CD der Woche: Oh Wonder – „Ultralife“

Living The Ultralife

Mit unaufdringlichem Elektropop à la The XX haben Oh Wonder mit ihrem ersten Album ziemlich vorgelegt. Die neue Platte bietet mit 15 Songs jede Menge Abwechslung.
Oh Wonder - Elektropop aus London

Hätte man Josephine Vander Gucht und Anthony West von Oh Wonder vor zwei Jahren gesagt, dass sie einmal über 65 Millionen YouTube Klicks für ihre Musikvideos erreichen würden, hätten die beiden wahrscheinlich laut losgelacht. Doch genau das hat das sympathische Duo innerhalb kürzester Zeit erreicht. Dabei hatte alles ganz unschuldig angefangen. Im Herbst 2014 fingen sie an, damals noch unter dem Namen „Wonder Wonder“, jeden Monat einen Song zu veröffentlichen. Die Soundcloud-Links wurden geklickt, geteilt und schon bald lag der Plattenvertrag auf dem Tisch. Jeder Song war in ihrem eigenen Studio aufgenommen worden. Auch das Debütalbum, welches kurz darauf folgte, war zu 100 Prozent selbst gemacht. Oh Wonder wurde ein voller Erfolg. Die 15 liebevoll arrangierten Songs fanden schnell viele Fans, was dazu führte, dass das Duo das gesamte letzte Jahr damit verbrachte, auf der ganzen Welt unterwegs zu sein.

Lebensfreude pur

Von diesem ganzen Trubel ließen sich Oh Wonder aber nicht ablenken und arbeiteten fleißig an ihrer zweiten Platte. Zwar ist „Ultralife“ nicht mehr ganz so DIY wie die erste Platte – Universal lässt grüßen – trotzdem spürt man jede Minute Hingabe. Zu hören sind 12 Songs, die ihrem Vorgänger in Nichts nachstehen und sogar einen Schritt weitergehen. Der Album-Opener „Solo“ beginnt mit Polizeisirenen, das erste Anzeichen für gesellschaftskritische Töne, welche im ersten Album eher im Hintergrund standen. Der Song zelebriert das Alleinsein und steht dabei eher im Gegensatz zum Rest der Platte. Die meisten der anderen Songs strotzen vor Lebensfreude und Verliebtheit. Der Titeltrack „Ultralife“ ist Balsam für jede verliebte Seele – eine fröhliche Nummer, die es schafft, dank einprägsamer Melodien, wahnsinnig gute Laune zu machen. Oh Wonder setzen ihr bewährtes Schema fort: einfache Melodie, gut abgestimmte Harmonien und die perfekt aufeinanderpassenden Stimmen des Duos, die immer zeitgleich erklingen. Eine Ausnahme bildet der Song „Lifetimes“ auf dem Wests tiefe Stimme auch mal für sich stehen darf. Darin kritisieren sie die Umweltpolitik der USA. Donald Trump wird als „Toupee Queen“ abgestempelt. Ungewohnt kritische Töne für das Duo. Das Herzstück des Albums bildet ganz der vierte Track der Platte. „High on Humans“ feiert die unglaubliche Freude, die Menschen aufeinander Ausstrahlen. Eingeleitet wird das Ganze von Computerstimmen, und auch sonst ist der Song vollgepackt mit fetten Synthies.

Computer mit viel Liebe

„Ultralife“ ist genau wie Oh Wonders Debüt ein Elektropop-Album. Allerdings stehen die elektronischen Elemente ganz klar im Vordergrund. Auf der ersten Platte dienten sie nur als dezente Unterstützung für die beiden Stimmen. Jetzt werden sie eindeutig als eigenes Stilelement eingesetzt, was besonders in „Heavy“ auffällt. „All About You“ geht im Gegensatz zu den sehr poppigen Vorgängersongs einen Schritt zurück. Es ist eine eher langsame Nummer, die wegen des souligen Charakters wunderbar zum Mitschaukeln einlädt. Unterbrochen wird der lässige Sound von einem zwanzigsekündigen, dramatischen Zwischenspiel. Die zweite Hälfte der Platte ist eher ruhig gehalten und erinnert mehr an die entspannten Töne, die man von Oh Wonder gewohnt war. Vor allem „Slip Away“ lässt wieder melancholische Töne anklingen und das mit reduzierter Instrumentierung. Eine weitere Abwechslung zum manchmal überladen wirkenden Sound der Platte bietet „Overgrown“. Diese ruhige Ballade wird einfach nur von einem Klavier und Streichern begleitet.

And I can feel the static rising up and out your mouth
We' re making waves of conversation
Got a rush of energy

Einfach mal wieder durchatmen

Oh Wonder gelingt es mit „Ultralife“ eine Pop-Platte auf den Markt zu bringen, die trotz aller Modernität den dünnen Grad zwischen Mainstream und Indie schafft. Die Songs sind unaufdringlich und bleiben trotzdem im Kopf – ohne auf die Nerven zu gehen. Auch wenn das Album in jedem Ton perfekt arrangiert wurde, hat das Duo nichts von seiner gewohnten Gelassenheit und Individualität verloren. Oh Wonder trauen sich mit der neuen Platte einen Schritt weiter nach vorn und bieten mehr Abwechslung und Spaß als auf dem Vorgängeralbum. Die Experimentierfreunde ist ihnen anzuhören. Und wenn „Ultralife“ eines ist, dann das perfekte Album, um einfach mal wieder inne zu halten und durchzuatmen.

 

 

Kommentieren

Oh Wonder: Ultralife

Tracklist:

1. Solo*
2. Ultralife*
3. Lifetimes
4. High on Humans*
5. All About You
6. Heavy
7. Bigger Than Love
8. Heart Strings
9. Slip Away
10. Overgrown*
11. My Friends
12. Waste

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 14.07.2017
Island Records

Oh Wonder sind im November auch in Deutschland unterwegs.

Termine:

  • 11.11. 2017 Wiesbaden – Schlachthof
  • 13. 11. 2017 Köln – Live Music Hall
  • 17. 11. 2017 München – Theaterfabrik
  • 25. 11. 2017 Berlin – Huxley' s Neue Welt

Tickets gibt`s hier.