungspunkte zur Identitäten Bewegung hat. All das wird im Film ausgespart.  

Kein positives Bild

Lord of the Toys bemüht sich darum, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, er würde das Verhalten seiner Protagonisten glorifizieren. Durch dunkel wummernde Bässe, die das Gesagte untermalen oder einem Kameraschwenk auf ein an die Wand gemaltes Hakenkreuz werden dem Publikum hier immer wieder Hinweise zur Rezeption des Gesehenen gegeben. Und doch leisten sich die Filmemachenden hier den Fehler, eine eigene Interpretation als Narrativ aufzuziehen, bei dem Wesentliches ausgespart wird.

Fehlerkette

Sollte dieser Film also auf dem DOK Filmfestival gezeigt werden? Die Antwort auf diese Frage tendiert eher zu einem Ja. Lord of the Toys liefert Einblicke in eine Welt, die unter jungen YouTube Zuschauer*innen eine große Beliebtheit genießt und macht diese mit dem Film nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Es geht hier um den Rahmen, in dem der Film gezeigt wird. Kontextlos, wie er ist, fällt eine Einordnung schwer. Aufgabe des DOK Festivals wäre es hier, Platz zu schaffen für die Diskussionen, die der Film zwangsläufig mit sich bringt und die auch unbedingt erforderlich sind. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Tragweite des Films dem Planungskomittee nicht im Vorfeld bekannt war. Und trotzdem entschied man sich dazu die Premiere des Films so zu legen, dass die anschließende Diskussion mit Regisseur, Kameramann und Protagonist Max Herzberg nach einer einzigen Publikumsfrage beendet werden musste, weil der nächste Film im Saal gezeigt werden sollte. Ein eindeutiges Versäumnis auf die im Vorfeld geäußerten und berechtigten Kritiken einzugehen und zumindest ein bisschen Kontext zuzulassen. Mittlerweile hat sich die Intendantin des Festivals Leena Pasanen auch selbst in einer Pressemitteilung geäußert, in der sie die Aufnahme des Films ins Festivalprogramm verteidigt und betont, „dass hier dringender Gesprächsbedarf besteht“. Ja, bitte!

 
 

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Lennart Johannsen
02.11.2018 - 10:18
  Kultur

Lord of the Toys

Deutscher Wettbewerb, DOK 2018

Regie: Pablo Ben Yakov

Laufzeit: 95 Minuten