Literaturrezension

Ein Clown, der Augenblicke sammelt

Mit dem Clown Hans schafft der Nobelpreisträger Heinrich Böll vielleicht seine einprägsamste Buchfigur. Dabei geht es in dem Roman "Ansichten eines Clowns" vor allem um Tabus, Anarchie, Heuchelei und den Augenblick.
Traurige Clowns gibt es oft in Literatur, Theater und Film
Traurige Clowns gibt es oft in Literatur, Theater und Film.

 Der Beitrag zum Nachhören:

Eine Rezension vom Roman "Ansichten eines Clowns" von Daniel Griffioen
 

Clowns gab es bestimmt schon immer, zumindest seit den alten Griechen. Die Idee von einer Person, die Streiche auf Kosten anderer macht, ist also nicht neu, auch nicht in der Literatur. Eine der bekanntesten Figuren ist in diesem Zusammenhang Till Eulenspiegel, dessen Geschichte bereits 1515 verfasst wurde.

Handlung und Stil

Die Geschichte in "Asichten eines Clowns" dreht sich um den 27-jährigen professionellen Clown Hans, der sechs Jahre lang auf Tournee war mit Marie, einer Katholikin, mit der er durchbrannte. Sie verlässt ihn dann, um den ebenfalls katholischen Heribert zu heiraten, und gelangt somit wieder in ihr bequemes altes Umfeld. Hans beginnt daraufhin zu saufen, was das Ende seiner Karriere herbeiführt. Am Schluss des Buches ist er nicht nur pleite, sondern auch allein.

Heinrich Böll schreibt aus der sehr wirkungsvollen Perspektive von Hans, die durch brutale Ehrlichkeit gekennzeichnet ist und dem Buch einen unübersehbaren melancholischen Charakter verleiht. Böll führt auch einen sehr gelungenen "chronologischen Stepdance" aus: Er erzählt immer wieder aus der Vergangenheit und baut damit den Rahmen auf, während er zur gleichen Zeit auch die eigentliche Geschichte erzählt. Dadurch erfahren die Lesenden immer Neues über die Charaktere und sie gewinnen ständig an Tiefe.

Der Augenblick

Nüchtern platziert Böll auch durchaus einprägsame Sprüche oder bon mots:

Jemand, der außen steht - jeder auf dieser Welt steht außerhalb jedes anderen - empfindet eine Sache immer als schlimmer oder besser als der, der in der Sache drin ist. Mag die Sache Glück oder Unglück, Liebeskummer oder "künstlerischer Abstieg" sein.

Dieser Spruch ist der Schlüssel, das Buch zu verstehen. Der Clown Hans ist ein Außenseiter, weshalb sein Handeln nicht zu verstehen ist - wieso er Marie nie geheiratet hat, wieso er immer so viel Geld ausgibt, wieso er gerne seine Bekannten beleidigt. Seine Geschichte ist eine Geschichte des Versagens, aber für ihn hat nur der Augenblick Wichtigkeit. Das zeigt sich zum Beispiel, als er eines Tages aus einer Laune seine letzte Münze aus dem Fenster wirft und einfach sagt:

Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.

Tabus

Überhaupt spielt das Thema Geld in der Geschichte keine kleine Rolle. Für Hans ist Geld dafür da, ausgegeben zu werden. Schon dafür bezeichnen ihn seine geizigen Eltern als verschwenderisch. Seine Eltern sind reich, aber haben nur eine abstrakte Vorstellung von Geld; sie würden nur auf ihren "Scheißmillionen rumhocken". An einer emotionalen Stelle, erinnert sich Hans etwa daran, als Kind nie genug zu essen gehabt zu haben.
Im Buch ist Geld ein Tabu, worüber nicht geredet werden darf. Dem Clown und Außenseiter Hans ist es aber ein Vergnügen, Tabus anzusprechen.

Sex ist ein weiteres Tabu-Thema. Die Kirche würde nur über das abstrakte "fleischliche Verlangen" sprechen; auch der 21-jährige Hans hat keine Vorstellung vom Geschlechtsverkehr. Die Frömmigkeit der Menschen scheint ihm aber an der Haustür zu enden. Verheiratete Frauen hätten zum Beispiel keine andere Wahl, als mit ihren Ehemännern zu schlafen – auch wider Willen. Böll schreibt sehr provokant, dass wer kein Geld für Prostituierte ausgeben will, heiraten soll.

Heuchelei

Auch das Thema der Heuchelei taucht im Buch immer wieder auf:

Was machte diesen liebenswürdigen Mann, meinen Vater, so hart und so stark, warum redete er am Fernsehschirm von gesellschaftlichen Verpflichtungen, von Staatsbewusstsein, von Deutschland, sogar von Christentum, an das er doch nach eigenem Geständnis gar nicht glaubte, und zwar so, dass man gezwungen war, ihm zu glauben?

Hier wird nicht nur Heuchelei kritisiert, sondern auch ein Auferlegen von christlichen Werten und Pflichten, was ein wiederholtes Thema in Bölls Büchern ist. Das Buch ist 1963 erschienen also mit dem Hintergrund der katholischen Adenauerära. Das zeigt sich dadurch, dass viele katholische Charaktere auch Politiker sind. Hans kritisiert diese Heirat von Staat und Kirche zum einen an der Kirchensteuer und zum anderen daran, dass er standesamtlich aber nicht kirchlich heiraten will. Er will nicht unterschreiben, dass seine Kinder katholisch erzogen werden. Nachdem Marie eine Fehlgeburt hat, sagt er:

Marie schien fest davon überzeugt, dass das Kind (...) nie in den Himmel kommen könnte, weil es nicht getauft war. Sie sagte immer, es würde in der Vorhölle bleiben. Und ich erfuhr in dieser Nacht zum ersten Mal, welche scheußlichen Sachen die Katholiken im Religionsunterricht lernen.

Fazit

Insgesamt erscheint der Clown Hans als ein Anarchist. Sein Feind sind die Strukturen der Gesellschaft, Politik und Religion. Er kann nie aufhören zu kämpfen, aber er wird auch nie gewinnen können. Die Menschen, die seinen Kampf wahrnehmen, nehmen ihn nicht ernst; schließlich ist er auch nur ein Clown.

Was sofort an diesem Buch auffiel, war die innere Kohärenz. Das Buch bindet nicht nur am Ende ein Schleifchen, sondern auch ganz viele zwischendurch. Im Buch geht es um einige große Themen: Tabus, Anarchie, Heuchelei, den Augenblick. Sie bauen aufeinander auf und kehren immer wieder. Das verleiht enorme Aussagekraft und gibt den Anschein eines zeitlosen Klassikers.

 

 

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"Ansichten eines Clowns" von Heinrich Böll ist im Oktober 2017 in einer neuen Ausgabe im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen. Das Buch hat 304 Seiten und kostet 12 Euro.