Rotes Sofa: Marion Brasch

Lieber Woanders

In "Lieber Woanders" von Marion Brasch richtet die Autorin des Buches ihr Augenmerk auf die Frage: Sind es die Zufälle die unser Schicksal bestimmen, oder unsere Entscheidungen?
Marion Brasch im Interview
Marion Brasch im Interview

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Toni ist eine junge Frau Mitte zwanzig und jobbt in einer Kneipe. Nebenbei malt sie gerne und hat demnächst ein Vorstellungsgespräch bei einem Verlag, der an einem Kinderbuch mit ihren Zeichnungen interessiert ist. Sie spart für eine Reise nach Neuseeland, um dort einen Freund zu besuchen. Sie will fliehen.

Vielleicht vor den Schuldgefühlen, die sie seit sieben Jahren hegt. Denn zu dieser Zeit ist ihr kleiner Bruder gestorben, für dessen Tod sie sich verantwortlich fühlt. In ihr herrscht dadurch eine Schwere, die keine Schwerelosigkeit mehr zulässt. Sie wünscht sich Halt in ihrem Leben, beispielsweise durch einen großen Bruder, den sie nie hatte.

"In diesem Sommer hätte Toni gern einen großen Bruder gehabt. Nicht einen, der auf sie aufpasste, das konnte sie selbst ganz gut. Eher einen, der sagte: Das wird schon wieder. Doch sie hatte keinen großen Bruder. Und es wurde auch nicht wieder. Im Gegenteil."

aus "Lieber Woanders"

Der zweite Protagonist des Buches ist Alex. Er war in der Vergangenheit LKW-Fahrer und arbeitet als Veranstaltungstechniker für eine Musikergruppe. Er hat eine Frau und eine Tochter und eine Affäre mit einer anderen Frau. Auf diese Affäre ist er zwar nicht stolz, aber er weiß auch nicht, wie er sein Leben anders gestalten sollte, um Klartext zu schaffen.

"Er hasst sich dafür. Doch was bleibt ihm anderes übrig. Zu sagen was er denkt, war noch nie seine Stärke. Augen zu und durch, damit ist er immer gut gefahren. Und faule Kompromisse, damit kennt er sich aus. Mit faulen Kompromissen und falschen Entscheidungen."

aus "Lieber Woanders"

Auch Alex nagt seit sieben Jahren an einem Erlebnis, das er nicht überwinden kann. In Marion Braschs Geschichte bewegen sich diese zwei Menschen innerhalb von 24 Stunden aufeinander zu. Sie sind sich in der Vergangenheit bereits begegnet, ohne dass sie es gemerkt hätten. In einer Situation, die ihre beiden Leben schwerwiegend verändert hat. In einer Situation, in der sie beide Lieber woanders gewesen wären.

Emotionale und teilnahmslose Figuren

Toni spielt dabei die wesentlich emotionalere Rolle. Durch detaillierte Beschreibungen ihrer Emotionen und Gedanken bekommen die Lesenden einen tieferen Einblick in ihre Lebenswirklichkeit. Man erfährt mehr über ihre Pläne und Wünsche.

Ganz anders wird Alex beschrieben. Er wirkt oft teilnahmslos. Dies macht sich durch kurze Sätze bemerkbar, die oft sein Desinteresse zeigen. Alex wiegt sich still und scheinbar zufrieden in seiner Unzufriedenheit. Dabei will er sich nicht verantwortlich für seine Feigheit fühlen. Beispielsweise ehrlich zu seiner Frau zu sein. Erst gegen Ende des Buches ergreift er den Mut, sich seiner Verantwortung zu stellen.

Eine dritte Stimme kommentiert

Marion Brasch gelingt es in ihrem Roman in einer trockenen, direkten Sprache, auf ein Thema anzuspielen, das uns alle betrifft: Was bestimmt unser Schicksal? Sind es eher unsere Entscheidungen oder sind es die Zufälle? Um dies zu verdeutlichen, lässt die Autorin zwischen den Kapiteln eine dritte Stimme zu Wort kommen, die die Erlebnisse der Protagonisten und Protagonistinnen kommentiert.

Diese Stimme ergänzt die Geschichten von Toni und Alex und liefert interessante Denkanstöße. Toni erzählt also ihre Version einer Geschichte, die ihre Mutter vielleicht ganz anders erzählen würde. Oder umgekehrt. Mit Sicherheit würden beide an ihre Version glauben, so ist das mit der Erinnerung – sie führt uns an der Nase herum. Oder wir sie, je nachdem.

Fazit

Der Titel "Lieber Woanders" ist ein Fingerzeig auf die Momente im Leben, in denen man sich die Frage stellt, wie das Schicksal bestimmt wird. Wie beeinflussen Zufälle unser Leben und wie können wir Zufälle durch unsere Entscheidungen womöglich beeinflussen? Ein sprachliches Meisterwerk ist "Lieber Woanders" nicht. Zu sehr spart die Autorin mit Wörtern, zu pragmatisch ist das Buch geschrieben. Die simple und direkte Sprache macht die Erzählung aber sehr plausibel für den Leser und die Leserin und spiegelt die nüchterne Lebenswirklichkeit der Protagonisten wieder.

Sind es nun die Zufälle, die unser Schicksal bestimmen, oder unsere Entscheidungen? Offensichtlich beides: Am Ende ist es das Zusammenspiel von Zufällen und Entscheidungen, das über Glück und Unglück bestimmt. Das ist bei Toni und Alex so und wahrscheinlich auch bei uns der Fall.

 

 

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Über die Autorin:

Marion Brasch wurde 1961 in Ost-Berlin geboren. Sie arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Roman "Lieber Woanders" ist im Februar 2019 erschienen.