Theaterkritik: Doktor Schiwago

Liebe in Zeiten des Umbruchs

Als Bestseller in Roman- und Filmfasssung begeisterte Doktor Schiwago Kitschliebhaber seit Jahrzehnten. An diese Hausnummer wagt sich in dieser Spielzeit die Musikalische Komödie und machte aus dem Familiendrama eine aufwändige Musicalproduktion.
Jurij (Jan Ammann) muss sich nach dem ersten Weltkrieg von Lara (Lisa Habermann) verabschieden.
Jurij (Jan Ammann) muss sich nach dem ersten Weltkrieg von Lara (Lisa Habermann) verabschieden.

 

 

Vor fast genau 50 Jahren sollte dem russischen Autoren Boris Pasternak der Nobelpreis für seinen teilweise autobiografischen Roman „Doktor Schiwago“ verliehen werden. Die gleichnamige Buchverfilmung erhielt sieben Jahre später fünf Oscars. Boris Pasternak hatte den Nobelpreis da längst abgelehnt, angeblich auf Druck der russischen Regierung.

Liebe mitten in der Revolution

Die Geschichte handelt vom russischen Arzt und Poeten Jurij Schiwago, der kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges die Tochter seiner Ziehfamilie heiratet. An der Front lernt er jedoch die freiwillige Krankenschwester Lara kennen und verliebt sich in sie. Es beginnt eine leidenschaftliche Dreiecksbeziehung mitten im revolutionären Russland. Jahrzehntelang befindet sich Schiwago im Dilemma zwischen Borgeoisie und Proletariat, Feudalismus und Sozialismus, zwischen der fürsorglichen Liebe seiner Frau Tonia und der nie enden wollenden Leidenschaft zu seiner Geliebten Lara.

Auf jedes Musikstück ein Todesopfer

In der diesjährigen Spielzeit brachte die Oper dieses Meisterwerk zum ersten Mal auf eine deutsche Musiktheaterbühne. Es entstand eine dreistündige Musicalproduktion, die bei der Premiere vergangenen Samstag den ausverkauften Saal der Musikalischen Komödie abwechselnd zu Tränen gerührt und zum Lachen gebracht hat. Der Regisseur Cusch Jung scheute sich trotzdem nicht davor die brutalsten Szenen des russichen Bürgerkrieges auf die Bühne zu bringen. So wurden zwischen herzzerreißenden Duetten und sagenhaften Choreografien mehr Menschen hingerichtet, als die Bühnengeschichte der Musikalischen Komödie vermutlich bisher verzeichnen konnte.

 

Liebevolle Ausstattung

Nicht zuletzt die liebevolle Ausstattung versetzte den Zuschauer in ein Russland des Umbruchs. Die authentischen Kostüme wurden umrahmt von russischen Palästen und Gebirgslandschaften. Ohne den Zuschauer mit seiner Fantasie alleinzulassen, verzichtete Karin Fritz beim Bühnenbild auf unnötiges Tamtam.

Überzeugende Hauptdarsteller

Denn der Fokus sollte schließlich auf den schauspielerischen und musikalischen Fähigkeiten liegen. Zurecht, denn nicht nur die Hauptdarsteller Jan Ammann als Schiwago und Lisa Habermann als Lara konnten überzeugen. Björn Christian Kuhn verkörperte den wohl ambivalentesten Charakter der Geschichte. Pasha ist zu Beginn des Krieges noch Laras frischgebackener Ehemann, ein Student mit dem Wunsch nach einer egalitäreren Regierung. Im Verlauf der Geschichte steigt er zu einem grausamen Führer der roten Armee auf, nennt sich Strelnikow und lässt beinahe beliebig Menschen hinrichten.

Standing Ovations

Im letzten Teil muss man als Zuschauer trotzdem eine sehr große Schwäche für Kitsch mitbringen. Nach der Pause jagt immerhin ein leidenschaftliches Duett das nächste. Ansonsten ist Doktor Schiwago aber ein wundervolles Gesamtpaket. Das Premierenpublikum belohnte die Inszenierung zurecht mit nicht enden wollenden Standing Ovations.

Eine Kurzrezension von Maximilian Enderling gibts hier zum Nachhören:



Maximilian Enderling rezensiert die Musicalproduktion von Doktor Schiwago.
 

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