Filmrezension: Shape Of Water

Loblied auf Minderheiten, Liebe und Kino

Auf dem Papier mutet die Romanze einer stummen Putzfrau und eines Fischmanns aberwitzig an. Tatsächlich liefert del Toro mit diesem surrealen Fantasy-Märchen seine beste Kinoarbeit seit „Pans Labyrinth“ ab. Nun gilt der Film als Oscar-Favorit.
Die Prinzessin ohne Stimme und das Monster
Elisa (Sally Hawkins) und der Fischmann (Dough Jones) fühlen sich zueinander hingezogen.

Baltimore, Anfang der 60er Jahre auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges: Elisa (Sally Hawkins) ist in ihrem Single-Apartment permanent von Stimmenechos umgeben. In dem schlecht besuchten Filmpalast unter ihrer Wohnung flimmert der biblische Monumentalfilm Das Buch Ruth über die Leinwand und im Fernseher ihres homosexuellen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) laufen ununterbrochen alte Musicals. Sie selbst ist jedoch zum bloßen Zuhören verdammt; seit frühester Kindheit ist die Waise − eine Mischung aus Amélie und der kleinen Meerjungfrau − stumm.

Während ihres nächtlichen Putzjobs in einem streng geheimen Militärlabor der US-Regierung sorgt stattdessen ihre redefreudige, afroamerikanische Arbeitskollegin Zelda (Octavia Spencer) für genügend Gesprächsstoff. Als der sadistische Sicherheitsleiter Strickland (Michael Shannon) von seiner Südamerikareise mit einem mysteriösen Wasserwesen (Dough Jones) im Schlepptau in das Wissenschaftslabor zurückkehrt, wird Elisas unaufgeregtes Leben aus der Bahn geworfen. Auf magische Weise fühlt sie sich mit dem intelligenten Amphibien-Mann, der für Forschungszwecke in einem Wassertank gefangen gehalten und von dem abfällig nur als „Objekt“ gesprochen wird, verbunden. Behutsam bauen die zwei Ausgestoßenen eine Beziehung auf − denn Elisa erkennt sich nicht nur selbst in der unterjochten Kreatur wieder; der scheue Wassermann sieht sie im Gegensatz zu der engstirnigen Gesellschaft auch nicht als „unvollständige“ Person an...

Korrektur eines filmhistorischen Fehlers 

In der Monster-Groteske „Der Schrecken vom Amazonas“ (1954) trägt die titelgebende, amphibienartige Flusskreatur eine bewusstlose, attraktive Damsel in Distress auf den Armen, während sie sie in seine Unterwasser gelegene Höhle verschleppt − ein ikonisches Bild von blankem Horror und Monstrosität des vergangenen Hollywoods. Kinovisionär und bekennender Monsterfan Guillermo del Toro träumte schon seit einiger Zeit davon, ein Creature Feature zu produzieren, in dem jener Moment im Gegensatz zur Ursprungsversion pure Romantik und Poesie ausdrückt. Mit der extravagant-melancholischen Humanismus-Fabel „Shape of Water“ erfüllt er sich nun diesen Wunsch. Der Film dichtet den Schwarz-Weiß-Klassiker erfolgreich um und legt die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen dem magisch schillernden Kiemenmann und der sehnsuchtsvollen Traumtänzerin im Stil eines „Die Schöne und das Biest“-Märchens für Erwachsene neu auf. 

Del Toros ausgefallendes Filmkonzept sieht dabei einige erfrischend originelle Abwandlungen vor: Die „Schöne“ Elisa besitzt in dieser männerdominierten Fiktion wortwörtlich keine Stimme; weder ist sie eine klassische Schönheit noch wird ihre Sexualität ausgespart − ihre Alltagsroutine beinhaltet u.a. eine mit einer Eieruhr penibel getimte Masturbation in der Badewanne. Konsequenterweise verwandelt sich das anstelle von Fell mit Schuppen bedeckte „Biest“ auch nicht in einen Traumprinzen samt Königsschloss und Bediensteten. Sogar eine opulente, traumhaft schöne Ballszene spendiert Fantasy-Liebhaber del Toro seinem unkonventionellen Liebespaar. Statt wie mit Fred Astaire in „Marine gegen Liebeskummer“ (1936) gleitet die Protagonistin hier an der Flosse ihres muskulösen Amphibien-Mannes über das Tanzparkett.

Ging der weiße, privilegierte Mann aus den alten Monster B Movies noch als gefeierter Held hervor, füllt er diesmal die Rolle des etwas stereotypisch geratenen Hauptantagonisten aus − als eine Art „Kalter-Kriegs-Ära-Gaston“. Anders als in Disneys „bravem“, auf Massentauglichkeit getrimmten Live-Action-Märchen wird in „Shape of Water“ zur Abwechslung mal nicht die vorhandene Brutalität, Blut und Sex unter den Teppich gekehrt.

Das Aufbegehren der Putzkolonne in "Shape Of Water"
 

Die „Unsichtbaren“ retten die Menschlichkeit

Del Toro vermischt in seinem jüngsten Machwerk gekonnt Vertrautes mit Exotischem; dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Surrealem zunehmend. Das Geschehen ist in einen magischen Realismus getaucht. Neben der Prämisse eines prähistorischen Wassergottes wartet der Regisseur mit vielen weiteren fantasievollen Einfällen auf − ein Kühlschrank voller Limettentortenstücke, eine überflutete Wohnung mit der schwebend schlafenden „Prinzessin ohne Stimme“ und der unerwartete Regenguss im glanzvollen Kinosaal zum Beispiel.

Die nötige Bodenhaftung erreicht der Film durch seinen in der realen Historie verwurzelten Schauplatz, der geprägt ist von sozialer Schieflage, Realitätsflucht in die heile TV-Welt und dem erbittert geführten US-Rüstungswettlauf mit den Sowjets. Präsentiert sich dieses 60er Jahre Amerika-Sittengemälde, dessen nostalgisches Flair der Film wunderbar einfängt, als makellose Fassade voller Zukunftsobsession und vordergründiger Freundlichkeit, tritt dahinter immer wieder die soziale Ungleichheit und Kälte hervor. Hier wird jedes Lebewesen, das sich außerhalb der akzeptierten Normen bewegt, zum Ausgegrenzten degradiert und bekommt den ganzen Hass, die Xenophobie und Verachtung der Mehrheitsgesellschaft (personifiziert in dem „wahren Monster“ Strickland) zu spüren.

Als Gegengewicht zu diesem bedrückend intoleranten Gesellschaftsklima setzt del Toro einerseits eine verschworene, bunt zusammengewürfelte Solidargemeinschaft aus liebenswerten Außenseiter*innen, die mit einem Akt der Anständigkeit gegen dieses unmenschliche System aufbegehren, und andererseits die unvergleichliche, jede nur denkbare Grenze auflösende Liebe zweier Seelenverwandte. Das entworfene Sci-Fi-Filmuniversum von „Shape of Water“ funktioniert so nicht nur als Spiegel der Gegenwart, in der allerorts wieder die Angst vor dem Fremden umgeht, sondern die wortlose, berührende Liebesgeschichte entwickelt sich auch zum kraftvollen Plädoyer für ein empathisches Miteinander. 

Inklusion gilt auch für Publikum

Der Film belässt es nicht dabei, sein Diversitätsmotiv nur auf inhaltlicher Ebene zu zelebrieren, sondern er wendet es zur Freude aller Cinephilen auch an sich selbst an: Versatzstücke aus den verschiedensten Genres − Monsterfilm, Liebesmelodram, Spionagethriller und Film noir − verbinden die Filmemacher*innen zu einem eigenständigen, feinfühlig ausbalancierten Genremix, der sich als waschechte Liebeserklärung an die amerikanische Filmgeschichte selbst entpuppt − von der Stummfilmära über Musicals der 30er bis hin zum 50er Jahre Horrorkino. Trotz überraschungsarmer Märchendramaturgie mit Gut-Böse-Schemata werden die Emotionen und Anspannung der Zuschauer*innen stets hochgehalten − zumal den wichtigsten handelnden Figuren in episodenhaften Nebenerzählsträngen mehr Profil und Charaktertiefe verliehen wird.  

50 Schattierungen von Grün

Wie gewohnt gerät del Toros neuste Kinoarbeit (ausgestattet mit nur einem Budget von 19,5 Mio. $) zu einer absoluten Augenweide; der schier unendliche, visuelle Ideenreichtum (Stichwort: Regentropfen an der Glasscheibe) beeindruckt dennoch jedes Mal aufs Neue. Das altmodisch-detailverliebte Produktionsdesign gepaart mit ausgestellter Farbsymbolik, expressivem Licht-Schatten-Spiel und fließender Kamera- und Schnittarbeit harmonieren prächtig − hier wird wirklich keine noch so kleine Einzelheit im Szenenbild dem Zufall überlassen. Untermalt wird diese famose Bilderflut von der verträumten Filmmusik des Franzosen Alexandre Desplat. Die Oscar-Nominierungen in jeder einzelnen technischen Kategorie sind folgerichtig eine hochverdiente Würdigung für so viel Herzblutarbeit. 

Sensible und selbstbestimmte Heldin 

Von dem durch die Bank weg überzeugenden Cast − immerhin gespickt mit renommierten Charakterdarsteller*innen wie Richard Jenkins („Kong: Skull Island“), Octavia Spencer („Hidden Figures“) und Michael Stuhlbarg („Arrival“) − bleibt in den Nebenrollen am meisten Michael Shannon („Nocturnal Animals“) im Gedächtnis. Mal wieder darf er seine Paraderolle des Schurken − hier fast schon eine monströse Karikatur − zum Besten geben und geht in dem Schauspielpart des rassistisch-schmierigen, Bonbons zerkauenden Macho-Ekelpakets so sehr auf, dass man sich ehrlich wünscht, er würde im Filmverlauf mehr als zwei Finger einbüßen.

Die größte Herausforderung lastete jedoch auf dem charmanten Hauptdarstellerpaar, welche mit Bravour gemeistert wird: Dough Jones („Hellboy“) erregt nicht nur viel Mitgefühl, sondern strahlt in seinem einzigartigen Amphibien-Anzug von Kostümbildner Luis Sequeira eine große Eleganz und faszinierende Stärke aus. Der unumstrittene Star des Films ist jedoch die zugleich grazil und beharrlich wirkende Sally Hawkins („Paddington 2“). Ihrer Elisa liest man jede Gefühlsregung praktisch nur von ihrer Mimik und Gestik ab. Mittels zaghaftem Herantasten und später innigen Umarmung des fremdartigen „Anderen“ verkörpern die zwei Leinwandpartner ihre Spezies-übergreifende, nonverbale Liebe und tragen somit einen Großteil dazu bei, dass „Shape of Water“ schon jetzt eine der schönsten und kuriosesten Romanzen des noch sehr frühen Kinojahres erzählt. 

Den Beitrag können Sie hier Nachhören:

Karen Müller im Gespräch mit Moderator Paul Materne über "Shape of Water"
2002 sg shape of water

Fazit:

Guillermo del Toros bemerkenswerter Mut zum Risiko − eine in der Traumfabrik immer seltener vorzufindende Eigenschaft − hat sich bei dieser eigenwilligen Variante der „Frau-trifft-Monster“-Geschichte voll ausgezahlt. Sein langgehegtes Herzensprojekt „Shape Of Water“ ist ein vor (gerade visueller) Kreativität überbordendes, hinreißend-exzentrisches Romantikmärchen, das sein staunendes Publikum wie sanft wogendes Wasser umhüllt.

 

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Shape of Water

Kinostart: 15.02.2018

FSK: 16

Laufzeit: 123 Minuten

Regie: Guillermo del Toro

Cast: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg und andere

Der Film wurde mit zwei Golden Globes ausgezeichnet (Beste Regie und Beste Filmmusik) und ist bei den Oscar in 13 Kategorien nominiert (Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin, Bester Nebendarsteller, Bestes Originaldrehbuch, Beste Filmmusik, Bester Ton, Bester Tonschnitt, Bestes Szenenbild, Beste Kamera, Bester Schnitt, Bestes Kostümdesign).