Festivaltagebuch

Live bei Rock am Ring 2017

Erstmals seit dem zweifelhaften Umzug nach Mendig findet Rock am Ring wieder in der "Grünen Hölle" des Nürburgrings statt. mephisto 97.6 Redakteur Max Enderling ist vor Ort und versorgt euch mit Eindrücken und Interviews rund um das Mega-Event!
Über dem Nürburgring geht am letzten Festivaltag die Sonne unter...
Über dem Nürburgring geht am letzten Festivaltag die Sonne unter...

05. Juni, 16:31 Uhr

Zurück im schönen Mitteldeutschland und bereit für ein kleines Fazit! Es war für mich ein zugleich sehr ungewöhnliches, aber auch sehr vertrautes Wochenende. Zurück an der kultigen Rennstrecke kamen immer wieder Erinnerungen an die Zeit hoch, in der Festivals noch komplett neues Terrain für mich waren. Rock am Ring und ich, das hat gewissermaßen eine Geschichte. Auf dieses Gelände zu kommen heißt für mich (anders als im letztendlich provisorischen Mendig) nachhause zu kommen. Ungewöhnlich waren die Ereignisse der letzten Tage aber insofern, dass man mit dem Terrorverdacht am Freitagabend plötzlich in eine völlig unbegreifliche Situation versetzt war. Erst am Tag danach kam erst so richtig in meinem Kopf an, was da passiert ist. Angemerkt hat man dem Event seinen zwischenzeitlichen Abbruch dann aber erstaunlich wenig. Gut, es gab von Seiten der Bands an beiden Folgetagen immer mal wieder Statements gegen den Terror, Botschaften à la "wir lassen uns nicht den Spaß nehmen", auch wenn scheinbar niemals eine wirkliche Gefahr für die Besucher bestand. Als Gegenpol dazu gab es mehr Aufrufe gegen Nazis und rechte Gewalt als man sowieso schon immer bei Festivals dieser Art gewohnt ist. Aber insgesamt war es ein vollkommen gewöhnliches Rock am Ring. Selbst das Line-Up strotzte vor altbekannten, am Ring immer wieder gerne gesehenen Gesichtern wie den Beatsteaks, den Donots oder so ziemlich zwei Drittel der sonstigen Künstler. Darin liegt vielleicht noch ein Kritikpunkt: die Marek Lieberberg Konzertagentur hat musikalisch kaum Experimente gewagt. Es wurde beim Booking vor allem auf bereits populäre Acts gesetzt, nicht auf die Auswahl und Suche nach neuen Talenten. Rock am Ring beansprucht wie gewohnt keine wichtige Funktion für die deutsche Musiklandschaft, es möchte mit Unterstützung zahlreicher Sponsoren einfach ein überzeugendes Hochglanzprodukt abliefern. Das hat Lieberberg wieder mal geschafft. Warten wir mal ab, ob im nächsten Jahr die Gelegenheit da sein wird, das ausgefallene Rammstein-Konzert nachzuholen. Bis dahin: macht's gut, ihr Lieben!

05. Juni, 09:02 Uhr

So, jetzt aber. Mit Jake Bugg ging also alles los und der noch sehr junge Brite weiß, was er tut. Die Songs aus seinem durch die Bank gefeierten Debutalbum kann um mich herum fast jeder mitsingen, sie nehmen einen mit in eine andere Zeit, als die Rockmusik noch ein unangepasster Teenager war. Schade ist nur, dass wenige Menschen hier nach Marteria vor der Crater Stage verblieben sind. Zufällig (und glücklicherweise) hierhin verirrt scheint sich kaum einer zu haben. Dafür sind alle Anwesenden voll dabei. Der Sänger schließt Freundschaften mit Sexpuppe Helga und ihrem Reittier, einem der letzten überlebenden Einhörner. Für solche Momente geht man doch auf Festivals.

Jake Bugg macht neue Bekanntschaften!
Jake Bugg macht neue Bekanntschaften!

Dieses wundervolle Konzert schauen sich wirklich viel zu wenige Ringrocker an. Leider kann auch ich nicht länger bleiben, um Jake Bugg zu lauschen, es geht weiter zu Egotronic auf der Alternastage. Dort treffe ich meine beiden sehr sympathischen Mitfahrerinnen von der Hinfahrt, Feli und Pia, wieder. Zusammen wird ordentlich abgetanzt, auch wenn das Konzert nicht weiter hängenbleibt. Um so mehr das Darauffolgende von Bonaparte aka Tobias Jundt. Wer den kleinen Schweizer einmal live gesehen hat, der weiß: Seine Konzerte können wundervolle Freakshows im besten Sinne einer Freakshow sein. In den letzten Jahren sind sie reduzierter geworden, weil Jundt nicht mehr immer volle 180 geben möchte, so viel habe ich vergangenen Sommer beim Highfield Festival von ihm erfahren:

Aber jetzt fühle ich mich an das erste Mal erinnert, dass ich Bonaparte live erleben durfte. Das war 2011 bei meinem allerersten Rockfestival, natürlich Rock am Ring, ebenfalls hier auf der kleinsten der drei Bühnen. Die Stripper auf der Bühne haben jetzt genau so viel Spaß an ihrer Performance wie damals und wieder kommt es wahnsinnig gut bei den Leuten an. Und doch merkt man, dass sich Bonaparte künstlerisch weiterentwickelt hat. Mittlerweile ist Tobias Jundt zum Beispiel Dozent für Songwriting an der Kunsthochschule Zürich und schreibt auch ruhigere, weniger "am Rad drehende" Lieder. Auf so eine schnuckelige Bühne vor so ein ausgewähltes Publikum mit Bock auf Party gehört Bonaparte auf jeden Fall! Durch die Größe entsteht ein enger Kontakt zwischen Band, Tänzern und Zuschauern. Da kann es schon mal vorkommen, dass Tutanchamun einen mit Bällen bewirft.

Der Pharao ist anwesend.
Der Pharao ist anwesend.

Bonaparte hat mich auf Betriebstemperatur für meine große Jugendliebe gebracht: System of a Down! Sie sind bis heute meine Antwort auf die Frage, ob ich eine Lieblingsband habe. Und das, obwohl die Zeit, in der ich sie exzessiv gehört habe, schon weit zurückliegt. Auch wenn sich mein Geschmack ausdifferenziert und System of a Down große Anteile meines musikalischen Alltags eingebüßt hat... die Band hat mich nachhaltig geprägt, für alles, was danach kam. Als auf der Volcano Stage das Soldier Side Intro erklingt, kommen mir Tränen in die Augen, eine kullert sogar über die linke Wange. Ich stehe auf dem Dach der ring°arena und schaue mir die ersten Songs von oben an. Irgendwann halte ich aber nicht mehr aus, stürze die Treppen herunter und verschwinde im erstbesten Moshpit. Als dann gegen Mitternacht alles vorbei ist, bin ich heiser vom mitsingen, restlos ausgepowert, mit eigenem und fremdem Schweiß durchtränkt und einfach nur glücklich.

Soldier Side eröffnet das Spektakel.
Soldier Side eröffnet das Spektakel.

Nach System of a Down mache ich noch einen Abstecher zu Macklemore & Ryan Lewis, welche das Programm hier auf der Crater Stage beenden. Zu "Can't Hold Us" bilden ein paar Leute aus ihren erhobenen Armen einen zehn Meter langen Tunnel, durch den ich laufe. Alle haben Spaß, bis zur letzten Minute. Ich halte noch die Hälfte des Konzerts durch, dann überkommt mich aber die Erschöpfung und ich gehe schlafen. Gegen acht Uhr stehe ich auf und packe zusammen. Zeit, die wahrscheinlich letzten Zeilen dieses Tagebuchs zu tippen. Meine Mitfahrer kommen zum Parkplatz und jetzt machen wir uns auch schon auf den Weg zurück ins ferne Leipzig. Leb wohl, Nürburgring, bis zum nächsten Mal!

05. Juni, 00:50 Uhr

Zurück im mephisto-Mobil, in meinen Schlafsack eingekuschelt und einfach nur tot. Jetzt noch Festivaltagebuch weiterführen, das kriege ich nicht mehr auf die Kette. Die letzten Stunden muss ich wohl morgen früh in alter Frische rekapitulieren. Schlaft gut, ihr Nachtschwärmer daheim an den Endgeräten!

04. Juni, 19:17 Uhr

Marteria ist ganz schön abgegangen, aber Holla die Waldfee! Im Vorhinein war ich etwas melancholisch, dass sein Alter Ego Marsimoto wegen der reduzierten Setlist wohl nicht auf der Bühne vorbeischauen wird und der Verdacht bestätigt sich. Aber bei der Dichte des Konzerts kommt nie das Gefühl auf, dass etwas fehlt. Der Rapstar gibt sein Bestes, vielleicht gerade, weil er sein am Freitag abgesagtes Konzert jetzt nachholen kann. Drei mal fragt er bei der Technik nach, wie lange er noch Zeit hat und versucht am Ende jede nur irgend mögliche Sekunde auszunutzen, um die Menge anzuheizen. Er fordert einen Korridor, der sich eher dürftig vor ihm auftut, läuft dann trotzdem ins Publikum und wird dabei fast von seinen Fans zerrissen. Einer schnappt ihm die Basecap vom Kopf. Als Marteria dazu aufruft, dass alle Leute ihre T-Shirts ausziehen und wegschleudern, fliegen vor der Crater Stage gut und gerne zweitausend Kleidungsstücke kreuz und quer durch die Luft. Jetzt sitzt er wohl schon im Helikopter auf dem Weg nach Nürnberg, denn: Marteria ist der Erste in der Geschichte der Schwesterfestivals Rock am Ring und Rock im Park, der am selben Tag bei beiden ein Konzert spielt. Sagt er zumindest selbst. Da haben wir also gerade einen historischen Moment erlebt... Weiter geht's jetzt zu Jake Bugg und bis tief in die Nacht bekomme ich auch keine Verschnaufpause mehr. Band an Band an Band steht auf dem Programm. Bis später, ihr Lieben!

Rammstein haben ihr Konzert nicht nachgeholt, er macht es: Marteria.
Rammstein haben ihr Konzert nicht nachgeholt, er macht es: Marteria.

04. Juni, 11:55 Uhr

Naja, eine "gute Nacht" sieht anders aus. Ich bereue es ganz schön, nicht im mephisto-Mobil gepennt zu haben, sondern im billigen Discounter-Wurfzelt. Der dünne Stoffboden hat eine Menge Wasser reingelassen und das hat sich am Fußende des Zeltes gesammelt. Minute für Minute ist es dann Stück für Stück in meine selbstaufblasenden Luftmatratze gezogen und ich musste meine Füße im Laufe der Nacht immer weiter heranziehen. Jetzt bin ich also ganz schön verspannt. Die letzte Nacht verbringe ich also lieber im trockenen Auto, nie wieder Wurfzelt. Aber der Tag verspricht super zu werden, heute Abend spielt nämlich meine Lieblingsband: System of a Down! Das wird geil. Jetzt sitzen wir aber erst mal auf dem Dach der ring°arena und schauen dem Team hinter der Band Kaiser Franz Josef beim vielversprechenden Soundcheck zu. Die drei Österreicher dürfen den letzten Tag hier auf der Volcano Stage eröffnen. Dabei wird ausgiebig gefrühstückt, Kräfte sammeln für den Tag.

Gleich gehts hier los mit Kaiser Franz Josef, langsam füllt sich das Gelände...
Gleich gehts hier los mit Kaiser Franz Josef, langsam füllt sich das Gelände...

04. Juni, 00:49 Uhr

Es ist wieder viel passiert in den vergangenen Stunden. Diesmal zum Glück nichts unliebsames wie der kurzzeitige Abbruch des Festivals. Die Donots haben die Menge erwartungsgemäß ordentlich angeheizt für alles, was danach kam. Ein Interview mit ihnen habe ich leider nicht mehr bekommen, aber das holen wir sicher noch irgendwann nach! Nach den Donots stehen dann die Punkikonen von Sum 41 auf der Bühne und nehmen sie fast auseinander. Ihre neue Platte 13 Voices war ehrlich gesagt komplett an mir vorbeigegangen, aber auch die neuen Songs werden von der Menge aus voller Kehle mitgegröhlt. So muss das doch sein. Danach gibt es für mich mal zwei Stündchen zum Ausruhen und ein paar Eindrücke vom Festivalgelände sammeln. Ich habe endlich mal die Gelegenheit mich mit meiner Schwester in das mephisto-Mobil zu setzen und ein wenig zu schnacken. Sie hat mich nämlich zum Nürburgring begleitet und campt auch mit mir.

Familiäre Verschnaufpause im mephisto-Mobil...
Familiäre Verschnaufpause im mephisto-Mobil...

Zusammen gönnen wir uns einen (natürlich total überteuerten und dafür eher spärlich gefüllten) Döner. Egal, Hauptsache etwas im Magen! Gegen halb acht sehe ich mir mit dem Schwesterherz und auch vor allem ihr zur Liebe die Broilers an. Quälen muss ich mich zwar nicht durch das Konzert, aber gut angelegte Lebenszeit sieht trotzdem anders aus. Die Beatsteaks aus Berlin machen dann aber alles wieder wett. Nicht umsonst sind sie die Band, welche ich bisher am häufigsten live gesehen habe. Auch wenn mal alles ins Wasser fällt: Arnim & Co. haben es immer geschafft, mir den Tag zu retten. Noch ist aber nichts "ins Wasser gefallen" und meine Stimmung auf ihrem bisherigen Höhepunkt. Noch. Bei den Toten Hosen fängt es dann nämlich an, in Strömen zu regnen. Der guten Laune tut das trotzdem keinen großen Abbruch, was mich durchaus überrascht. Für die Hosen konnte ich mich nämlich nie großartig begeistern. Ihr Konzert haut aber richtig rein, der Positionierung als Headliner werden sie also definitiv gerecht. Dafür ist es sogar in Ordnung, die Beginner zu verpassen!

Bei den Toten Hosen war Party angesagt!
Bei den Toten Hosen war Party angesagt!

Völlig durchnässt sitze ich jetzt im Pressezentrum und schaue mir am Bildschirm die krasse Show an, mit welcher Kraftklub unter sintflutartigen Bedingungen aufwartet. Es stehen mehr Menschen auf der Bühne, als jemals zuvor am Ring, an die fünfzig Tänzerinnen und Tänzer. Irgendwie muss man sein neues Album ja promoten, wenn es musikalisch, sagen wir mal, "eher semi" überzeugt. Parallel spielen Pierce the Veil, die ich sehr gerne gesehen hätte. Aber bei dem Regen hat es ohne Plastikponcho keinen Zweck, falls ich morgen früh nicht total erkältet sein möchte. Also gehts zurück zum Zelt. Gute Nacht!

03. Juni, 14:22 Uhr

Nach all dem Trubel habe ich jetzt tierisch Lust bekommen, auch endlich mal ein paar Bands zu sehen. Nicht vom Dach der Tribünen aus, umringt von dutzenden Teleobjektiven, sondern aus der brodelnden Mitte eines Moshpits. Also, auf geht's zu den Donots! Die spielen nämlich in etwa einer halben Stunde auf der Volcano Stage. Ein Interview mit ihnen habe ich für den Nachmittag auch angefragt. Mal schauen, ob das klappt. Sänger Ingo ist ziemlich cool drauf, so viel hat mephisto-Redakteur Till vor einiger Zeit schon herausgefunden. Außerdem freue ich mich noch ziemlich auf das Beatsteaks-Konzert heute Abend. Mit deren Bassist Torsten haben wir vergangene Woche bei ihrem Konzert in Leipzig schon gesprochen, zu hören gibt es das Interview dann am Donnerstag bei uns im Tonleiter. Und mein absolutes Highlight des Tages sind die Beginner kurz nach 11 auf der Crater Stage. Hach, meine Lieben, die Vorfreude steigt! Auf dem Weg zu den Donots komme ich am Stand von Jägermeister vorbei. Über Werbung für Spirituosen oder auch Tabakwaren lässt sich ja durchaus streiten, aber das Unternehmen scheint eine wirklich gute Marketingabteilung zu haben. Vom ganzen Festivalgelände aus gut sichtbar steht dort ein etwa zwanzig Meter großer, begehbarer "Trojanischer Hirsch" aus Holz, der immer wieder martialisch Rauch aus den Nüstern bläst. Auf die Idee muss man erst mal kommen...

Der Jägermeister-Hirsch thront über dem Gelände.
Der Jägermeister-Hirsch thront über dem Gelände.

03. Juni, 10:30 Uhr

Nach einer kurzen, unruhigen Nacht bin ich zurück im Media Center. Und schon bevor sich die ersten offiziellen Vertreter von Innenministerium, Veranstalter und Polizei am Podium eingefunden haben steht fest: Es wird weitergehen! Das wurde vor einigen Minuten auf den Facebook- und Twitter-Kanälen von Rock am Ring bekanntgegeben:

Die Pressekonferenz selbst gibt wenig neue Infos. Bekannt scheint es mittlerweile zu sein, dass die Dokumente eines oder zweier Mitarbeiter mit Kontakt zur salafistischen Szene nicht mit ihrer wahren Identität übereinstimmten und die Polizei daraufhin auf Nummer Sicher gehen wollte. Gemeinsam mit einem dritten Verdächtigen wurden sie über Nacht vernommen und heute morgen wieder freigesetzt nachdem sich der Verdacht nicht erhärtet hat. Trotzdem seien "mehrere Asservate" in den Wohnungen der Verdächtigen sichergestellt worden und das Verfahren dauert an, so Polizeisprecher Semmelrogge. Marek Lieberberg kündigt an, dass das Programm heute mit geringer Verspätung aber regulär laufen soll. Sein Sohn korrigiert ihn vom Rand aus direkt, dass es sogar pünktlich beginnt. In einem Punkt sind sich alle einig: es herrscht große Zufriedenheit über die kontrollierte Reaktion der Festivalbesucher! 

Marek Lieberberg über die allgemeine Situation
 

Ich denke, es war schon vorbildlich, was unser Festival und unsere Fans hier geleistet haben. Und denen gebührt die ganze Ehre, muss ich sagen.

Marek Lieberberg, Gründer und Veranstalter von Rock am Ring

03. Juni, 01:22 Uhr

Die Polizei war kurz nach Marek Lieberberg auch noch am Podium und hat Stellung genommen. Wirkliche Aussagen über den Stand der Ermittlungen wollte sie aber keine treffen, solange diese noch anhalten. Mittlerweile scheint sich die Lage draußen auf dem Gelände aber entspannt zu haben. Die Sperrungen wurden aufgehoben und das zwischenzeitlich abgeriegelte Pressezentrum darf jetzt wieder verlassen werden. Die meisten meiner Kollegen sind schon auf dem Weg zu ihren Zelten und Autos. Innerlich macht sich bei mir Erleichterung breit, dass nichts passiert zu sein scheint. Die vergangenen Stunden waren nervenaufreibend und ich war mitten in einer irgendwie surrealen Situation. Ich versuche noch, das gesammelte Bild- und Tonmaterial zu verarbeiten, aber die Konzentration ist immer wieder weg und ohnehin zu viel Koffein und Adrenalin in meinem Körper. Als letzter verlasse ich den Arbeitsplatz, verabschiede mich vom Wachmann und schlurfe in Richtung Zelt. Für morgen früh um Punkt 11 ist die Pressekonferenz angekündigt. Jetzt heißt es Daumen drücken, dass das Festival weiterlaufen kann.

02. Juni, 21:13 Uhr

Ich erreiche das Pressezentrum und die eilig von Marek Lieberberg einberufene Pressekonferenz hat bereits begonnen. Er ist froh über die verhältnismäßig ruhige Lage, hält dann aber aus persönlicher, inoffizieller Sichtweise eine emotionale Rede gegen die Entscheidung der Behörden. Bereits vergangenes Jahr war Rock am Ring vorzeitig abgebrochen worden, da aber wegen starker Unwetter. Lieberberg sagt den anwesenden Pressevertretern: "Das Kind ist wieder in den Brunnen gefallen. [...] Wir sind die Gelackmeierten." Er beschwert sich darüber, dass Fußballspiele hingegen trotz Anschlägen noch stattfinden können, sein Festival allerdings abgebrochen wird. Außerdem stellt er fest, dass er "[...] noch keine Moslems gesehen [hat], die zu zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: 'Was macht ihr da eigentlich?'" Diese Aussage wird man in den nächsten Tagen mit Sicherheit noch kritisch diskutieren. Auf die Frage, warum er alleine vorne steht, antwortet er: "Das frage ich mich auch." Es gibt spontanen Applaus von einem großen Teil der Journalisten hier im Raum. Ich hoffe gerade einfach nur sehr, dass sich die Situation heute nicht mehr als gefährlich herausstellt.

Marek Lieberberg bei seiner emotionalen Rede kurz nach Räumung des Geländes.
Marek Lieberberg bei seiner emotionalen Rede kurz nach Räumung des Geländes.

02. Juni, 21:00 Uhr

Ich bin beim Karussell auf dem Festivalgelände mit meiner Freundin Eileen verabredet. Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht gesehen und die Freude ist groß, als wir uns endlich gefunden haben. Gemeinsam soll es jetzt weitergehen zum Konzert von Rammstein. Plötzlich eine Durchsage von der Volcano-Stage: Das Festival wird vorläufig abgebrochen, es liegt angeblich eine Terrorwarnung vor! Das Publikum soll das Gelände geordnet in Richtung der Campingplätze verlassen. Eine Minute, nachdem wir einander begrüßt haben, muss ich mich schon wieder von Eileen verabschieden. Sie muss zurück in ihr Camp, ich muss dringend in das Media Center kommen. Ich sprinte los und muss mich, die Boxengasse entlang, durch den Strom des jetzt abziehenden Publikums kämpfen. Dabei blicke ich zwangsläufig in alle mir entgegenkommenden Gesichter. Erstaunlicherweise scheint es kaum Panik zu geben. Die Menschen wirken fast alle ruhig und besonnen. Hier und da sieht man verweinte Augen, aber das kann auch vom abgesagten Rammstein-Konzert herrühren.

02. Juni, 17:42 Uhr

Mit dem Shuttle geht es in den Backstage-Bereich für mein nächstes Interview. Ich treffe Benji Webbe, den Sänger der walisischen Band Skindred. Die feiert kommendes Jahr immerhin ihren zwanzigsten Geburtstag. Bekannt sind sie für ihren Crossover-Stil irgendwo zwischen Reggae und Metal. Wie bitte, das passt nicht? Doch, tut es! Benji begrüßt mich mit einem Fistbump und seinem deutlichen Patois-Akzent. Unser kleiner Schnack dreht sich um die musikalische Entwicklung von Skindred, die Situation rund um den Brexit und seine fast traumatischen Kindheitserinnerungen an Rumpelstilzchen. Als wir zum Abschied noch ein kurzes Social-Media-Video drehen wollen, fängt er spontan an, mich zum Schein zu würgen. Und ja, ich erschrecke mich total! Aber ein normales Selfie ist auch noch drin:

Benji Webbe (Sänger von Skindred) und ich.
Benji Webbe (Sänger von Skindred) und ich.

Auf dem Weg nach draußen komme ich an Marteria vorbei, der gerade eine Partie Tischtennis gewinnt. Dann steht er plötzlich neben mir: Till Lindemann, sagenumwobener Leadsänger von Rammstein. Ich frage ihn nach einem gemeinsamen Foto und er stimmt zu. Gerade will ich auf den Auslöser drücken, da wird der Bildschirm meines Handys schwarz. Strom alle. Tja, Pech gehabt! Im Davonschreiten ruft er mir noch zu: "Ich bin ja noch eine Weile hier." Das bin ich aber leider nicht. Es geht wieder ab in den Shuttle und zurück zum Pressezentrum.

02. Juni, 16:35 Uhr

Jetzt schauen Costa Cannabis und Chris Altmann von der Ska- und Punkband Sondaschule bei mir vorbei. Sänger Costa ist ein herzlicher Typ und begrüßt mich mit einer Umarmung. Kommenden Monat bringt die Band eine neue Platte raus: Schere, Stein, Papier. Sie soll ernster ausfallen, als man es von Sondaschule sonst gewohnt ist, das hat die Band im Vorhinein angekündigt. Gerade wegen der aktuellen politischen Lage in Europa. Aber Politik gehört trotzdem nicht in die Musik, sagt mir Costa im Gespräch. Da ich genau wie die Band aus dem Ruhrgebiet stamme, wird das auch schnell zum Thema. Als ich erzähle, wie sehr ich die rotzigen, ungehemmten Umgangsformen im Pott vermisse, steht Costa spontan auf und gibt mir ein Küsschen auf die Wange.

Ein Schmatzer vom Sondaschule-Sänger Costa und der Tag ist gerettet.
Ein Schmatzer vom Sondaschule-Sänger Costa und der Tag ist gerettet.

02. Juni, 15:18 Uhr

Und sicher am Nürburgring angekommen. Ich treffe mich mit Dan Maines, dem Bassisten von Clutch. Anfang der Neunziger hat sich die Band an ihrer High School im Heimatstaat Maryland (USA) kennengelernt. Dan ist ein ruhiger, entspannter Zeitgenosse mit tiefer Stimme und grauem Millimeterschnitt. Er erzählt mir davon, wie sie den Bandwettbewerb der Schule verloren haben und sich der Musikgeschmack mit dem Alter der Mitglieder gewandelt und in die eigene Musik Einzug gehalten hat. Zur Verabschiedung reden wir über die Shows von Rammstein und er ärgert sich, dass er wieder einmal keine Gelegenheit hat, sich eine davon anzusehen. Leider überschneiden sich die Konzerte nämlich. Irgendwann klappt es mal, Dan!

02. Juni, 07:45 Uhr

Also ganz ausgeschlafen bin ich definitiv noch nicht... aber auf geht's, Interviews rufen! Um 15:00 Uhr habe ich ein Gespräch mit den Stoner- und Bluesrock Urgesteinen von Clutch. Die treten zwar erst nachts um 00:20 Uhr (noch nach Rammstein) auf, aber davor wollen sie wohl noch ein Nickerchen machen. Fast 30 Jahre Bandgeschichte liegen hinter ihnen, da sind sie natürlich nicht mehr die Jüngsten! Aber Alter hin oder her, gerade beneide ich sie für den bequemen Tourbus. Das mephisto-Mobil muss ich jetzt nämlich leider selbst steuern...

Das mephisto-Mobil on Tour
Das mephisto-Mobil on Tour

02. Juni, 01:26 Uhr

Es ist soweit! Alles ist gepackt und in wenigen Stunden geht es los in Richtung Eifel zu meinem mittlerweile fünften Rock am Ring. Die Spannung steigt, immerhin ist das Line-Up des Festivalklassikers in diesem Jahr phänomenal. Mit Rammstein, System of a Down und den Toten Hosen als Headliner hat sich die Marek Lieberberg Konzertagentur für die Rückkehr an die alte Location nicht lumpen lassen. Aber damit nicht genug: auch mit Macklemore, Rag N Bone Man, Liam Gallagher, Beginner, Kraftklub, den Beatsteaks, Jake Bugg und Marteria zeigt sich die Vormachtsstellung des Veranstalters beim Booking großer Namen. So viel hatte er auch schon vor offizieller Bekanntgebung durchblicken lassen:

Die schiere Menge beliebter Bands lässt sich Marek Lieberberg auch fürstlich bezahlen: mehr als 200 Euro kosteten die Tickets in diesem Jahr! Dafür ist das Festival zurück am vielgeliebten Nürburgring. Die vorübergehende Alternative, der Flugplatz in Mendig, kam bei treuen Ringbesuchern nicht gut an, die Organisation stimmte hinten und vorne nicht. Zu wenig Fläche auf den Campingplätzen, für den Transport mit Sackkarren völlig ungeeignete Kieswege und viele andere Probleme. Auch das Konkurrenzprogramm "Grüne Hölle Rock" auf der Rennstrecke unter der Organisation der Deutschen Entertainment AG (DEAG) scheiterte 2015 kolossal. Nun hat der Ring als Festival-Austragungsort quasi eine dritte Chance bekommen. Mal sehen, was die so mit sich bringt!

 

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Maximilian Enderling
02.06.2017 - 11:55
  Kultur

Datum: 02. - 04. Juni 2017

Ort: Nürburgring

Besucher: ca. 80 000

Acts: Airbourne, Alter Bridge, AnnenMayKantereit, Bastille, Beatsteaks, Beginner, Bonaparte, Bonez MC & RAF Camora, Broilers, Clutch, Crystal Fighters, Donots, Egotronic, Feine Sahne Fischfilet, Five Finger Death Punch, Genetikk, In Flames, Jake Bugg, Kraftklub, Liam Gallagher, Macklemore & Ryan Lewis, Marteria, Prophets Of Rage, Rag N Bone Man, Schnipo Schranke, Simple Plan, Skindred, Sondaschule, Suicide Silence, Sum 41, uvm.

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Tickets: ausverkauft (vorher 210€ inkl Müllpfand)

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