Buchrezension

Lesen macht süchtig

"Mova" von Victor Martinowitsch spielt in naher Zukunft - alle Drogen sind legalisiert, nur der Verkauf und Konsum von Mova wird stark verfolgt. Mova, das sind kleine Passagen in weißrussischer Sprache, von dem die Junkies Trips wie auf LSD erleben.
"Mova" heißt Sprach auf weißrussisch

Die Rezension zum Nachhören gibt es hier:

"Mova" rezensiert von mephisto 97.6 Redakteur Kim Bürgl

Sprecher: Peggy Fischer, Florian Eib, Markus Lücker.

Techno Sound "Some Club Tech Dance with Strobe Tension Atmo (Music Fragment)" ist von Freesound.org user wertstahl unter Creative Commons Lizenz (CC BY-NC 3.0 DE) : http://freesound.org/people/wertstahl/sounds/361425/#

Mova Rezi online

Mein erster Mova Flash? Klar kann ich mich daran erinnern. An meinen ersten Kuss nicht mehr, aber an diese Nacht ganz genau. Also stellt euch vor: Stroboblitze, Musik, die unter die Haut geht. Und in diesem Augenblick geistiger Umnachtung materialisiert sich neben mir eine scharfe Lady – langbeinig, lüsterne Lippen, fiebriger Blick. Wir tanzten also, ich hatte einen Ständer, und überlegte mir, wie ich sie am liebsten nehmen würde. Ich knöpfte mir also die Jeans auf, aber sie stoppte mich mit dem sanften aber bestimmten Griff einer Raubkatze. Und zog ein Papierchen hervor, szenetypisch gefaltet, à l'enveloppe, nicht größer als ein Daumennagel.

 

Minsk im Jahr 4741, chinesischer Zeitrechnung. Chemische Drogen sind legal. Nicht aber Mova: kleine Textpassagen in Belarussischer Sprache. Die Junkies haben nach dem Lesen einen Trip, wie auf LSD. Obwohl die Textfragmente für viele kaum verständlich sind. Mova von Victor Martinowitsch erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven: Dem Junkie, und einem Dealer. Der Dealer schmuggelt Mova Fragmente aus dem verarmten Europa in den Chinesisch-Russischen Unionsstaat:

Mein Rucksack war mit „Waren gemäß Paragraph 264“ voll bis oben hin. Gut, in letzter Zeit würden Schmuggler und Dealer nicht mehr erschossen, heißt es, aber im günstigsten Fall gibt es trotzdem noch 10 Jahre. Mann, wo hatte ich nur meinen Kopf?

Eine Sprachdystopie

Der Leser erfährt nur scheibchenweise, in was für einer Welt die Geschichte spielt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Wie weit in der Zukunft wir uns befinden. Oder wie es zu einem Chinesisch-Russischen Unionsstaat gekommen ist. Die Zukunftsvision wirkt stellenweise konstruiert. Allerdings erfährt der Leser auch nur was der jeweiliger Erzähler weiß. Viel Wissen ist in der Welt von Mova bereits verloren gegangen.

Belarussische Kultur? Nie gehört. Belarussische Literatur? Macht euch nicht lächerlich. Ein Belarussischer Staat? Ja klar, ein paar Monate lang im Jahr 4616 unter deutscher Duldung. Dann kamen die Sowjets. Dann noch mal irgendein Durcheinander nach 4689, die Kummerzeit. Aber dann kamen schon bald die Chinesen, und brachten Ordnung und Spiritualität. Hier in Minsk soll dann ein schräger Dialekt entstanden sein, ein Mix aus veralteten russischen und polnischen Lexemen. Wie das Land, so die Sprache, oder?

Durch das unklare, zuweilen offensichtlich falsche Wissen der Erzähler, vermittelt der Autor dem Leser die dystopische Welt. Und mittendrin entspinnt sich ein Drogenkrieg mit undurchsichtigen Konfliktparteien. Geht es wirklich um Drogen? Oder ist es ein Kampf gegen die Unterdrückung einer Sprache, eines Volkes?

„Einen Moment. Die Briefchen machen doch wirklich high. Sogar ziemlich. Sonst würde doch kein Mensch Mova kaufen?" -

 „Schon möglich, schon möglich. Rog und ich haben unser Leben lang immer nur Belarussisch gesprochen, deshalb hat es uns nie das Hirn vernebelt, wenn wir Mova Texte lasen“ 

„Aber woher kommt dann de Psychedelische Effekt, wenn Mova früher unsere natürliche Sprache war?“

- "Nimm dir mal eine Nation vor, zwinge ihr eine andere Sprache auf, und verbiete den ursprünglichen Wortschatz komplett. Und verkaufe dieser Heimat und wurzellosen Generation dann kleine Schnippsel ihrer uhreigenen Schriften, unter Androhung von 10 Jahren Drogenknast. Da kommt der Kick ganz von selbst."

Victor Martinowitsch hat sich in einem früheren Werk mit dem Weißrusischen Diktator Alexander Lukaschenko auseinandergesetzt. Jetzt thematisiert er den Untergang des Belarussischen. Und das macht er ziemlich gut. Der Leser bekommt selbst Mova Fragmente zu lesen, mal ein Gedicht, mal ein Ausschnitt aus einem Reisebericht. Der Autor spielt mit der Sprache, sodass der Übersetzter kaum hinterherkommt. Dieser muss dann schon mal zum holändischen Greifen, um die Ähnlichkeit von ukrainisch und weißrussisch zu verdeutlichen.  

Zum Teil wirkt Mova auf den deutschen Leser stark von weißrussischen Nationalstolz geprägt. Aber insgesamt ist es ein kluges Buch, mit viel Witz und Tempo. Und als der Drogenkrieg im Verlauf des Romanes eskaliert, wird es zum packenden Thriller.

 

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