Sexismus in der Gastronomie

„Lieber Sexismus, Wir Kündingen“

So heißt in einem offenen Brief von Mitarbeitenden des Tanzcafés Ilses Erika. Dort soll es mehrere Sexismus-Vorfälle gegeben haben, deshalb haben vor einigen Wochen zwei Drittel der Belegschaft gekündigt und ihre Geschichte veröffentlicht.
Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland hat am Arbeitsplatz Sexuelle Belästigung erlebt oder beobachtet.

Der Beitrag zum Nachhören:

Sexismus in der Gastronomie - ein Beitrag von Raja Khadour und Zain Assaad
0608_BmE_Sexismus in der Gastro

Dieser offene Brief wurde über den Blog des Tresengeschichten-Kollektives veröffentlicht. Die Initiave gibt es seit einem halben Jahr. Dort finden sich Menschen zusammen, die in der Gastronomie tätig sind und sich gegen Sexismus am Arbeitsplatz einsetzen wollen. Eine von ihnen ist Vanessa, sie hat Tresengeschichten mitgegründet. Gemeinsam mit den anderen sammelt sie Geschichten von Betroffenen und teilt sie auf ihrem Blog.

Wir möchten alle Menschen einfach für das Thema sensibilisieren. Wir möchten den Betroffenen, die in der Gastronomie arbeiten einen Raum geben, wo sie sich austauschen können, wo sie Unterstützung finden. Unser Projekt ist grundsätzlich offen für alle Menschen, egal welcher Diskriminierung sie ausgesetzt sind.

Vanessa, Tresengeschichten-Kollektiv

Nachrichten können anonym über den Blog eingereicht werden, so Vanessa. Außerdem finden offene Plenen statt, wo sich Betroffene austauschen können.

Kein Einzelfall!

„Wenn du als Frau mit deiner Periode nicht klarkommst, dann hast du in der Gastronomie nichts zu suchen“, das ist einer der vielen Kommentare, die sich Vanessa auf ihrer Arbeit anhören musste. Damit ist sie kein Einzelfall. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gibt an: Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland hat am Arbeitsplatz sexuelle Belästigung erlebt oder beobachtet. Laut der Polizei kommen Straftaten am Arbeitsplatz jedoch seltener zur Anzeige als andere. Viele Vorfälle bleiben also unaufgeklärt. Am Arbeitsplatz wird auch selten darüber gesprochen. Denn Betroffene haben oft einfach Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Das erzählt auch Hannah, die früher in einem Leipziger Restaurant gekellnert hat:

Mir persönlich sind so Sachen passiert, wie dass mir gesagt wurde, dass das Bier was ich empfohlen habe ein Frauenbier sei, weil es so schwach sei. Eines Abends hatte ich Schlussschicht und da hatten wir eine Gruppe von ausschließlich Männern, die an einem Biertisch saßen. Da hat einer angefangen, mich anzufassen, als ich hinging, um dem das Bier zu bringen. Ich habe mich einfach vorne gemeldet und dann hat das ein männlicher Kollege übernommen. solche Begegnungen hinterlassen einen negativen Nachgeschmack.   

Hannah, Kellnerin

Sexismus stoppen, aber wie?

Für Hannah war der Vorfall damit geklärt. Betroffene können sich jedoch an Beratungsstellen oder Gewerkschaften wenden, zum Beispiel an DEHOGA Sachsen. Das ist die Berufsorganisation des Gastgewerbes in Sachsen. Sie vertritt die Interessen der Gastronomie-Betreiber. An einem Interview waren sie allerdings nicht interessiert. Die Begründung: Es gebe bei ihnen keine sexistischen Vorfälle. Wer aber von Diskriminierung betroffen ist und Hilfe sucht, kann sich zum Beispiel an das Antidiskriminierungsbüro in Leipzig wenden:

Hier im Antidiskriminierungsbüro machen wir Beratungen für Betroffene von Diskriminierung. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist etwas, was sich in den letzten Jahren gehäuft hat. Und es ist öfters auch so, dass manche recht früh kommen und sagen: „Ich fühle mich nicht wohl. Kollege x macht solche Bemerkungen“. Das ist schon mal sehr früh und dann sind die Chancen, dass man etwas verändern kann sehr gut.

Afsane Akhtar-Khawari, Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Doch das braucht Zeit. Bis dahin werden wahrscheinlich noch so einige Vorfälle auf dem Blog von Tresengeschichten landen.  

 

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Zain Assaad und Raja Khadour
30.08.2019 - 17:01