Literaturperformance

Literarisches Gebäck

Wer den gut gemeinten Ratschlag bekommt, nicht mit Brot über die Ampel zu gehen oder zwecks Energiegewinnung Brotosynthese zu betreiben, hat sich entweder verhört oder das virtuose Wortkunst-Ensemble "Lesebühne Kunstloses Brot" erlebt.
Brotfladen
Brotfladen

Kennengelernt haben sie sich auf diversen Poetry Slams, also Dichterwettstreits, bei denen die Teilnehmenden selbst geschriebene Texte präsentieren. Bevor sich im Sommer 2015 das vierköpfige Ensemble gründete, waren seine einzelnen Mitglieder also bereits auf unterschiedlichen Lesebühnen unterwegs. Die Initiative hat letztendlich Jan Lindner ergriffen. Im Zuge eines Slams, für den ihm ein Veranstaltungsraum zur Verfügung stand, sprach er mit Nils Matzka darüber, eine Lesebühne ins Leben zu rufen. 

Wir wollten wirklich vier Leute haben, die sich halt regelmäßig treffen und ohne dieses Wettbewerbsding.

Jan Lindner

Die Idee stieß auf Interesse, alle seien sich untereinander auf Anhieb sympathisch gewesen, berichtet Jan. Und so kamen er, Nils und Marsha Richarz und Sarah Teicher in der Tat zu einer Gruppe zusammen. Um als neu gegründetes, oder besser: frisch gebackenes Quartett auftreten zu können, musste ein Name her. Die vier überlegten hin und her, spielten ganz im Sinne ihrer Leidenschaft mit Worten. Schließlich war es wohl ein koffeinhaltiges Getränk auf betrunkenen Kopf, das den maßgeblichen Einfall beschert hat, gesteht Nils.

Wir hatten irgendwie 50 verschiedene Namensvorschläge schon durchgekaut, gefühlt und irgendwann hatten wir dann gesagt: „Ach, machen wir doch irgendwas mit ,brotlose Kunst’.“ Ich fand einfach die Vorstellung von kunstlosem Brot irgendwie unglaublich witzig. Ich hab mir wirklich vorgestellt, wie man so Teig auf so ’n Backblech klatscht und dann wird aber trotzdem irgendwie was Essbares draus.

Nils Matzka

Besonders zufrieden sind die vier mit der merklichen Prise Selbstironie, die in dem Namen steckt. Mit einem Augenzwinkern lässt sich die Metapher durchaus übertragen: Die Zutaten sind die Worte, aus denen schließlich das Werk gemacht wird. Entstehende Texte betrachtet Jan als Produkt, mit dem man als Urheber nicht nur dem Publikum, sondern vielmehr sich selbst nahe kommen könne, in dem was man sagen wolle. Man probiere dazu diverse Mittel und Wege aus, erzählt er. Diese Versuche sind regelmäßig mitzuerleben, wenn das Ensemble Lesungen veranstaltet.

Der Stoff, aus dem das Leben ist

Häufig sind es persönliche Erlebnisse, Geschehnisse aus dem Alltag, die nicht nur Sarah zum Schreiben inspirieren. So ergebe sich eine Begegnung mit den Zuhörenden auf Augenhöhe, meint Nils. Deshalb sei der Anspruch mitunter, ihnen zwei Stunden zu bieten, in denen sie auf der Bühne möglichst sie selbst seien keine Kunstfiguren, sondern "Menschen, die eben auch Texte schreiben".

Das Konzept geht auf. Das Tolle an der Lesebühne sei, dass sich die Texte über das Reglement eines herkömmlichen Poetry Slams hinwegsetzen dürfen, betont Nils. Entsprechend experimentell schreiben die vier Poetinnen und Poeten und bringen unterschiedlichste Performances auf die Bühne. Jede Lesung steht unter einem Motto, das in der vorhergehenden Veranstaltung vom Publikum bestimmt wird.

Das Veranstaltungsprogramm vergleicht Nils gern mit einer Wundertüte – für alle Beteiligten. Von Profanem oder Philosophischem und Humorvollem bis hin zu sehr Ernstem kann alles dabei sein. Für Letzteres sorgt Jan besonders gern in lyrischer Form.

Sortenvielfalt

Vor dem Auftritt kennt übrigens keines der Mitglieder die Texte der jeweils anderen. Sowohl vor als auch auf der Bühne biete somit jeder Vortrag potenziell eine Überraschung, schildert Marsha. Sie staunt immer wieder darüber, dass sich trotz des gemeinsamen Themas selten bis nie Inhalte doppeln.

Also da merkt man wirklich, dass wir unterschiedlich an Texte rangehen, an Themen und unterschiedlich denken und uns dann trotzdem so gut verstehen. Oder vielleicht auch genau deswegen.

Marsha Richarz

Diese Vielfalt sehen auch Jan und Nils als großen Mehrwert der Lesebühne Kunstloses Brot. Fremd werden sie einander bei allen Unterschieden allerdings nie. Vielmehr inspirieren sie sich gegenseitig, interagieren spontan, haben Mut zu neuen Experimenten. Ein Beispiel ist die Fragerunde, die sich als eigenes Format etabliert hat. Nach dem Zuhören bekommt das Publikum die Gelegenheit, den Lesenden Fragen zu stellen. Dabei zeigen sich die Gäste erfahrungsgemäß durchaus kreativ, berichtet Nils.

Ich glaub, die schönste Frage, die ich je bekommen hab, war „Was hat dein heutiges Mittagessen mit dem Spätwerk von Franz Kafka zu tun oder gemeinsam? Und der Witz war, ich hab an dem Tag gerade Tote Oma mit Kartoffeln gegessen, so gekochte Grützwurst. Und ich hab dann so gedacht: „Ja, das liegt auf der Hand, ne?“

Nils Matzka

Selbst wer die Texte also für geschmacklos, oder tatsächlich kunstlos befindet, wird mitunter feststellen, dass ein Abend mit Jan, Marsha, Nils und Sarah durchaus gehaltvoll sein kann. Es bleibt also zu hoffen, dass die Lesebühne Kunstloses Brot auch in Zukunft buchstäblich etwas gebacken kriegen wird.

Den Beitrag zum Nachhören:

Ein Beitrag von Redakteurin Frauke Siebels
Ein Beitrag von Redakteurin Frauke Siebels

 

 

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Hintergrundinformationen zum Ensemble gibt es auf deren Internetseite.

Außerdem hat die Gruppe eine eigene Facebookseite, über die u. a. Termine der nächsten Auftritte zu erfahren sind.
Regelmäßig ist die Lesebühne Kunstloses Brot im Beyerhaus zu erleben.