Albenrezension: Martin Kohlstedt

Liebe zur Intuition

In der dritten Veröffentlichung des Pianisten Martin Kohlstedt werden ganz ohne Worte riesige Welten erschaffen. Begleitet von einem drohenden Bass ist sein Klavierspiel dabei düsterer als je zuvor.
Martin Kohlstedt hypnothesiert auf seinem neuen Album.

Wem der Pianist Martin Kohlstedt noch kein Begriff ist, dem sei so viel gesagt: Der Musiker mit dem Wohnsitz in Weimar ist wohlmöglich mit den Tasten seines Klaviers verwachsen. Intuitiv und spielerisch setzt er seine ganz eigene Sprache auf seinem Instrument um. Die eindringliche, traumtänzerische Rhythmik und die breiten, warmen Harmonien tummeln sich im Impressionismus, Ambient und Jazz um dann doch etwas ganz Anderes zu machen. Man könnte an Klangbilder wie Yann Tiersens Fabelhafter Welt der Amelie denken – oder bei der aktuellen Veröffentlichung an den Soundtrack zu Fight Club.

Go with the Flow

Jetzt im November 2017 hat er sein neues Album „Strom“ veröffentlicht in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Verlag Kick The Flame. Der Albumtitel ist dabei keineswegs als elektrischer Strom zu verstehen, der blau und knackend in der Oberleitung der Tram aufblitzt. Er könnte eher für einen uralten Fluss stehen, der schon seit Jahrtausenden eine kleine Provinz bewässert. Oder eine Fußgängerpassage, in der jeden Tag aufs Neue eine namenlose Menge an Menschen ihren Zielen hinterhergehen. Vielleicht ist es auch das Tagebuch einer fremden Person, welches Martin Kohlstedt zufällig fand und wochenlang studierte, bis er es in seiner rhythmisch-hypnotischen Art vertonte.

Neben den Studio-Aufnahmen leben Martin Kohlstedts Kompositionen vor allem auf der Bühne. Die Stücke unterliegen einem ständigen Wandel durch Improvisation und den kommunikativen Moment mit dem Publikum. Neben klassische Konzertsälen ist er ebenso in subkulturellen Zentren und auf Festivals zu finden, wohin ihn auch Filmemacher Patrick Richter kürzlich begleitet hat.

Into the Rabbit Hole

Wohin uns das Album in seinen knapp fünfzig Minuten entführt, ist eine vertraute, intime Welt. Es beginnt mit einem zarten Erwachen, wobei bereits das erste Stück auch die tiefen, dramatischen Akzente andeutet, die das Album prägen. So zitieren sich die Stücke gegenseitig und setzen sich in feinfühlige Relationen. Kein Ton kann spurlos verschwunden – spätestens im nächsten Stück taucht er wieder auf. Die Harmonien entstehen ganz langsam aus sich selbst heraus und entwickeln sich weiter wie eine tänzelnde Metamorphose. Das warme-organische Klavierspiel wird dabei immer wieder von mechanischen Bässen aus Synthesizern untersetzt. Dies bildet eine Drohkulisse, die aufzulösen doch immer wieder geschafft wird. Und die letzten Töne erklingen mit einem Gefühl, man hätte ein halbes Menschenleben in dieser Welt verbracht.

Die Struktur des Albums schließt sich an seine zwei Vorgängeralben an, die ebenso simpel „Tag“ und „Nacht“ betitelt sind. Sie sind allesamt in 9 Stücke gegliedert, welche allesamt Titel tragen, die aus drei Buchstaben bestehen: „NAO“, „KSY“ oder „JIN“. Deren Bedeutung wird der Imagination der Zuhörer überlassen. Während Tag und Nacht so manche heitere, ekstatischen Stücke beinhalten und vielleicht eine kleine Zeit, einen Moment einzufangen versuchen, ist „Strom“ weiter gefasst, aber auch melancholischer. Es ist vielleicht das Werden und Vergehen und Neuenstehen, von dem es erzählt.

Fazit

Das dritte Album von Martin Kohlstedt ist keine Platte zum nebenbei hören. Doch wer sich auf die Reise einlässt, wird belohnt werden. Es ist eine assoziativ, intim, düster und doch befreiende Welt in die man entführt wird. Kohlstedts hypnotisches Klavierspiel ist ein besonderes Erlebnis.

 

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Martin Roggenbuck
25.11.2017 - 13:41
  Kultur

Martin Kohlstedt: Strom

Tracklist:

1. NAO
2. KSY
3. DOM
4. HEA
5. TAR
6. EJA
7. AMS
8. CHA
9. JIN

Erscheinungsdatum: 17.11.2017
Edition Kohlstedt

Aktuell auf Tour:

25.11.17 Leipzig / Gewandhaus

Tickets gibt es hier.

 

Eine Dokumentation zur Entstehung des Album sehen Sie hier: